Der Mundschutz oder: Wie ich zuhöre

Im Angesicht einer Lungenkrankheit, die inzwischen fast 1 Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll, über das eigene unbedeutende Dasein und dessen Verschlechterung zu klagen, scheint gegenwärtig mehr als unangebracht. Und ich tue dies auch nicht. Wie gewohnt stelle ich mir Fragen, taste mich durch das Dickicht von Vorbehalten, Ängsten und Medienberichten, die meine Phantasie Horrorszenarien entwerfen lassen… Und ich taste mich hindurch im Bemühen danach sie zu verstehen, all die Sorgen, die nun mal auch mich als sehbehinderten Menschen (oh wie ich es hasse, diesen Begriff immer wieder und wieder anzuführen) in den letzten Wochen begleiten.

Die Folgen der physischen Distanz zwischen zwei Individuen habe ich im letzten Blog ausführlich geschildert. Heute möchte ich einen anderen Aspekt beleuchten, der mir seit Mittwoch den Schlaf raubt: die Mundschutzpflicht.

Wenn ich auch wenige Menschen persönlich kenne, die meiner Peergroup (im soziologischen Sinne) angehören, so habe ich doch den Eindruck gewonnen, dass Seheingeschränkte Stimmexpertinnen und -experten sind, Stimmen und den Gebrauch von Worten miteinander in Beziehung setzen, den Kontext des Gesprächs in ihre Überlegungen mit einbeziehen und daraus die Motive und Regungen des Gegenübers außerordentlich differenziert herausfiltern. Eine winzige Veränderung der Tonhöhe eines einzelnen Wortes im Sprechfluß liefert Informationen, die der Sprecher oder die Sprecherin womöglich nicht intendierte; ein Entweichen der Luft, das nur eine Nuance lauter ist als der Atem, aber noch längst nicht als Seufzer interpretiert werden kann, gibt dem aufmerksamen Zuhörer und der aufmerksamen Zuhörerin Aufschluss über den Gemütszustand des Gegenübers. Wenn ich es wüsste, aber hier bewege ich mich auf ganz dünnem Eis, dann würde ich behaupten, dass Gesichtsausdrücke weit mehr kontrolliert werden können als die akustische Mimik. Den meisten Menschen entzieht sich meines Wissens nach gar die Kenntnis ihrer bloßen Existenz, denn sie ist weit mehr als bewußter Einsatz von Stimme in Kombination mit Worten, Begriffen oder inhaltlichen Kontexten. Gerade Emotionen wie Geringschätzung, Abscheu, Ungeduld, Vergnügen, Unkonzentriertheit, Begeisterung, Hingabe lassen sich in meiner Wahrnehmung nur mit großer und sehr bewusst unternommener Anstrengung aus einer stimmlichen Momentaufnahme heraushalten. Zumindest sind es die genannten Gefühle, die ich persönlich leicht aus Gesprächen mit meinen Mitmenschen herausfiltern kann. Ich setze diese Filter natürlich in Relation zu mir selbst und stelle in Frage, warum ich gerade diese und nicht andere Emotionen besonders intensiv höre. Siebe ich nur diejenigen Emotionen aus anderen Stimmen aus, die mich zu Reaktionen veranlassen, die mich warnen, ermuntern, bremsen, motivieren, zum Handeln auffordern wollen? Vielleicht sind es auch nur die Begriffe, die eine Emotion erst zu einer solchen werden lässt. Ungeduld wird erst zum Vorwurf in einer Unterhaltung, wenn sie als solche benannt wird und somit einer Rechtfertigung bedarf. Aber die Unzulänglichkeit von Begriffen im Zusammenhang mit gehörten Emotionen ist nicht Thema des heutigen Blogs.

Ich will versuchen, den Vorgang des Hörens und Verarbeitens in meinem sehungeheuerlichen Hirn einmal genau zu beschreiben: Ich unterhalte mich mit Person A über ein Thema, nennen wir es heute der Einfachheit halber Covid 19. Ich höre ein Zittern in der Stimme meiner Telefonpartnerin bei dem Wort „Kinder“ und gehe im Geiste alle Emotionen durch, die ich mit Person A im Zusammenspiel von „Stimme zittert“ und „Kinder“ verbinde. Ist die Person jemand, der energetisch eher hoch getaktet ist und dessen Stimme zum Umkippen neigt, weil sie die Wut nicht aus ihr heraushalten kann? Ist sie wütend über den zu geringen Schutz von Kindern? Hat sie sich jüngst über Kinder geärgert? Oder handelt es sich um eine verzagte oder ängstliche Person? Ist der Gedanke an Kinder für die Person aus welchem Grund gerade so akut belastend, dass sie mit den Tränen kämpft oder steckt noch etwas anderes dahinter? Blitzschnell repitiere ich den gewählten Wortlaut von Person A, präge mir die von ihr benutzten Begriffe und den Moment des wahrgenommenen Zitterns ein und versuche, je nach Beziehung, die ich zu der Person habe, mit vorsichtigen Fragen oder Hinweisen eine Erklärung für die Stimmschwankung zu finden. Ich versuche also gleichermaßen auf Inhalt und Form zu reagieren, die sich mir im stimmlichen Profil von Person A mitgeteilt hat.

Die Frage „Warum hast Du so ein Zittern in der Stimme?“ hat nur sehr selten eine ehrliche Antwort zur Folge, und sie funktioniert nur bei sehr engen Freundinnen und Freunden. Allein die Antwort auf eine weniger eindeutlig gestellte Frage wie „Irgendwas stimmt grade nicht, das hör ich doch“ ist schon ernüchternd, streiten es doch die allermeisten Menschen ab, wissen nicht um ihre verräterischen Stimmschwankungen. Mich beschleicht indess bisweilen der Verdacht, ich höre da schon die Flöhe husten, für mich kündigt sich etwas an, bevor die stimmlich abgebildete Emotion meinem Gegenüber bewusst wurde.

Andere wiederum empfinden es als Trick, wenn ich ihnen auf den Kopf zusage, „ich höre da etwas in Deiner Stimme“, um etwas aus ihnen herauszukitzeln oder eine Aussage über etwas oder jemanden zu erzwingen, die sie ihrer Ansicht nicht zu machen vorhatten. Ich bin die Lauscherin an der Wand und muss mich dann nicht wundern, meine eigene Schand zu hören. Ich bin hier in zwei gerissen. Auf der einen Seite fühle ich mich verletzt, dass mein Ohr nicht ernstgenommen wurde, hörte ich doch eine klar für mich identifizierbare Emotion. Auf der anderen Seite frage ich mich, warum ich in diese oder jene Unterhaltungssequenz etwas hineininterpretiere, was womöglich eher oder ausschließlich mit mir und meinen Unsicherheiten zu tun halt als mit dem Gegenüber.

Sollte sich hier irgendjemand fragen, wie ich bei all den Informationen, die ich neben dem rezipierten Inhalt eines Gesprächs aufnehme, noch klar im Kopf sein kann… Bitteschön, ich habe nie behauptet, klar im Kopf zu sein. Nur die lautesten leisen Töne eines Gespräches zeichne ich auf und verarbeite sie zu Informationen, auf die ich reagieren muss. Es gibt die, die ich wahrnehme und zu Gunsten des Inhaltes ignoriere, diejenigen, die ich anspreche, und natürlich gibt es zu 100% all diejenigen, die ich selbst überhaupt nicht antizipiere. Aber zu lernen und immer wieder besser zu werden als tags zuvor, das ist etwas, das mir jeden Tag neuen Auftrieb verschafft.

Achja, Mundschutz – was hat das alles mit Mundschutzpflicht über mehrere Monate zu tun?

Abstand halten, Hilfe annehmen – n Scheiß muss ich! Oder doch?

„Ich geh gern für dich einkaufen“, „Wenn Du Hilfe brauchst“, „Sollen wir uns mal treffen und uns 1,5m auseinander setzen und ein bisschen quatschen?“

Zuerst bedenken wir einmal die derzeitige Situation und erinnern uns an den letzten Blogeintrag, in dem ich ausdrücklich darauf hinwies, dass angesichts der gegenwärtig herrschenden Corona Krise die Thematik des Blogs keine akute Brisanz aufweist. Außerdem finden durch das social distancing gegenwärtig nur wenige Begegnungen zwischen der Umwelt und mir statt. Und ich meide sie auch bewusst, entziehe mich derlei Angeboten aus meinem Freundeskreis. Kann ich beim Einhalten der gegenwärtig herrschenden Regeln doch kaum meine kommunikative Kompetenz einbringen, wo visuelle Kommunikation dominant ist.

Zu abstrakt?

Ich habe die letzten beiden Wochen immer wieder darüber nachgedacht, warum ich es so entsetzlich finde, mich mit meinen Freunden und Freundinnen zu treffen, mich ihnen aber nur bis auf eine Distanz von 1,5m zu nähern. Wer nicht in das Gesicht eines anderen Menschen schauen und seine Emotionen davon ablesen kann, entziffert diese aus seiner Stimme und reagiert, wie ich meine, mindestens so sensibel darauf wie der oder die Sehende auf Mimik. Wer auf die Körperbewegungen eines anderen Menschen nur aus der Nähe reagiert, Gesten, Veränderungen von Sitzpositionen etc., für den verliert das Gegenüber mit steigender Distanz an Individualität. Eine Person wird nicht mehr als einzigartiges Subjekt identifiziert sondern verschwimmt zu einer generalisierbaren Kontur des Homo sapiens. Sehe ich meine Freundin Sonja aus der Nähe meiner Ansicht nach recht gut, für mich völlig normal, weil ich sie ja nie anders wahrgenommen habe, löst sich ihre Person in einer Entfernug von 1,5,m in einen Nebel aus hell und dunkel auf, wird zu einem Teil der undefinierbaren und undefinierten Umgebung, für die ich mich genau aufgrund ihrer Unbestimmbarkeit nicht sonderlich interessiere. Dazu kommt die akustische Distanz, filtern 1,5m Abstand doch für mich relevante Informationen über das Befinden meines Gegenübers aus der Stimme heraus, so dass ich nicht mehr angemessen auf es reagieren kann, wie ich finde. Das instinkte Näherrücken an eine Person im Moment des Nicht-Hörens ist mir in den letzten beiden Wochen zweimal passiert, das Zurückweichen des Gegenübers empfand ich dabei als sehr demütigend und gleichzeitig als distanzlos meinerseits.

Wirklich interessant daran finde ich die Überlegung, dass in meiner Wahrnehmung offenbar physische Präsenz ab einem gewissen Abstand zwischen mir und dem Gesprächspartner oder der Gesprächspartnerin massiv an Bedeutung einbüßt. Denn nun ist es ja so, dass ich in meinem beruflichen Alltag permanent mit Begegnungen beschäftigt bin, die das Maß von 1,5m bei weitem überschreiten. Welche Bedeutung messe ich ihnen bei, wenn sie sich mir nur unspezifisch und nebulös präsentieren? Bin ich genau aus diesem Grund in Sitzungen viel mehr an den Inhalten des Gesagten als an den Sprecherinnen und Sprechern und ihren Motiven interessiert? Kopple ich ihre Aussagen, Meinungen, Lösungsvorschläge, aber auch ihre Eitelkeiten und ihr Hierarchiebestreben von ihren Personen ab und ordne sie dem Kontext des Problems oder der Sitzung zu? Schwierig, in situ so etwas zu denken, dafür bräuchte ich Sitzungen, gibt‘s grade nicht im Angebot.

Heute, in diesen schwierigen Zeiten, sagen viele von uns „Danke“ zu den sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen, die die Gesellschaft am Laufen halten, indem sie in Kliniken, der Kinderbetreuung, in Arztpraxen oder Supermärkten die Stellung halten. Viele sprechen bereits jetzt von einem breiten gesellschaftlichen Umdenken, einer Veränderung im Bewusstsein jedes und jeder einzelnen für die Bedürfnisse der Schwächeren, diagnostizieren eine höhere Hilfsbereitschaft, selbst wenn diese in der Zeit von sozialer Isolation und dadurch der individuellen Bedeutungslosigkeit der Selbstaufwertung dient.

Die gute Nachricht ist, Du musst nicht mal absichtlich die Probe aufs Exempel machen um zu sehen, wie weit die Hillfsbereitschaft geht. Meine mühsam erarbeitete Autonomie aufzugeben, davon sprach ich in meinem letzten Beitrag, ist ein großes Opfer, das ich in dieser Zeit der Corona-Krise bringen soll. Manchmal mag ich, öfter aber mag ich‘s nicht bringen. So begab ich mich auch gestern wieder einmal auf die Jagd nach Klopapier und anderen Versorgungsgütern des täglichen Lebens. Spazierte beschwingt auf dem Trottoir dahin, sah aus der Entfernung ein grünes Blattwerk in Kopfhöhe, dem ich mich langsam näherte, schenkte ihm aber weiter keine Beachtung. Bis mich dieses Blätterdach mit voller Wucht am Kopf traf, eine knorrige Astgabel hatte sich hinter den zarten jungen Blättern verborgen. Finger an den Schädel legen, okay, kein Blut, nur Schmerz. Ich stand zehn Minuten reglos neben dem bösen Baum und versuchte mich zu sammeln. Aus meinen vergangenen Erfahrungen würde ich sagen, dass eine verstörte tränenübertströmte Frau, die mit Langstock neben einem Zaun steht, durchaus die Aufmerksamkeit der vorbei radelnden oder laufenden Pasanten erregt hätte. Nicht so in Zeiten des social distancing. Wüsste ich nicht um die Kraft der Einbildung, würde ich sogar behaupten, dass ich absichtlch übersehen wurde, denn los war wahrlich genug auf diesem Geh- und Radweg.

Ich weiß gar nicht, was ich im Nachhinein schlimmer fand: den Schlag gegen den Kopf oder die Demütigung, völlig hilflos und gleichzeitig unbeachtet in der Öffentlichkeit verharren zu müssen. Das kratzt am Stolz, ohja. Diesen habe ich damit befriedigt, dass ich danach nicht difrekt nach Hause gestolpert bin sondern die Zähne fest zusammegebissen und die Einkaufsnummer durchgezogen habe. Aber künftig in das allgemeine „Haleluja, die Welt wird angesichts der Katastrophe sozialer“ einzustimmen, dieser Versuchung werde ich wohl nicht mehr erliegen.

Was mich übrigens nachhaltig verstimmt, ist die Ausweglosigkeit aus dieser Situation, die ich täglich neu abwägen muss. Geh ich selbst mit Risiko, geh ich nicht und bin angewiesen auf Zeitslots, Ladenwahl und Konzentration der hilfsbereiten Einkäufer_innen, darf ich überhaupt Ansprüche stellen an Hilfsbereite…, warum muss ich mich überhaupt mit derlei befassen?

Ein Letztes: Vorhin hörte ich in einem Podcast über Sehbehinderung in der Corona-Krise folgenden, frei wiedergegeben Satz: „Sehbehinderte und Blinde haben selbst in der Corona-Krise den Wunsch nach Autonomie.“ Ach ne! Na, sowas, wie das denn? Ist es so ein Frevel, autonom sein zu wollen? Muss ich mich in diesen schwierigen Zeiten an die Vorgaben und gebotenen Abstände halten? N Scheiß muss ich! Oder doch?

Alle simmer gleich – im Angesicht des Virus – das 1,5m Problem

Natürlich kann ein Blog am 20. März des Jahres 2020, sollte es nicht das letzte sein, das dieser Planet bevölkert erleben wird, nicht ohne die Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage und der Bedrohung durch COVid 19 geschrieben werden.

Ich befinde mich in einem Gewissenskonflikt, den ich an den Anfang stellen möchte: Der Blog als solcher ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Sichtweisen und Alltagshemmnisse eines sehbehinderten Menschen darzustellen und zu reflektieren. Er beinhaltet also hier eine gwisse thematische Einschränkung von vorneherein. Welchen Stellenwert aber haben diese persönlichen Sichtweisen, die auch in Zeiten der gegenwärtigen globalen humanen Krise andauern, noch im Angesicht derselben? Noch bin ich gesund, noch kenne ich niemanden, der an dem Virus erkrankt ist, im Sterben liegt oder gehen musste, noch ist meine soziale und ökonomische Situation nicht im Mindesten bedroht, noch habe ich nicht psychisch allzu sehr unter der sozialen Isolation zu leiden. Wie kann ich es mir anmaßen, mich angesichts einer soviel gravierenderen Katastrophe noch immer noch mit mir und meinen Einschränkungen zu befassen, die doch gegenwärtig so unbedeutend und irrelevant sind? Warum tue ich das? Ganz einfach: weil ich‘s kann. Weil es zur psychischen Hygiene gehört, und weil es vielleicht ein interessantes Zeitdokument werden kann, wie jeder und jede es heute schreiben könnte, der oder die diese Zeit erlebt. Dennoch bin ich mir dessen bewusst, dass das, was nun folgt, aus einer prinzipiell extrem komfortablen Position heraus geschrieben und gedacht wurde. Eine Position, wie sie gegenwörtig wahrlich nicht alle Menschen auf diesem Planeten haben, denen mein Mitgefühl hier gehört.

Schon kurios, was der Kopf mit einem Geist so veranstaltet. Eigentlich bin ich eine Stubenhockerin, die soviel lieber im Kopf spazieren geht als in der Sonne. (Die Stolperfallen im Kopf führen zwar auch bisweilen zum Sturz und zu Verletzungen, sind aber meist mit weniger und eigenem Engagement heilbar.) Seitdem uns eine baldige Ausgangssperre droht, bin ich zur Frischluftfanatikerin geworden, als würde ich nochmal so viel Natur und Sonne einsaugen wollen, wie es irgend geht. Ich lasse mich sogar auf Expeditionen mit dem Navigationsgerät für Fußgänger_innen ein, wage mich auf unbekannte Pfade und empfinde größte Befriedigung an den Herausforderungen fremder Kreuzungen, Kurven und Wege, die auf diverse Privatgelände führen. Meine Abenteuerlust diesbezüglich lässt sich nur schwer zügeln, so machte ich mich auch gestern wieder auf den Weg in ein mir persönlich nur sehr schemenhaft bekanntes Einkaufszentrum ca. 3km von zu Hause entfernt. Das herrlich Sportliche daran, die korrekte Route nicht direkt zu finden, denn so ein Navi ist ja auch schnell zu irritieren und irritiert dann mit falschen Aussagen, ist der Umstand, dass ich immer mind. einen Kilometer mehr laufe als diese Angabe. Nach einer Stunde war ich am Ziel und musste sehr schnell feststellen, dass der Eingang des Supermarkts einer Schleuse für ein Konzert glich, überall Absperrgitter, Sicherheitsleute, immerhin keine Taschekontrolle. Als ich sie um Hilfe bat, eröffnete sich mir das erste Problem. Ich durfte mich ihnen nicht so nähern, als dass ich eine für mich akzeptable Distanz erreichte, um ein Gespräch zu führen. Die 1,5m geforderten Abstandes zwischen zwei Menschen sind genau die Entfernung, in der ich einen Menschen gerade so nicht mehr erkennen kann. Nach der für mich etwas uneindeutigen Kontaktaufnahme mit dem Supermarkt-Security-Guy wurde mir mitgeteilt, dass ein Einkaufswagen unerlässlich sei, denn maximal dürften gleichzeitig 250 Personen in den wirklich großen Supermarkt. Nun bin ich keine Freundin eines solchen, das Rangieren damit zwischen Regalen und Füßen ist für mich reine Konzentration. Aber nach 4km Walking war ich nicht bereit aufzugeben und sagte das dem sehr freundichen Burschen, der sich zwar entschuldigte, als ich ihn auf die erhöhten Schwierigkeiten für seheingeschränkte Menschen hinwies, der aber keine Idee für die Lösung meines Problems hatte. Im Laden war dann alles gleichzeitig einfach und zutiefst demütigend. Keiner wollte niemandem nahkommen, das nahe Halten unbekannter Produkte an die Augen löste in mir Unbehagen aus, da ich ja potenziell dieses Produkt mit meinen Tröpfchen verseuchen könnte, und jemanden zu fragen, ob der von mir ausgewählte Eisbergsalat frisch aussieht, war natürlich undenkbar. Ich stellte mir kurz vor, ich würde ihn einer Person, die gebührenden Abstand zu mir hielte, zuwefen und ihr zuschreien, sie möge doch so nett sein und ihn auf faule Stellen inspizieren. Aber wie bekäme ich ihn zurück, bin ich doch im Fangen schon im Sportunterricht ne Null gewesen. Naja, das auch undenkbar, hatte ich ja keine Handschuhe an. Einziger Höhepunkt das nahezu leergekaufte Regal mit Teigwaren, so schnell habe ich meine Kichererbsen-Spirelli noch nie gefunden, waren sie doch zwischen den Lücken leicht identifizierbar.

Auch den Gang nach Kanossa, zur Kasse, hatte ich mir vorher ebensowenig überlegt wie die Konsequenzen des Abstandes von 1,5m zwischen mir und meinen Mitmenschen. Nachdem ich, natürlich folgsam meinen Abstand haltend, einer Person hinterhergeschlichen war, die offensichtlich zur Kasse wollte, stand mitten im Gang ein kniehoher Aufsteller, der eine Botschaft, offensichtlch Handlungsanweisungen, aufwies. Gewusst habe ich das natürlich nicht, nur aus dem Kontext heraus erschloss sich mir, dass es wohl kein Werbeschild sein könnte. Nachdem ich mich heruntergebeugt und das Schild womöglich mit meiner Nase infiziert hatte, war ich nicht sehr viel schlauer, denn es wurde auf für mich nicht existente Markierungen hingewiesen, die sich am Fußboden befänden und die eingehalten werden sollten. Ja, schön, dachte ich, sagte zu dem hinter mir stehenden Jüngelchen (an seinem Gequengel am Smartphone akkustisch eindeutig identifizierbar), ich könne die Markierungen nicht sehen. Ich weiß nicht, ob ich laut genug gesprochen habe, ich weiß nicht, ob sonst jemand in der Nähe war, denn ab 1,5m ist niemand mehr in meiner Nähe. Auf jeden Fall reagierte niemand auf meine Frage und Bitte, es handelte sich bei meiner Äußerung um nichts mehr als um einen Schwall ins All. Meine Unsicherheit und den angesichts der drohenden Ausgangssperre etwas bizzar klingenden formulierten Wunsch „ich will nach Hause“ niederringend versuchte ich daher, die Frau vor mir nicht aus dem Auge zu verlieren und alles korrekt nachzumachen, was sie tat. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass es keine Trennschilder mehr gibt, welche den einen vom nächsten Einkauf abgrenzen, wartete ich auf eine Aufforderung der Kassiererin, die sonst immer kommt, wenn ich mit Langstock einkaufen gehe, die Waren auf das Band zu legen. Aber auch diese war offenbar von der Situation gänzlich überfordert, versteh ich ja auch alles. Nachdem die Prozedur des Einschichtens der Waren in den ungeliebten Wagen und des Bezahlens abgeschlossen waren, sah ich mich einem weiteren Problem konfrontiert. Die Waren mussten ja nun noch in meinen Rucksack gepackt werden, doch gab es keinen Platz, an dem ich das in Ruhe erledigen konnte: Überall dort, wo ich einen freien Ort erspähte, der nicht den Weg der anderen Einkäufer_innen versperrte, stand ein Mensch, und dann musste ja erst mal wieder Abstand gehalten werden. Bis ich endlich registriert hatte, dass sich andere Menschen eines frei gewordenen Platzes bemächtigten, obwohl ich wartend in der Nähe stand, verging eine ganze Weile. Da ich aber inzwischen wieder quietschfidel am heimischen Küchentisch sitze, dürft Ihr getrost davon ausgehen, dass ich auch diese Herausforderung mit Zeit und Geduld gemeistert habe.

Fazit: Das mache ich nicht mehr. Eine neue vorherige Analyse jeder meiner Ausflüge wird künftig vonnöten sein, ich werde mir Pläne B für jede Situation im Kopf zurechtlegen müssen, die mit Hilfestellungen von Menschen verbunden ist, die ich im Alltag bisher in Anspruch nehmen konnte. Der Verlust meiner Autonomie ist der Preis, den ich während dieser Krise zu zahlen haben werde, und dieser ist nicht ganz so niedrig. Gerade in dieser Minute stelle ich fest, dass mein Lieblingstee nur noch in homöopathischen Dosen in der Teedose vorhanden ist, jetzt nicht einfach rasch selbst in den Supermarkt zu springen, ärgert mich. Der Impuls, es selbst zu versuchen, ist ungemein dominant, doch ich werde ihm jetzt nicht mehr nachgeben. Also entweder darauf verzichten oder jemanden bitten ihn zu besorgen (undenkbar, jemanden nur für Tee zu behelligen). Wie sehr ich die Bitte um Hilfe verabscheue, hab ich vielleicht das eine oder andere Mal hier schon erwähnt. Aber irgendwie ist es jetzt auch ein klein wenig anders: Soviel mehr Menschen brauchen gegenwärtig Hilfe oder bieten diese an. Vielleicht wirkt diese Form der sozialen Verantwortung und des gegenseitigen Aufeinander-Achtgebens angesichts einer Krankheit, die jede_n von uns treffen kann, auf unsere gesamte Gesellschaft ein, warten wir‘s ab.

Ich muss über mich selbst den Kopf schütteln. Denn offenbar ist es eine Sache, in den News von dem physisch einzuhaltenden Abstand zwischen Menschen zu lesen, und eine ganz andere, sich die Konzequenzen daraus für das eigene Leben zu vergegenwärtigen. Schließlich weiß ich doch, ab welchem Abstand ich mich von anderen Menschen optisch abgeschnitten fühle, ich hätte nun wirklich darauf kommen können, dass 1,5m für mich der kommunikative Overkill sind. Aber ganz ehrlich, wie weit weg 1,5m sind, war mir vorher nie so präsent. Nagut, diese Lektion hab ich gelernt.

Stolz und Vorurteil – gegenüber Hilfe

Fernab aller Generalisierungen versuche ich heute einmal ein Thema anzuschneiden, das schmutzig werden könnte. Ich werde mich also um political correctness bemühen und betone hiermit noch einmal in aller Klarheit, dass es sich nur um meine einzelne Meinung handelt, die ich kundtue. Diese beruht auf (Selbst)Beobachtung, Erfahrung und einer Brise Logik sowie einer gehörigen Portion Pragmatismus.

Im Kontrast zu anderen Lebenswelten werden manche Statements plakativer, so sei mir zu Beginn eine Anekdote aus meiner frühen Jugend gestattet. Fern vom wohl behüteten Elternhaus mal Ferien zu machen ist bestimmt ein Traum vieler Kinder. Der meine ging damals in Erfüllung, als ich mit meinem großen Bruder gemeinsam in ein Zeltlager bestehend aus Behinderten und Nicht-Behinderten fahren durfte. Ich muss so zehn, elf Jahre alt gewesen sein, und es war der Himmel, einmal 2 Wochen der elterlichen Kontrolle zu entfliehen. Vorher waren es christliche Blindenchorfreizeiten, die ich mit Muttern zu absolvieren hatte. Nun, in diesem Zeltlager herrschte ein buntes Treiben aus Rollstuhlfahrer_innen, Blinden, Sehbehinderten, Gehörlosen und nicht versehrten Kindern. Wir waren in Teams organisiert, in denen stets nicht behinderte mit mind. 2 unterschiedlich behinderten Kindern zusammen tägliche Aufgaben zu erledigen hatten. Das konnte Spülen, Klos putzen, Müll wegbringen sein, wir waren für einander verantwortlich, mussten einander unterstützen und lernten auf diese Weise jede Menge voneinander. Als einziges, wenn auch nicht gerade heiteres Beispiel ist mir der Toilettengang mit einer Rollstuhlfahrerin aus unserer Gruppe in Erinnerung. Ich sehe heute noch die buschigen hochgezogenen Augebrauen unseres Nichtbehinderten, Christoph, er war vielleicht so 16, als er angestrengt und gleichzeitig peinlich berührt bemüht darum war, der Rollifahrerin ihre Intimität zu lassen und sie gleichzeitig auf der improvisierten Toilette festzuhalten, während ich dieses auf der anderen Seite tat. Also durchaus auch herausfordernd war es auf diesem Zeltlager.

Nach der Freizeit lauschte ich einer Unterhaltung meiner Mutter mit dem obersten Verantwortlichen. Er meinte, die Blinden und Sehbehinderten seien in diesen Konstellationen von Behinderten und Nicht-Behinderten überhaupt kein Problem, zumeist seien sie alle hoch soziale Wesen. Mit den Gehörlosen indess sei der Umgang sehr viel schwieriger, da sie ihre Unsicherheit nicht kommunizieren sondern in Aggression und Misstrauen umwandelten, weil sie nie wüssten, worüber gesprochen werde. Noch während dieser Unterhaltung fuhr an den beiden Unterhaltenden ein Rollstuhlfahrer vorbei und bog auf einen Weg ab, über den ein relativ großer Ast quer lag. Meine Mutter wollte hinzuspringen und den Ast aufheben, der Zeitfreizeitgestalter hielt sie mit den folgenden Worten zurück: „Lassen Sie den liegen, der liegt da genau für diesen Jungen, damit er dieses Hindernis selbständig überwinden kann.“ Damit meinte er nicht die absichtliche Platzierung dieses Hindernisses sondern sein Vorhandensein als Möglichkeit, eine Herausforderung des Lebens anzunehmen und zu meistern.

Während meine Mutter noch heute den ersten Teil dieser Geschichte reproduziert, um mich und wohl eher sich dafür zu trösten, dass sie ein versehrtes Kind hat, erinnere ich mich vor allem an die Geschichte mit dem Stock. Wahrscheinlich hat, das hat die Wissenschaft längst bewiesen, die Geschichte so nie stattgefunden, unverlässlicher als Zeitzeug_innen ist kaum jemand. Spielt aber in diesem Zusammenhang keine Rolle. Denn worauf es mir ankommt, sind die Herausforderungen, die tatsächlichen und die imaginierten, mit denen ein versehrter Mensch, egal, welche Versehrtheit er hat, umgeht und welche Handlungsstrategien er sich bewusst oder unbewusst aneignet, die seinen Charakter beeinträchtigen.

Darf ich als Frau, die oftmals auf Hilfe angewiesen ist, eine unfreudliche, grantige, aggressive Person sein? Wird mir auch dann noch Hilfe zu Teil, wenn ich nicht die wonnige, sonnige, empathische Person bin, als die ich mich in Szene setze? Habe ich gar die Maske von Witz und Freundlichkeit allein deshalb aufgesetzt, damit es den Menschen leicht fällt mir zu helfen? Habe ich sie früh gelernt zu tragen, bis sie zu einem Teil von mir geworden ist? Habe ich aus Angst, dass mir Hilfe verweigert wird, bewusst oder unbewusst beschlossen, ein richtig netter Mensch zu werden, aber so richtig nett? Hat die Tatsache, dass ich immer wieder mal Hilfe werde in Anspruch nehmen müssen, mich zu einem hochsensiblen Menschen für die Bedürfnisse anderer gemacht, damit es wenigstens eine Form von Ausgleich in dieser machtungleichen Beziehung gibt? Du hilfst mir, ich helfe Dir, jede_ r wie er oder sie kann. Du liest mir kleine Schrift vor, ich höre Dir genau zu und befasse mich mit Deinen Angelegenheiten über Gebühr. Dann merkst Du am Ende gar nicht mehr, dass es sich eigentlich um eine ungleiche Beziehung zwischen uns beiden handelt. Ich weiß nicht, wie oft mir Menschen schon bestätigt haben, dass Hilfe selbstverständlich ist. Warum nur kann ich das nicht glauben? Kann ich deshalb nur sehr schwer „nein“ sagen, wenn mich jemand um Hilfe bittet? Habe ich im Hinterkopf stets die Sorge, dass mir zu einem anderen Zeitpunkt wichtige Hilfe verweigert wird, sollte ich einmal ablehnend reagieren?

Ich meine, heutzutage ist das ja alles so einfach geworden im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren. Nur inadäquate und völlig überdimensionierte Hilfsmittel zum Lesen, nur stationäre Telefonzellen, wenn ich mich verlaufen hatte, und dazu natürlich keinerlei Lobby für Menschen mit special needs. Ein Sonderling zu sein war mühsam bis unerträglich und führte oft zu selbstzerstörerischen Gedanken. Denn Hilfe hatte damals noch eine ganz andere Frequenz, strukturierte nicht selten einen Tagesablauf. Das kindliche und jugendliche Ringen um Autonomie, die Phase des täglichen Sich-Ausprobierens, die jeder Mensch in seiner Entwicklung durchläuft, wurde potenziert um die Unsicherheit gegenüber den eigenen Fähigkeiten. Welche Spuren im Erwachsenen haben diese Prozesse hinterlassen?

Natürlich geht es hier um mich, aber ich frage mich doch, inwiefern solche Überlegungen zumindest ein kleines Stückweit generalisierbar sind. Sind Blinde und Sehbehinderte in der Regel hochsozial kompetente Menschen? Und sind Gehörlose hochgradig misstrauisch, glauben nicht an die Verbindlichkeit und den Wahrheitsgehalt des gesprochenen Wortes und fühlen sich umzingelt von unhörbaren und unerhörten Worten? Sind Rollstuhlfahrer_innen gewohnheitsmäßige Kämpfer_innen, die jede Hürde für sich beanspruchen, um sich und ihrer Umwelt ihre Unabhängigkeit zu beweisen?

Ich möchte hier nicht feststellen, dass es die Gesellschaft ist, die etwas und jemanden aus ihren Behinderten macht und dann selbst schuld ist, wenn diese sich nicht so verhalten, wie es in das Raster passt. Schließlich ist ja jeder Mensch immer die Summe seiner Teile, hat genetische Anlagen, eine familiär stimulierende oder hemmende Umgebung, die ihn prägt etc.

Aber an dieser Stelle erlaube ich mir darüber nachzudenken, ob ich ohne Versehrtheit auch ein so zugewandter Mensch wäre, mit dem sich andere gern umgeben, weil ich witzig und einfühlsam sein kann, weil ich ihnen viel Platz einräume. Keine Ahnung, jede_r von uns findet ja letztlich seine und ihre ganz eine Strategie, um sich die Unwelt zu Willen zu machen.

Übrigens ist mir an dieser Stelle ganz klar, dass nicht die Behinderten allein den Anspruch darauf erheben dürfen, dass sie von der Umgebung geformt werden. Ganz klar, jeder Mensch wird das. Ich will hier auch nicht davon sprechen, dass wir behinderten Menschen diesbezüglich Opfer sind, die sich aufgrund ihrer Bedürfigkeit besonders stark an genormte Regeln anpassen müssen, weil uns sonst Hilfe verweigert wird. Ich stelle mir nur Fragen, warum jemand so oder so ist. Ich bin nämlich der Auffassung, dass Einschreibungen in die kindliche Seele, egal ob es sich um Anders-Erfahrungen aufgrund von Krankheit, Scheidung der Eltern, Hautfarbe, Religion oder was auch immer handelt, dauerhaft im Handeln prägen. Und wenn jemand weiß, dass er sein Leben lang auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein wird, hat das Konsequenzen auf seine charakterliche Entwicklung?

Wieviel Hilfe anderer ist nötig, wieviel Autonomie möglich? Wenn ich an all die Menschen in meiner Umgebung denke, wie ungern und selten sie sich helfen lassen, dann komme ich unweigerlich zu dem Schluss, dass Hilfe anzunehmen stark mit dem Bestreben nach Autonomie verknüpft ist. Und mit Stolz.

Es ist dieser Balanceakt, gleichzeitig stolz zu sein, Hilfe dennoch zu benötigen und diese Bedürftigkeit In ein akzeptables Maß an sozialem Kontakt zu transferrieren, die mich wohl zu einem zugewandten Menschen gemacht hat. Aber zum Stolz ein andermal.

Jung oder alt, dünn oder dick, groß oder klein – Kriteriensuche

Vor ein paar Wochen stolperte ich aufgrund der arbeitsbedingten abendlichen Erschöpfung wenig willensgesteuert in eine Dokumentation über ungleiche Paare. Wurden auch treu und brav alle Klischees bedient, die man/frau sich unter einer solchen Überschrift wünschen kann, naja, eine blinde Pianistin mit einer tauben Malerin als Partnerin haben noch gefehlt. (Überhaupt kommen wohl homosexuelle Beziehungen noch immer ungern im Ersten Deutschen Fernsehen vor.) Aber große Frau mit kleinem Mann, junger Mann mit fast 20 Jahre älterer Partnerin, LKW-Fahrer mit Ärztin. Wirklich beeindruckt hat mich die große Frau: sie erzählte von ihrem Kennenlernen, wie sich ihr jetziger Mann bei einer Karnevalsveranstaltung einfach auf einen Stuhl stellte und sich mit ihr zu unterhalten begann und dies so kommentierte, jetzt könnten sie ja wohl auf Augenhöhe miteinander sprechen. Sie berichtete, dass sie sich noch nie so gut mit einem Menschen unterhalten hätte, was sie schließlich trotz der 25cm Größenunterschied und der daraus folgenden Diskriminierung alle Zweifel über Bord werfen ließ.

Da haben wir es doch wieder: der schönste Hintern tröstet eben nicht, wenn du am Boden liegst. Da brauchts schon etwas mehr, Menschlichkeit, Mitgefühl, Engagement für den anderen Menschen. Puh, klingt das moralisch, könnte auch aus einem Diät-Forum stammen, akzeptiere dich, wie du bist, die wichtigen Werte sind die inneren. Aber mach was aus dir, das dir auch äußerlich gefällt.

Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der in diesem Blog von Interesse ist. Was gefällt MIR denn äußerlich, was zieht MICH denn an? Schöne Stimme, klar, bewegliche Silhouette, angenehmer Körpergeruch, aber ist das äußerlich? Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht so sehr, sind doch die Kriterien der Mehrheitsgesellschaft viel zu dominant, als dass sie einfach von mir ignoriert werden könnten. Selbst wenn ich sie nicht sehe, plappere ich sie nach, bestätige ihre für mich eigetlich nicht existente Relevanz. Auch ich sage „Du siehst aber heute gut aus, so ausgeschlafen und erholt“, „Holla, was haste dich heute hübsch gemacht“ oder „Na, gesterrn Abend zu lang gefeiert? Bist ein bisschen grün um die Nase“… Ich will nicht bestreiten, dass mir manchmal Details am Aussehen von jemandem auffalen, aber sie sind diffus und tragen eigentlich nicht zur Erkenntnisgewinnung bei. Erst im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, jemand atmet tiefer als sonst, jemand bewegt sich etwas exaltierter als sonst, jemand dünstet noch die Schäpse des vorherigen Abends aus… diese Informationen überführe ich in „sichtbare“ Kriterien, so dass sie für die andere Person verstehbar werden. Wie würde ein Gespräch, das nur zwischen Tür und Angel stattfinden soll, ausufern, wenn ich sagen würde: „So tief wie du heute atmest, hast du gut und erholt geschlafen.“ So sage ich einfach „Siehst Du aber wach und erholt aus“, die andere Person freut sich und fertig.

Das bringt mich unweigerlich zur Frage, welche gemeinhin als mindest zu erfüllende Standards für mich eine reale Existenz haben und welche ich über die Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft angenommen habe und damit natürlich auch reproduziere und bestätige. Ich weiß, in dieser Hinsicht unterscheide ich mich nicht von eben dieser Mehrheitsgesellschaft. Die Diskussion um Magersucht ist nur ein Beispiel für die Zweifel an den aktuell dominanten sozialen Postulaten um Aussehen.

Was aber ist Aussehen? Welche Informationen werden mit dem Aussehen vermittelt und stellen damit Schubladen bereit, in die eine Person eingeordnet werden kann? Nehmen wir beispielsweise das Alter: Ich bin nur sehr bedingt in der Lage, Menschen über ihr Alter zu klassifizieren. Ich bin ja schon froh, wenns mit dem korrekten Gender allein vom Anschauen her klappt, auch da könnte manch schmackhafte wie peinliche Anekdote berichtet werden. Graue Haare, weiße Haare, aha, ein alter Mensch. (Was hat mich die Mode der letzten paar Jahre fertig gemacht, als plötzlich die 20jährigen begannen, sich die Haare grau zu färben.)

Alles, was großflächig am Kopf nicht weiß oder grau ist, ist für meine Sicht entweder Kind, jugendlich oder erwachsen. Falten sehe ich kaum, an anderen gar nicht, an mir nur, wenn ich ein Selfie vergrößere oder den 10fach vergrößerten Spiegel verwende, was ich tunlichst aus diesem Grunde meist vermeide. Aber ich fühle sie, die Falten, hinter den Ohren, auf der Stirn, und in meiner Vorstellung schwellen sie zu Gräben an, zeichnen dunkle Striche auf meine Haut, eine äußerst beunruhigende Phantasie. Aber wenn ich sie nicht sehe, die Falten bei anderen, welche Bedeutung hat Alter dann für mich? Respekt vor der Lebenserfahrung eines anderen Menschen, das ist gewiss. Aber in der täglichen Interaktion, bedeutet sie etwas für mich? Ich denke nicht, denn weder messe ich meinen Alterungsstatus an der Ansicht junger Frauen noch beziffere ich meinen Alterswert im Vergleich zu Älteren. Hätte ja auch wenig Sinn, ist mir dieser Sinn, der mir Informationen gibt, doch nicht sehr geheuer. Ist Alter(n) vielleicht eine optisch wirkmächtige Kategorie? Ich will hier weder den Zuwachs an Lebenserfahrung schmälern noch die verstärkte Auseinandersetzung mit körperlichen Verschleißerscheinungen.

Ich erlaube mir hier vielmehr den Spaß darüber nachzudenken, wir wären alle körperlos und würden als bunte Kugeln durch die Welt schweben und nur miteinander sprechen. Strebt der Mensch nur durch Vergleich mit anderen nach Selbstverbesserung oder -optimierung? Wären Kategorien wie groß/klein, dick/dünn oder alt/jung weniger von Belang in meiner Welt der Kugelwesen? (Die Kugelwesen gehören eigentlich Platon, ich kenne und liebe sie und habe nur den Begriff ausgeliehen, die Metaphotik ist eine gänzlich andere.)

Wie wirkt sich die Ansicht eines alternden Körpers auf den Umgang mit diesem Menschen aus? Wäre es nicht auch eine Befreiung, diesen Körper nicht zu sehen und andere Kriterien den Umgang bestimmen zu lassen? Würden sich dadurch auch andere Schubladen erübrigen? Wahrscheinlich würden wir neue finden, aber erst mal fände ich das interessant.

Manchmal wünsche ich mir Radikalität: Ich träume davon, mit allen Menschen den Kontakt abzubrechen, die so Sätze sagen wie „Die Schauspielerin find ich einfach total hübsch, daher schau ich mir immer ihre Filme an“ oder „Das ist doch so eine schöne Frau, wieso hat die keinen Mann?“ Diese Bewertungskategorien sind mir so unglaublich fremd, dass ich in einer solchen Unterhaltung oft an den Punkt gerate, wo ich denke, dass es zwischen dieser Person und mir keinerlei Übereinstimmungen geben kann und es besser wäre, sich in Freundschaft von einander zu verabschieden, damit ich mir meine Selbstzweifel nicht immer wieder aufs Butterbrot schmieren muss. So viele Gedanken gehen mir dabei im Kopf herum, dass es sich fast anfühlt wie ein Karusell. Was ist hübsch, was ist hässlich? Wählen Menschen ihre Freunde, Partner, Kollegen, Vorgesetzen und so weiter unbewusst gemäß optischer Kriterien aus und welche Kriterien hab ich selbst? „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, was für ne Plattitüde. Gern genommen auch in Kombination mit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Ich bin etwas wirr, ich geb es zu. Aber noch verwirrt mich dieses Thema, dieser Blog sollte vielleicht eher als Work in Progress gelesen werden.

Vielleicht noch ein Gedanke zum Fortführen zu einem anderen Zeitpunkt: Wie kann ein Mensch, für den seine eigene körperliche Versehrtheit offenkundig ist, der durch Barrieren darauf hingwiesen wird und der selbst darauf hinweisen muss, ein positives Kriterium für seinem Körper entwickeln, das er selbst nicht mal wahrnimmt? Scheint mir, zumindest für die Älteren unter uns (hihi), die Quadratur des Kreises.

Ich weiß, ich hab viel ausgelassen, aber der Strapazen der geistigen Flickflacks ist jetzt erst mal ein Ende.

Lass Bilder sprechen – Social Media, digitale Revolution und the dark side of the moon

Keine Sorge, dieser Blogbeitrag wird nicht davon handeln, dass ich nichts mit Bildern anfangen kann. Auch werde ich mich nicht auf die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten von Vernetzung und Empowerment behinderter Menschen durch das WWW fokussieren, obwohl diese sicher auch ein bis zwei Gedanken und Worte wert wäre.

In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich erläutert, dass es einen graduellen Unterschied zwischen Diskriminierung gegenüber Behinderten zu anderen diskriminierten Gruppen gibt. Denn Behinderte fordern aufgrund ihrer Versehrtheit Verständnis und Hilfe ein. Aber dürfen sie diese ebenso erwarten und einfordern wie People of Color, LGBTQ, alter Menschen etc. die Akzeptanz ihrer Existenz erhalten müssen? Wie ich schon einmal schrieb, etwas stimmt hier nicht. Auf der Handlungsebene gibt es unüberhörbare Analogien: im Bus wird eine blinde Frau ebenso übergriffig angesprochen wie die PoC, die neben dem weißen Cis-Mann sitzt. Aber das ist die Ebene des Andrers-Seins, und hier sollte das Konzept der Antidiskriminierung meiner Ansicht nach ansetzen. Anders ist, wer anders gemacht, gedacht, angesprochen wird. Bei allen anderen diskriminierten Gruppen ist also „nur“ ein Umdenken vonnöten. Dieses „nur“ soll beileibe hier nicht bagatellisieren. Aufgrund dieses „nur“ mussten erst diese Woche 9 Menschen in zwei Shishabars in Hanau sterben. Dieses „nur“ soll diese Tat nicht trivialisieren, ich verurteile sie hier auf das schärfste.

Aber zurück zur Ebene, auf der das Umdenken nicht ausreicht, um die Diskriminierung Behinderter zu reduzieren. Dazukommen muss eine gewisse Fähigkeit, das eigene Handeln auf die Bedürfnisse des behinderten Menschen abzustimmen. Warum steht ein Mensch im Bus einfach vor der Tür und bildet mit seinem Körper ein Hindernis für jemanden, der dann nicht weiß, wie er aussteigen soll. Selbst der Rollstuhlfahrer, der unübersehbar in der Mitte im Bus steht, muss warten, dass Menschen ihm Platz machen, kann sich nicht ohne ihre Unterstützung entscheiden, dass er jetzt sofort aussteigen möchte. Natürlich ist es unrealistisch und letztlich auch nicht von mir gewünscht, dass alle Parameter aller Behinderter immer im Blick behalten werden, kein Mensch wäre mehr frei sich zu bewegen, denn die Bedürfnisse unterschiedlicher Behinderungen sind ja so vielfältig wie die Welt. Ich wollte auch eigentlich auf einen anderen Aspekt hinaus, der in den letzten Wochen verstärkt in meinem Kopf herumspukt.

In den sozialen Medien häufen sich die Blogs und Podcasts blinder Menschen mit der Überschrift „Lieschens (nennen wir sie mal so) Welt“, in denen ebensolche Alltagsituationen wie die Busszene von eben sehr detailliert beschrieben werden. Wie kocht, reist, wandert, sportelt ein bilnder Mensch, wie erziehen blinde Eltern ihr sehendes Kind etc. Ihnen gemein ist, dass sie mit ihren Beitrögen zeigen, was sie leisten können, welche kreativen Strategien sie ersonnen haben, sich die Welt zu eigen zu machen, die nicht an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Allesamt sind es lesens- und hörenswerte Beiträge, die den Alltag dieser Menschen für andere nachvollziehbar machen. Wie weit allerdings solche Beiträge in die nicht-versehrte Community der social Media hineinreichen, kann ich nicht beurteilen. Ich kann aber mutmaßen, indem ich von breit wahrgenommenen Themen auf diese schließe. Und dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher nur sehr schemenhaft wahrgenommen habe: Textbeiträge ohne Foto oder Video erhalten nicht die gleiche Resonanz wie eine „digital story“, die auch optisch kreativ designt wird.

Erst über diesen Umweg gelange ich zu einem Gedanken, der wahrscheinlich vielfach gedacht und besprochen wurde, der mich aber dennoch nicht wenig erschreckt. Denn er impliziert die Frage nach der visuellen Darstellbarkeit von Behinderung. Wer wenig oder nicht sieht, interessiert sich nicht für sie. Aber wer, wie die meisten anderen Menschen, immer mehr über Bilder kommuniziert, die ihn direkt ansprechen, ohne dass er lesen oder verstehen muss, für den besteht die Umwelt aus ästhetisch wertvollen Bildern. Verschwindet also Hässlichkeit aus der öffentlichen Wahrnehmung? Wird sie zum Kontrast für Schönheit verwendet? Wie oft sehe ich Dokumentationen über diskriminierte Menschen, die meisten Hauptdarsteller_innen darin sind ziemlich ansehnlich, soweit mir hier überhaupt eine Beurteilung zugestanden wird. Wie selten sehe ich behinderte Menschen in den Medien, und wenn, dann sind sie ebenso schön wie die Nicht-Versehrten. Aber von diesen gibts nicht so wahnsinnig viele, denn schief stehende Augen, merkwürdig anmutende Kopfhaltungen, andere Bewegungen sind für die meisten nicht schön. Welche Frage stellen sich die Macher_innen von Dokumentationen bei der Auswahl ihrer Protagonist_innen? Suchen sie nach Telegenität, ohne das noch zu merken? Oder wollen sie Image Behinderter mit dem schönen blinden Mädchen stärken, dass Behinderung nicht gleichzeitig hässlich sein muss?

In meinem letzten Schuljahr war ich in den ersten beiden Wochen nach Ferienende nicht im Unterricht, so dass eine neue Klassenkameradin meine Freundin Dagmar fragte, wer denn die abwesende Mitschülerin sei. Dagmar fasste zusammen, was ich hier zusammenfassen möchte: „Ach, die ist behindert, und die sieht auch so aus.“ Und ja, Dagmar war wirklich eigentlich eine Freundin von mir.

Wie können die Bedürfnisse, Wünsche, Diskriminierungserfahrungen einer auch noch sehr breiten und unterschiedlichen Gruppe wie der Behinderten in die Öffentlichkeit getragen werden, wenn doch gerade eines der Hauptkriterien, ihre optisch ansprechende Erscheinung, nicht gegeben ist? Welche Macht hat der Sehsinn über die Gefühle der Menschen Behinderten gegenüber, der sie sich vielleicht gar nicht bewusst sind?

Erinnert irgendwie an die Sexualisierung schwarzer Frauen, oder? Wenn auch in die andere Richtung, aber mit ebenso verhehrenden Folgen für diese. Ha, eine neue Analogie, irgendwie muss ich weiter darüber nachdenken.

Wie meine Welt aussähe

Es ist klar und muss hier hoffentlich nicht wiederholt werden, dass sich das Leben als versehrter Mensch in einer Umgebung frei von offenkundlgen Einschränkungen dieser unterwerfen muss. Je höher das Anforderungsprofil dieser Umgebung ist, umso rarer sind die Nischen, in die sich der versehrte Mensch flüchten kann. Ich selbst grabe mir solche Kammern selbst, trete für Rücksicht und Empathie mir gegenüber vor andere Nicht-Versehrte, lade sie in die von mir zurechgenagten Nischen ein, fordere ihnen Eigenschaften ab, die in ihrer und meiner Umgebung ansonsten nur wenig Platz einnehmen dürften. Ich glaube, weiß es aber nicht, dass diese Anlagen und vielleicht auch Wünsche ebenso in den Nicht-Versehrten aktiv sind, dass die Umgebung sie aber nur zu einem gewissen Maß erlaubt. Arbeite ICH langsam, kann ich mich in die Nische „ich lese das nicht so rasch“ begeben und erzeuge Verständnis. Führe ICH jemandem vor Augen, dass meine Möglichkeiten und meine Fähigkeiten nicht miteinander übereinstimmen, indem ich den Nicht-Versehrten begreiflich mache, dass ich nicht einfach im Ausland arbeiten, eine Habilitation schreiben etc. kann, weise ich sie gleichzeitig auf ihr Privileg, nicht versehrt zu sein, hin. Auch ziemlich unangenehm für meine Mitmenschen, glaube ich. Ich selbst denke oft genug darüber nach, wann ich etwas wirklich nicht leisten kann und wann ich eine bequeme Ausrede verwende, um mich der Umgebung ein Stückweit zu entziehen. In meinem sehr beshäftigten Alltag ist leider oft genug keine Zeit, Arbeitsabläufe einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, um meinen Umgang mit ihnen ausreichend zu reflektieren. Die Best-Practice-Beispiele der Kolleginnen und Kollegen passen zumeist nicht zu meinen Fertigkeiten, so dass ich auf meine eigene Kreativität zurückgreife, um Alternativen für einen bestimmten Ablauf zu entwickeln. Ich beschwere mich nicht über diese Tatsache, habe ich mir doch diese Umgebung bewusst oder unbewusst ausgesucht, verlange nach ihren Herausforderungen und ziehe einen großen Teil meines Selbstbewusstseins aus ihr.

Aber manchmal am Tag, auch wenn ich diesem Gefühl absichtlich wenig Raum zubillige, kratzt ein Bedürfnis an meiner Wahrnehmung, wie meine Umgebung meine eingeschränkten Möglichkeiten auffangen würde. Niemals würde ich diese Wünsche formulieren, denn die Erfahrungen damit haben mir gezeigt, dass sie ausgesprochen und gehört eine verschwindend geringe Haltbarkeit im Bewusstsein der anderen haben. Ich verlange hier die Quadratur des Kreises, denn einerseits wünsche ich mir einen sorgfältigen Umgang mit meiner Versehrtheit, andererseits ist genau dieser wiederum ein Greuel für mich. Denn er zwänge andere Menschen, sich mir gegenüber anders zu verhalten als Nicht-Versehrten gegenüber. Das wiederum würde mich noch mehr von anderen abtrennen und verbesondern, und dagegen kämpfe ich ja ständig.

Heute male ich mir und Euch aber einmal eine Welt, die meinen Alltag verschönern würde. Manchmal passiert die Erfüllung solcher Wünsche unaufgefordert und macht meinen Tag hell und luftig, und manchmal spüre ich nur ganz tief drinnen, wie wieder mal eine gegenteilige Reaktion mein Gemüt verfinstert.

In meiner Welt fragt mich niemand danach, ob ich diesen oder jenen Schauspieler_in kenne, für mich sehen sie alle gleich aus. Die Stimmen unterscheiden sind, aber meist handelt es sich um mehrfach tätige Synchronsprecher_innen. In meiner Welt spielen Schauspieler_innen keine Rolle. Wie sie aussehen, ist ebenso unwichtig für mich wie die unterschiedlichen Rollen, die sie einnehmen. Schade, dass ich mich bisher mit niemandem über gute oder schlechte Vorleserinnen und Vorleser von Hörbüchern unterhalten konnte. Hier habe ich viele fein verästelte Kriterien, wie Sprecherinnen und Sprecher lesen müssen, und hier finde ich meine wahren Heldinnen und Helden. Sie sind analog zu den Schauspielerinnen und Schauspielern der allermeisten Menschen für mich. Schade nur, dass fast niemand sich aufs Hörbuch hören einlässt, weil es eben Filme gibt.

In meiner Welt begrüßt mich niemand, der meinen Alltag nicht teilt. Ich gehe durch meine Welt mit einer personellen Landkarte. Das bedeutet, dass ich genau weiß, es mir aber oft ganz bewusst ins Gedächtnis rufen muss, wen ich in welcher Sitzung, bei welcher Tagung, in welchem Stadtteil, auf welcher Straße treffen könnte. Nanche Menschen erkenne ich dennoch, den genauen Parametern habe ich noch nicht ausreichend nachgespürt, weil sie so heterogen sind. Manchmal erkenne ich meine beste Freundin nicht auf dem Flur, wenn sie schweigend bei einer Gruppe steht, ich sie an diesem Tag noch nicht gesehen und ihre Kleidung noch nicht eingespeichert habe. Manchmal erkenne ich einen Menschen, den ich nur alle drei Monate treffe. Die Stimme ist dabei in meiner Wahrnehmung zwar wichtig, hat aber als einziges eindeutiges Identifikationsmerkmal keinen Bestand. Zu groß sind die akustischen Irritationen der Umgebung, um ein Stimmprofil separiert einspeichern zu können.

Mein Büro hat einen kleinen Vorraum, durch den man zwei Schritte in mein eigentliches Zimmer zurücklegen muss. Das bedeutet, ich kann, wenn eine Person meinen Raum betritt, gar nicht sehen, wer reinkommt, niemand könnte das. Diese Woche hat eine Studentin bei mir geklopft und noch bevor sie mein eigentliches Büro betreten hat schon ihren Namen genannt. Unaufgefordert. Innerhalb von zwei Minuten konnten wir ihr Problem klären, ich konnte mich ausschließlich darauf konzentrieren, ohne vorgeben zu müssen zu wissen, wer sie ist. Ein lichter Moment.

In meiner Welt zeigt mir niemand unaufgefordert ein Foto oder eine Präsentation. Und wenn ich darum bitte, dann nie ohne begleitende Erklärung. In meiner Welt wäre es himmlisch, ein Foto gezeigt zu bekommen, auf dem die groben Umrisse schon mal vorbeschrieben wurden. „Das schwarze da links ist die Oma, das weiße da rechts bin ich im Kinderbett“ Und dann kann ich selbst wählen, was ich auf diesem Foto (sind ja zumeist Smartphone-Fotos) vergrößern möchte.

In meiner Welt ruft mir jeder x-beliebige Fahrgast im Bus beim Aussteigen zu: winzige Stufe, hohe Stufe, Riesenschritt. Wohl gemerkt, er oder sie ruft nicht Achtung, Vorsicht oder Obacht. Eine Angst weniger für die Seele, eine Erschütterung weniger für den Körper, den ich nicht auf den Fuß fallen lasse, indem ich mein Gewicht so lang in der Luft halte, bis der Fuß den Boden berührt hat.

In meiner Welt zieht mich niemand über eine rote Ampel, weil er oder sie genau weiß, dass meine Angst vor dem Verkehr so tief sitzt, dass dieses Über-die-Straße-Ziehen für mich Stress bedeutet. Und der ist nicht abbaubar, weil der nächste Stress schon wartet. Das kann ein anderer Fußgänger sein, eine Mülltonne, die drei Zentimeter zu weit auf den Bürgersteig ragt, ein auf dem Boden befindliches Objekt, das nicht als flach, hoch, rund oder nachgiebig identifiziert werden und daher womöglich zum Straucheln führen kann.

In meiner Welt verlangt niemand von mir ein gehaltvolles Gespräch, wenn ich gemeinsam mit anderen abends nach Hause gehe. Dunkelheit bedeutet Stress.

In meiner Welt sagt niemand „Ich weiß, Du siehst das jetzt nicht, aber drüben steht…“ Warum kann dieser Satz nicht einfach mal runtergeschluckt werden? Ganz einfach, weil sich jemand dann konzentrieren müsste, wie er oder sie mit mir in jedem Moment umgehen muss. Ich kann keinen Anspruch erheben auf ein Verhalten anderer mir gegenüber, auch wenn ich selbst zumeist genau das tue. Ich sage nicht: „Das und das seh ich gerade nicht, geh nicht so schnell, beobachte mich nicht, wie ich meinen Nasenring an die richtige Position rücke, eine Unreinheit im Gesicht berühre, an einem Fleck an meinem Pullover herumkratze… Ich sehe nicht, wenn Du das machst, also weiß ich nie, dass man sowas nicht in Anwesenheit anderer macht und vergesse, dass man es eben nicht tut.“

In meiner Welt tut niemand meine zahlreichen Ängste ab. Ich bewege mich vorsichtig, wenn ich Gläser in der Hand halte, denn wenn ich allein bin und eines runterfällt, finde ich nicht alle Scherben und trete in vergessene. Ich habe Angst vor dem Schneiden mit Messern, denn wenn ich mich schneide, weiß ich nicht, ob nur die Oberfläche der Haut eingeritzt oder der halbe Finger ab ist. Ich habe Angst vor spritzendem Fett, denn ich fühle es nur, habe es noch nie auf Kleidung oder Fußboden gesehen, rutsche vielleicht darauf aus, trage es an meinen Schuhen durch die gesamte Wohnung.

In meiner Welt kommentiert niemand meine Erzählungen, wenn ich im Supermarkt etwas nicht gefunden, mich verlaufen habe, etwas nicht lesen konnte, meinen Lippenstift falsch gemalt habe, mit dem Ratschlag: „Dann lass dir doch helfen.“ So oft ich angwiesen auf Hilfe bin, so oft ich mich dadurch gedemütigt und abhängig fühle, so stark ist das Bedürfnis, in einer für mich nicht gemachten Welt so unabhängig wie möglich zu sein. Und warum das? Weil Hilfe keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Diskrepanz zwischen der Welt, wie ich sie mir wünsche, und der, wie sie sich mir jeden Tag präsentiert, klingt trist, ist aber auch steter Ansporn über das scheinbar Normale nachzudenken

Irgendwas stimmt hier nicht – Dimensionen von Diskriminierung

Ich freue mich immer wieder, wenn ich in den Medien auf das Thema Antidiskriminierung stoße. Denn inzwischen gibt es ein Wort für die mentale Fremd-Verstümmelung, der wir ehedem als Randgruppen Bezeichnete ausgesetzt sind. Ich mag sie alle, die People of Color, die Schwulen und Transen, diejenigen, die meine Muttersrprache nicht so gut beherrschen wie die, deren Gender ich nicht erkennen kann, fühle mich wohl unter ihnen. Bei denen, die ihre Religion durch Attribute ihrer Kleidung sichtbar machen, ist das ein bisschen anders, denn ich frage mich im stillem, was sie von mir halten, die ich meine Beine, so wenig anziehend sie sein mögen, zeige, die ich mein Haar nicht bedecke, ob sie mich ebenso leidenschaftslos betrachten wie ich sie. Aber das ist eigentlich nur in den ersten Sekunden so, bis ich merke, sie interessieren sich ebenso wenig für meine religiöse Uneindeutigkeit wie ich mich für ihre Präferenz. Soll bitte jede_r leben, wie es ihm und ihr gefällt, solang ich nicht von ihm oder ihr behelligt werde. Die Diskriminierung von Frauen ist so absurd wie die gegen Menschen mit anderer Hautfarbe, Menschen mit unbestimmtem Geschlecht, Menschen mit nicht normativ gesetzter (als normal geltender) sexueller Orientierung etc.

Aber irgendwas stimmt hier nicht, und ich möchte versuchen zu ergründen, was genau es ist. Denn die eben genannten Gruppen brauchen nichts wirkliches, um am Leben teilhaben zu dürfen, außer die scheinbar unmögliche Kleinigkeit, von der „normalen“ Gesellschaft nicht als etwas Schlechteres betrachtet zu werden. Sie könnten also ein Leben führen mit allen zur Verfügung stehenden Ressourcen? Nein, gerade bei den Menschen mit uneindeutigem Geschlecht müssen noch enorme Modifikationen in den Gegebenheiten zur Verfügung gestellt werden, öffentliche Räume müssen mehr als nur zwei Typen von Toiletten, Umkleidekabinen etc. zur Verfügung stellen. Ihre Vielfältigkeit muss nicht nur wahr- sondern auch angenommen werden. Hier gleichen sie den Behinderten. Auch für diese steht zumeist nicht die Umgebung zur Verfügung, die sie brauchen.

Aber irgenwas stimmt immer noch nicht. Nehmen wir mal an, alle öffentlichen und privaten Einrichtungen, die alle Menschen besuchen möchten, wären für die Bedürfnisse der vielfältigen Gesellschaft ausgestattet, wären barrierefrei, genderfrei, ideologiefrei. Und nehmen wir weiter an, jetzt wirds natürlich extrem Science Fiction, alle Menschen würden alle so annehmen, wie sie sind, jeder People of Color würde jede Wohnung bekommen, die er möchte, jede Kopftuchträgerin würde ebenso freundlich an der Käsetheke behandelt wie die neben ihr stehende Blondine mit hautengem Kleid, jede trans-Person könnte sich in der Sauna kalt abduschen, ohne Angst vor angewiderten Blicken oder Tuscheleien hinter ihrem Rücken haben zu müssen… Wär schon mal schön, oder? Warum habe ich die Rollifahrerin nicht genannt, die im Fitnesscenter ihre Übungen macht, den Blinden, der in der Bibliothek seine Bücher sucht? Hätte ich machen können, denn auch hier sind es Gegebenheiten, die ihnen das Leben leichter machen würden.

Aber sinn-, körperlich und geistig eingeschränkte Menschen brauchen noch etwas anderes. Im Gegensatz zu den vorher Genannten sind sie auf einer grundlegenden Ebene eingeschränkt, denn erstens brauchen sie so verschiedene Umgebungen, die auch miteinander konkurrieren können. Während sich der Blinde über die taktilen Leitsysteme auf der Straße freut, sind sie für die Rollifahrerin ein weiteres Hindernis etc.

Die Gegebenheiten für Behinderte sind sehr viel mannigfaltiger und komplexer und auf der anderen Seite viel einfacher zu beheben als die Pfähle im Kopf der Menschen. Denn das Bedürfnis, einen Aufzug zu brauchen, eine ausreichende Beleuchtung oder eine akustische Ampel, kann befriedigt werden, und damit kann sich die Öffentlichkeit auf die Fahnen schreiben, sich gegen Diskriminierung zu engagieren, da sie durch das Entfernen von Barrieren Teilhabe ermöglicht.

Irgendwas stimmt schon wieder nicht. Ich persönlich freue mich, wenn ich einen Aufzug betrete, dessen Tastenfeld so riesig ist, dass ich nicht dirfekt davor stehen und damit allen anderen Menschen zeigen muss, dass ich es nicht gut erkennen kann. Kürzlich stand ich in einem Aufzug, mit mir zusammen eine Frau mit Kopftuch, ein männlicher People of Color, ein weißer Rollstuhlfahrer und ein weibliches Paar eng aneinandergeschmiegt. Ich genoss diese Vielfalt, denn dadurch, dass jede/r was anderes hatte, waren wir alle geschützt, unser Anderssein beschützte uns wissentlich vor Angriffen. Dann fiel mir auf, dass ich ja ganz ohne Stock unter ihnen stand, unerkannt, als potenzielle Normale, als mögliche Angreiferin aus der nicht diskriminierten Welt, und sofort fühlte ich mich unwohl. Bin nur ich es, die eine potenzielle Gefahr wittert, sobald ich meinen privaten Raum verlasse, in dem ich nichts bin als ein Mensch? Ist es die Unterscheidung in normal und nicht normal, die Diskriminierung erst real werden lässt?

Was ich eigentlich schreiben wollte, und jetzt finde ich gerade meinen roten Faden nicht mehr, ist mein völliges Unverständnis gegenüber Diskriminierung von Frauen, Menschen aller Haut-, Haarfarbe, Augenformen, Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Präferenzen und auch religiösen Glaubensvorstellungen. Denn sie haben doch nix, was soll denn das? Sie können ebenso gute Mieter, Ärztinnen, Anwälte (mit Sicherheit sogar bessere!), Pfarrerinnen, Handwerker oder was auch immer sein.

Behinderte hingegen haben wirklich was. Sie werden nicht nur eingeschränkt durch die nicht an sie angepasste Umgebung, nein, sie sind auch dann noch eingeschränkt. Dass man sie deswegen nicht diskriminieren darf, ist natürlich selbstverständlich und muss hier nicht betont werden. Aber ich verstehe die Unsicherheiten gegenüber Behinderten besser als gegenüber den anderen Gruppen, die ausgegrenzt werden. Denn sie haben ja wirklich etwas, das sie beim Zusammetreffen unkalkulierbar macht, ihnen Schranken auferlegt, sich frei und selbstbestimmt zu bewegen, zu kommunizieren oder die Angebote der Umgebung wahrzunehmen. Während Antidiskriminierung der erstgenannten Gruppen also eine vorerst kognitive Ebene betrifft, die Schranken im Kopf von Menschen, liegt Diskriminierung von Behinderten meiner Ansicht nach eine tiefgreifendere Unsicherheit zu Grunde. Natürlich weiß der nicht-behinderte Mensch auch nicht, inwiefern sich eine Persönlichkeit bildet, wenn sie stets Anfeindungen ausgeliefert ist, die aus Motiven von Rassismus, Sexismus oder anderen Zuschreibungen resultiert. Was macht es mit der eigenen Identität und Körperwahrnehmung, wenn ständig eine Grenze gezogen wird zwischen „den anderen“ und sich selbst? Das ist glücklicherweise heute schon viel besprochen und von wissenschaftlichem Interesse. Auf einer ganz perfiden Ebene mag es sein, dass sich hier Allianzen zwischen People of Color, sexuell nicht normativ gesetzten Menschen, sichtbaren Religonszugehörigen und Behinderten bilden. Auch bilden die Bestrebungen derer, die von Diskriminierung betroffen sind, besser zu sein als der normativ gesetzt Mensch, eine Art von Ähnlichkeit. Aber seien wir doch bitte bitte einmal ganz ehrlich: ein homosexueller Mann, eine dunkelhäutige Frau, für beide gibt es keinen Grund, eine ebenso gute Ärztin zu sein wie jeder andere Mensch. Aber der Behinderte kann dies eben nicht, weil er nicht nur Pfähle im Kopf beseitigen muss, die jeglicher logischer Grundlage entbehren. Dass eine Gesellschaft überhaupt auf die Idee kommt, dass Menschen aufgrund irgendeiner scheinbaren Andersheit nicht befähigt sein sollen, genauso Teil dieser Gesellschaft zu sein, das ist im höchsten Maße beschämend für diese Gesellschaft.

Wie ist es aber nun gerade mit dem sinn-eingeschränkten Menschen? Kann ein Tauber Anwalt sein? Eine Blinde Fahrlehrerin? Nein, hier werden nun ganz praktische Hinternisse offenkundig, die sich die Gesellschaft zu überwinden zur Aufgabe gemacht hat. Ein technisches Hilfsmittel nach dem anderen wird erfunden, um auch unseren behinderten Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben so vielfältig wie möglich zu ermöglichen. Aber irgendwas stimmt hier schon wieder nicht.

Vor ein paar Tagen hatte ich eine Diskussion mit einem Arbeitskollegen üner meinen Arbeitsassistenten. Dieser bedient für mich Datenbanken, die zu komplex sind, als dass ich sie am Bildschirm überblicken kann, er scannt und sucht Literatur, begleitet mich zu Veranstaltungen, deren Räumlichkeiten ich nicht finde etc. Er ist eben ein Assistent für meine Arbeit. Mein Kollege meinte aber, dass er, ich zitiere, „nicht nur Deine Betreuung ist sondern einen Mehrwert für die Firma darstellt“. Aha, ich mache hochbezahlte Arbeit und brauche eine Betreuung wie eine Dreijährige? Das ist es, was das Behindertsein anders macht als andere Formen des Daseins, die von Diskriminierung betroffen sind. Mir wird abgesprochen, dass ich selbständig bin, dass ich ein Wesen bin, dem alles zuzutrauen ist. Und das stimmt ja auch in gewisser Weise, erkenne ich ja nicht mal den Kollegen, den ich seit 15 Jahren kenne, auf der Straße. Diese Unfähigkeit ist es, die zu Aussagen führt, ich bräuchte eine Betreuung. Hier wurde schon so oft darüber geschrieben, wie diese Verbesonderung sich auf mein Lebensgefühl auswirkt, wie wirkt sich die Konfrontation mit mir aber auf meine Mitmenschen aus? Ich dachte stets, dass sie es irgendwann vergessen, dass ich nicht ganz so bin wie sie, aber an Aussagen wie der Notwendigkeit einer Betreuung spüre ich, die Barriere ist vorhanden und kann nicht überwunden werden.

Ist es jenseits jeder Möglichkeit, es in Worte zu kleiden, was Menschen denken oder fühlen, wenn sie mich sehen, ich sie aber nicht? Was denkt Ihr dabei, oder denkt Ihr gar nicht sondern fühlt nur? Fühlt Ihr die Barriere zwischen Euch und mir, dass Ihr etwas könnt, das ich nicht kann, dass ich ein armer Tropf bin, dass es bewundernswert ist, wie ich durch die Welt stolpere… Ich hab keine Ahnung. Klar ist immerhin, dass sich zumindest Sinn-Behinderte in dieser Hinsicht von allen anderen diskriminierten Gruppen unterscheiden, denn etwas a priori gesetztes wie die Sinne, etwas, das wir alle als selbstverständliich zu nutzen im Laufe des Lebens gelernt haben, ist einfach gestört und wirkt sich (wie?) auf die Persönlichkeit aus.

Deshalb tue ich mich schwer,. Diskriminierung von Behinderten auf einer bestimmten Ebene mit anderen Diskriminierungen gleichzusetzen. Diese anderen sind gänzlich indiskutabel und auch im Höchtsmaß Ausdruck von Dummheit. Aber diese eine ist zwar nicht verständlich, gerade für kognitiv aktive Menschen, aber sie hat einen Ursprung. Ach, wenn man doch aus dieser Verbesonderung etwas anderes machen könnte!

Die Geschichte der Identität: vom schlechten zum anders sehen.

Immer wieder bin ich unschlüssig, ob ich an diesem Blog weiterschreiben soll. Ncht weil mich seine Profanität und seine wiederkehrenden Themen langweilen, das ist zwar immer mal wieder ein Gedanke, aber nein, es hat mit dieser Identität zu tun, die ich hier breit trete und die dadurch in meinem alltäglichen Denken und Handeln noch viel präsenter wird und die ich dadurch wieder und wieder erzähle und mich damit auch reduziere.

Der Mensch kann viele Identitäten parallel in Anspruch nehmen, gleichzeitig kann er Bayer, Deutscher, Vegetarier, Intellektueller, Musiker etc… sein und sich der Gruppe zugehörig fühlen, deren Stärke er in der akuten Situation benötigt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat mich auf diese Idee gebracht, dass es sich hierbei nicht nur Identitäten handelt sondern um Geschichten, die sich ein Mensch erzählt, um sich identitär zu verankern. Eine gewisse Widersprüchlichkeit ist dabei völlig unvermeidbar und fällt nur dann auf, wenn die Grundzüge einer bestimmten Geschichte besonders offenkundig sind und anderen Geschichten gänzlich entgegenstehen. Mit Sicherheit entkleiden wir solche Brüche eher bei anderen als bei uns selbst: Wie kann ein wahrer Christ töten? Warum verlangt eine im Herzen stolze Marxistin geliehenes Geld bis auf Heller und Pfennig zurück und hat kein entspanntes oder gar verschwindend geringes Interesse an der Rückzahlung? Warum ist ein Philanthrop aggressiv gegenüber Mitmenschen? Menschen ordnen ihre Geschichten also ihren Zielen unter und legitimieren diese durch die jeweils passende Identitätserzählung.

Ich habe die ersten 40 Jahre meines Lebens damit verbracht, die sehbehinderte Identität zu verschleiern, zu leugnen und zu kompensieren, indem ich freundlich, gutmütig, ehrgeizig und maximal anpassungsbereit war. Danach erst habe ich begonnen, die Geschichte der Behinderung meinen Identitäten aktiv hinzuzufügen. Ich habe die Tatsache des schlecht Sehens damit ihrer von ihrer Allmacht und Intimität befreit, ich erklärte mich allmählich bereit dazu, sie nicht als persönlichen Makel zu akzeptieren sondern als eine Variable, die mein Leben rahmt, nicht nur einschränkt. Ich habe aufgehört mich für nachvollziehbares Fehlverhalten zu schämen sondern fügte die Erzählung meiner Alltagsrealität hinzu und wehrte mich nicht mehr gegen diese Determinante.

Klingt abstrakt und langweilig, kein Problem. Früher bin ich oft gestolpert über Stufen, Schwellen, Müll auf der Straße, durch Wurzeln der Bäume verursachte Erhebungen auf dem Bürgersteig. Wenn ich wieder mal strauchelte, war meine erste Reaktion Scham, Ärger und die Sorge, ob mich jemand bei dieser Tölpelei beobachtet hatte. Ziemlich dämlich, ausgerechnet an sowas zu denken, sah ich doch die potenziellen Beobachter_innen nicht. Auch das dachte ich schon früher und ärgerte mich noch mehr, vor allem über die Unabänderlichkeit des Stolperns, des Nicht-Sehens der Beobachter und letztendlich über mein eigenes Gedankenkarusell. Der nächste (oder zeitgleiche?) Gedanke war, warum bist du jetzt gestolpert, hier war doch gar nix. Was hat dein Stolpern verursacht? Woher kommt die Veränderung im Boden, warum hast du dich nicht an die Schwelle erinnert, die kennst du doch schon etc. pp.

Heute hat sich da eine Menge verändert. Ich stolpere noch genauso, ärgere mich noch immer, aber ich gehe nicht mehr mit mir ins Gericht, vielmehr erkläre ich mir mein Straucheln mit der Erzählung des schlecht sehens und lasse den Gedanken danach recht schnell wieder fallen. Im Gegensatz zu früher entwerfe ich bei solchen Missgeschicken inzwischen recht häufig eine Welt, wie sie nach meinen Bedürfnissen aussähe: ohne Stufen, nur allmählich ansteigenden Rampen, breiten Straßen, auf denen sich Menschen bequem ausweichen könnten, so dass auch die Hecken oder in den Weg hineinragende Äste nicht so akurat gestutzt sein müssten, akustische Signale, wo sich keine Treppen vermeiden lassen oder zumindest kontrastreiche Gehweg- und Straßenbeläge… Ich könnte für Gebäude, Supermärkte, freie Gelände, ja, ganze Städte Pläne entwefen, die das ästhetische Empfinden eines jeden Nichtbeeinträchtigten wahrschein erschauern ließen, und natürlich weiß ich das. Früher hab ich mich darüber geärgert, wenn ich etwas nicht oder falsch gesehen habe, heute ärgere ich mich nur noch halb soviel, wundere mich eher und mache mir zum Beispiel über die Aussagekraft von Farben Gedanken, deren geringer Einsatz gerade in der Gestaltung des öffentlichen Raums ich nicht begreife. Farben erkenne ich nämlich sehr gut, wenn sie sich nur stark genug vor einem Hintergrund abheben, und ich habe bei ihrem Anblick Assoziationen, die sich hinter meinem Farbempfinden verbergen. Sind diese Assoziationen individuell oder kulturell erlernt? Wann ist eine Farbe so sehr in meinem Kopf verankert, dass ich alles, was in der gleichen Farbe ist, für dieses Objekt halte oder von ihm ausgehe?

Auch hier wieder ein Beispiel: Ich habe ein pink-schwarzes Brillenetui für meine Lesebrille. Sehe ich pink-schwarz in meiner Wohnung, ist der erste Impuls, das dies mein Etui ist.

Sehe ich in einer anderen Umgebung einen Gegenstand gleicher Farbe, assoziiere ich damit immer mein Etui oder nur in einem bestimmten Kontext wie dem Büro oder dem Handtuch auf dem Rasen, weil ich da immer was zu lesen dabei hab? Darf ein Brillenetui, das ja eine relativ begrenzte Lebenszeit hat, überhaupt so dominant sein? Kann ich Einfluss auf meine farbliche Erinnerung nehmen oder vollzieht sie sich gemäß meiner Notwendigkeit, das Etui immer wieder zu finden?

Hach, heute mute ich Euch eine Menge zu. Ist alles so theoretisch. Eigentlich war ich ja von der Frage ausgegangen, ob es mir guttut, die Identität des schlecht sehenden Menschen so herauszukehren. Jetzt, nachdem ich dies niedergeschrieben habe, bin ich schon wieder davon überzeugt, dass es meinen Blick nicht nur in eine Richtung lenkt, aber oftmals fühlt sich diese Identität zu dominant an, sie entschuldigt mir zu viel, ich bin nicht zufrieden damit. Zuviele Erklärungen für mein Verhalten beginnen mit der Legitimation „ich sehe schlecht, daher mach ich dies oder jenes so oder so, kann ich das oder dies nicht“ etc. Davon möchte ich wieder ein wenig Abstand nehmen. Schließlich ist es nur eine Erzählung meiner Identität, und ich möchte auch den anderen wieder mehr Raum zugestehen, denn diese Geschichte ist immer eine exklusive, also eine ausschließende Geschichte, die mich von anderen Menschen trennt. Die Frage, ob ich dies heute noch brauche, nehme ich mal mit in diesen Sonntag.

Heute nur mal in Fragen und Stichpunkten an einem stinknormalen Arbeitstag

 

  • 6.00 Uhr Blick aus dem Fenster. Regnets? Mal genau zuhören.
  • 6.30 Uhr Küche: Mein Blick fällt auf die kaputte Leuchtstoffröhre. Wie krieg ich die denn nun entsorgt? Recyclinghof ist nicht grad um die Ecke und schlecht mit dem Bus erreichbar, oder? Schaffe ich es, die neue einzusetzen, ohne dass ich die Sicherung rausschrauben muss? Wen bitte ich denn mal um Hilfe, wenn ich den Schlitz nicht treffe?
  • 7.00 Uhr Smoothie-Zubereitung: Hab ich faulen Feldsalat in den Mixer gestopft? Ist was daneben, auf den Boden, auf meine Kelidung gespritzt?
  • 7.30 Uhr Badezimmer: Mit dem Arm an eine Ecke des Regals gestoßen, Handposition minimal verrutscht, ist der Lippenstift jetzt vermalt?
  • 7.45 Uhr Verlassen der Wohnung: Tropft meine Bioplastiktüte das Treppenhaus voll? Überprüfung mit den Fingern, scheint dicht. Werde ich wohl an der Reaktion der Nachbarn früher oder später erfahren. Oder sie reagieren darauf, dass zu laut niese?
  • 7.53 Uhr Bushaltestelle: Ist der Bus da vorne meiner? Soll ich rennen? Sind die Schuhe für so ne Aktion rutschfest?
  • 8.12 Uhr Im Bus: Sitzt Norma auch drin? Kenn ich hier irgendjemanden? Steh ich jemandem im Weg? Stört mein Rucksack jemanden? Wo ist der Haltegriff? Wie komme ich durch den Gang bei den vielen abgestellten Taschen? Schaut mich die Frau da hinten komisch an? Ist der Grund der vermalte Lippenstift oder ein Smoothiesoritzer auf dem Hemd? Bietet mir die alte Dame da rechts gleich ihren Platz an, weil sie sieht, wie unwohl ich mich im Getümmel auf der rotierenden Plattform fühle? Oh nein, bitte nicht. (Wiederhung derlei Fragen pro Tag abhängig von den Busfahrten und der Auslastung in ihm.)
  • 8.17 Uhr Fußweg vorbei an einer Ausfahrt: Darf ich gehen oder fährt das Auto, das rauskommt, los? Kommt der Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig noch an mir vorbei? (Wiederholung derlei Fragen in Variationen pro Tag ca. 20 mal)
  • 8.18 Uhr Eingang vor der Arbeitsstätte: Wie gelange ich ins Haus bei den vielen Menschen, die vor der Treppe stehen? (Wiederholung derlei Fragen pro Tag ca. 5 mal)
  • 9.25 Uhr Schreibtisch: Warum habe ich die Email nicht auch an den Kollegen Bert verschickt, ich war total sicher, dass ich das getan habe. Wie kann es sein, dass ich so wichtige Weiterleitungen übersehe? Sollte ich nicht doch besser in Frührente gehen?
  • 9.30 Uhr Flur: Kenn ich den? Muss ich „Guten Morgen“ sagen? 
  • 10.10 Uhr Vor dem Veranstaltungsraum: Fünf Menschen warten darauf, dass ich die Tür aufschließe. Wer ist wer?
  • 12.30 Uhr Weg durch die Stadt: Kann ich dem Mann da mit dem pendelnden Blindenstock auf dem schmalen Stück Straße noch ausweichen, ohne auf die vielbefahrene Straße springen zu müssen?
  • 13.12 Uhr Stadt: Wo war denn jetzt der Laden? Bin ich da schon vorbeigelaufen? Drecksladen, kleiner!
  • 13.20 Uhr Vor dem Cafe: Gehört der draußen stehende Tisch zu dem richtigen Cafe, in dem ich in 40 Minuten verabredet bin?
  • 13.55 Uhr Immer noch vor dem Café: Kollegin kommt an, früher als angekündigt: Hab ich der Kollegin jetzt Unannehlichkeiten bereitet, weil ich ihr gestern gesagt habe, dass ich den uns beiden unbekannten Gast aus Israel nicht von seinem Homepage-Foto her erkennen kann und auf ihre Hilfe angewiesen bin? Warum bin ich so früh hierher gegangen, um von ihm erkannt zu werden, falls er etwas früher kommt?
  • 14.15 Uhr Cafe: Wäre ich ohne diese Seheinschränkung im Studium und danach ins Ausland gegangen, hätte ich mehr gelesen und würde jetzt auch so gut Englisch sprechen wie die Kollegin? Oder ist das eine im wahrsten Sinne des Wortes faule Ausrede?
  • 14.20 Uhr Cafe: Hab ich gerade gekleckert? Sieht man den Milchschaum auf meinem roten Hemd?
  • 15.09 Uhr Verabschieden: Hab ich die Hand des Gastes korrekt zum Schütteln getroffen? Finde ich diese mir bekannte aber dämlich schiefe Stufe zum Ausgang oder falle ich darüber? Geht die Tür nach außen oder innen auf?
  • 15.10 Uhr Rückweg durch die Stadt: Sind meine Mädels im Schuhladen? Sehen sie mich und ärgern sich, dass ich nicht Hallo sage?
  • 16.30 Uhr Veranstaltung: Hab ich wieder die falsche Person angeschaut und wollte eine zum Sprechen andere aufrufen?
  • 17.15 Uhr Veranstaltung: Wie heißt diese und jene Person? Ich sage einen falschen Namen, sie weist mich darauf hin, ich entschuldige mich und verspreche, ich bringe mal meine Simulationsbrillen mit, mit denen sie sich dann mal eine halbe Stunde unterhalten dürfen. Ist das zuviel Bedürftigkeit?
  • 19.30 Uhr Busfahrt: Vor mir sitzt ein armer Mann, ein junger, blonde Haare, aber warum ist er in der Mitte des Kopfes so kahl? Sieht aus wie eine Tonsur, seltsam. Der junge Mann dreht den Kopf nach rechts, und es ist auf einmal eine junge Frau mit einem Dutt, in den sie eine rosafarbene Blume eigearbeitet hat. Welchen Bildern kann ich trauen?

Schade, dass ich das nicht früher schon mal gemacht habe. Hier erschließt sich, warum ich mich nie aus meiner Stadt weggewagt, warum ich mich für eine geistge Arbeit entschieden und dabei vor allem für sehr fundamentale Fragen interesiert habe, wer ich bin, wer die anderen sind, nach welchen Mechanismen die Welt funktioniert und welche Kompetenzen Zusammenleben erfordert.  Muss ich die Welt verändern oder mich selbst, um das Leben komfortabel zu gestalten?

Ach Du mein Schreck, was ist das hier für eine Ansammlung egoistischer und gar jämmerlicher Ausführungen! Gibt es nicht viel wichtigeres auf der Welt? Manchmal denke ich, früher war es besser, als ich all diese Gedanken und Gefühle noch verheimlicht habe, als ich noch unterscheiden konnte, ob mich die Menschen aufgrund moralischer Skrupel, es nicht zu tun, mochten oder ob sie mir wirklich zugetan waren. Außerdem könnte der Eindruck entstehen, ich hätte nichts anderes im Hirn als diesen Sehungeuer-Firlefanz. Aber das ist nicht der Fall, will mich gleich mal wieder wirklich interessanten Themen widmen.