Wieder mal ein Schreibexperiment, an dem Ihr partizipieren dürft oder müsst. Denn es gibt unzählige Begebenheiten oder Beschaffenheit des Alltags, die von mir bisher keiner genaueren Analyse unterzogen wurden, so dass ich nach Identifizierung einer Besonderheit meist noch gar nicht weiß, wohin mich meine Gedanken treiben, die durch die Bekleidung in Worte in Gang gesetzt werden. Bei mir funktioniert die schon von Kleist formulierte „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ offenbar auch recht gut beim Schreiben.

Das derzeit praktizierte Social Distancing, dem wir uns alle mehr oder weniger freiwillig unterwerfen, hat durchaus positive Effekte. In meinen vier Wänden neige ich dazu, meine Seheinschränkung zu vergessen oder nicht als Bürde zu empfinden. Es ist schließlich niemand da, der oder die mir – wenn auch unwillentlich – spiegelt, was sehbar ist und was ich selbst nicht sehe. Ein kleines Beispiel, in diesem Blog schon erwähnt, mag zur Illustration dienen: Ein von mir ca. 80cm entferntes am Küchentisch sitzendes Gegenüber schaut mich an und registriert meine Mimik, meine Gestik zusätzlich zu allem anderen, was am Rand dieses Bildausschnittes statffindet. Vermute ich. Es ist dabei in der Lage bzw. daran gewöhnt bzw. kennt keine alternativen Umgangsformen damit die Gesprächspartnerin zu fokussieren. Hypothetisch würde ich behaupten, dass diese Art der Konzentration auf das Gegenüber stets eine Kombination aus visueller und akustischer Konzentration ist. In meinem Fall gestaltet sich die Konzentration gänzlich anders: Optischen Reizen und den ihnen innewohnenden Informationen nicht zu trauen, ist mir zur zweiten Natur geworden, so dass ich sie nur vereinzelt als Informationsquelle ernstnehme. Aussagekräftig sind viel mehr die vielgestaltigen akustischen Signale, ich schrieb hiervon bereits. Wissend, dass das Gegenüber mich fokussiert, strenge ich mich aber an, die Konzentration meiner Gesprächspartner_in möglichst auch auf akustische Informationen zu lenken, was gleichzeitig bedeutet, mich visuell so unauffällig wie möglich zu verhalten, um den Grad der Irritation möglichst niedrig zu halten. Ich schaue also in die Richtung, von der ich glaube, dass sich Augen und Mund der Gesprächspartner_in befinden, verwende Mimik und Gestik, die an das Gegenüber angepasst sind und die ich durch Nachahmung erlernt habe. Welche Qualität diese Mimikry aufweist, kann ich nicht beurteilen, vermute aber, dass ich es häufiger richtig mache als falsch. Zumindest würde ich sagen, inzwischen habe ich eine Form gefunden, die mich wenig anstrengt oder ablenkt und die gleichzeitig ihren Zweck der reibungsarmen Kommunikation gewährleistet. Manchmal merke ich jedoch noch immer, dass diese Kombination aus visueller und akustischer Unterhaltung nicht von mir internalisiert ist, selbstvergessen drehe ich an meinem Nasenring, kratze an einer Hautunebenheit oder fange an, mir die Fingernägel zu säubern. Alles Handlungen, die ich bei meinem Gegenüber nicht sehen würde, so dass ich automatisch davon ausgehe, dass auch das Gegenüber diese bei mir nicht registriert. Es waren schmerzhafte aber notwendige Erfahrungen, wurde ich von mir sehr nahen Menschen auf diesen Umstand hingewiesen.

Sozial distanziert dürfen diese Angleichungsmechanismen ebenso pausieren wie die dazugehörigen Kontakte. Abgesehen natürlich von den notwendig gewordenen Präsenzen vor der Webcam im Home-Office. Ich verwende hier bewusst den Prural des Begriffs „Präsenz“, ich werde noch darauf zurückkommen. Diese Web- und Videokonferenzen bereiten mir einige Mühe, bergen aber auch ungeahnte Möglichkeiten für mich.

Um Art und Ausmaß des Dilemmas zu begreifen, ist es notwendig, meine Bildschirmoberfläche, wie ich sie mir eingerichtet habe, so dicht wie möglich zu beschreiben. Wie gut mir das gelingen mag, kann ich schlecht beurteilen.

Der Kontrast des Hintergrundes zu den Fenstern, die während einer Sitzung am Rechner geöffnet werden und weiß sind, muss hoch sein und gleichzeitig eindeutig für mich, dass ich im korrekten Profil arbeite. Die Mitte der Oberfläche meines Hauptprofils ist demnach gefüllt von meinem Lieblingswellensittich Mikke, der mit halb geschlossenen Augen aufgeplustert auf einem Ast hockt und maximal entspannt aussieht. (Das geschulte Ohr der Vogelfreundin hört ihn regelrecht vor Wohlbehagen mit dem Schnabel knirschen.) Der Hintergrund dieses Fotos ist monochrom und damit störarm, alle Icons sind um den Vogel herum gruppiert und zwar nach einer streng einzuhaltenden Reihenfolge, da ich keines ohne Vergrößerung identifizieren kann und mich so auf die gewohnten Hinführungen mit der Maus darauf verlasse, ohne optisch kontrollieren zu müssen.

Mit der ca. 10fachen Vergrößerung, die ich in der Regel verwende, sehe ich nur noch entweder Kopf, Bauch oder Füßchen von dem Vogel, weiß aber durch den hohen farblichen Kontrast immer, wo ich mich gerade mit meinem Mauszeiger befinde. Meine linke Hand weiß ebenso genau, wie viele Millimeter sie sich bewegen muss, um von einem zu einem anderen Fenster zu gleiten, ich führe stets gleich lange, nie hektische Bewegungen auf meinem Mauspad aus, um zu einer bestimmten Stelle auf dem Fenster zu gelangen, das ich gerade verwende. Dabei wechsle ich trotzdem oft die Stufen der Vergrößerung, denn der geringe Ausschnitt, der nach einer 10fachen Erhöhung noch bleibt, ist manchmal in der Breite nicht ausreichend, um bspw. komplette Dateininformationen zu erfassen. Die Nasen-Technik erweist sich gerade dann immer noch als die praktikabelste. Ich klebe meine Nase also quasi an den Bildschirm, um die Informationen lesen zu können, ohne eine Vergrößerung einzusetzen.

Die meisten Tücken enthalten Programme, die so gestaltet sind, dass nur beim Darüberfahren mit der Maus gewisse Handlungsoptionen erscheinen, die aber wieder verschwinden, sobald sich der Mauszeiger wieder außerhalb des betreffenden Fensters befindet.

Zur Webkonferenz: Ich sitze vor meinem mit Webcam ausgestatteten Notebook, das einen für mich winzigen Bildschirm hat. Dieser ist zusätzlich geteilt, wenn mehrere Personen an einer Besprechung teilnehmen, und rechts unten sollte ich in der Regel noch mich selbst sehen, wie ich für die anderen erscheine. Für mich sind all das nur Schemen, ein paar unterschiedliche Farbtupfen auf einem Bildschirm. Besser erkennen kann ich das Bild, wenn ich links auf meinen externen Monitor blicke, der immerhin stolze 28 Zoll aufweist. Mit welch großer Freude ich einmal, versehentlich auf das Bild einer Sprecherin bei einer solchen Konferenz mit der Maus gelangt, aus dem Augenwinkel einen roten Punkt und ein paar andere winzige Symbole erspähte, kann ich kaum sagen. Ah, hier kann ich Kamera, Mikro, Personen steuern, kann aus- und einschalten. Bewegt man dann aber die Maus 1 min oder weniger nicht mehr, verschwinden diese Symbole wieder. Um sicher zu gehen, ob die Kamera wirklich ausgeschaltet ist, muss die Nasen-Technik eingesetzt werden. Natürlich nicht am Notebook mit verräterischer Webcam sondern an dem braven verschwiegenen Monitor. Hat aber zur Folge, dass die Gesprächspartner_innen im schlimmsten Falle meinen Popo sehen, wenn ich aufstehe und mich nach links beuge, um das Bild auf dem Monitor genau in Augenschein zu nehmen. Nach dreimaligem Üben habe ich jetzt eine Technik etabliert, bei der ich nicht mehr aufstehe sondern mich wegdrehe, um mich darum zu kümmern, Mikrophon oder Kamera auszuschalten, so dass nur noch meine Schulter im Auge der Webcam sichtbar ist.

Während ich mit einer 10fachen Vergrößerung auf dem Monitor eine der Gesoprächspartner_innen relativ deutlich sehe, gibt dieselbe Vergrößerung auf dem Notebook nur noch einen winzigen Ausschnitt der Person wieder, bei großer Treffsicherheit ist dies ein Teil des Gesichts, bei kleinerer der Hals oder die Zimmerdecke oder das Regal im Hintergrund. Ich muss mich nun entscheiden, ob ich in diese oftmals sehr bizarre Vergrößerung der Anwesenden starre, damit sie mich sehen, wie ich in die Kamera schaue, oder ob ich in eine andere Richtung spähe, um die Gesprächspartner_innen zu sehen. Bei der letzten Webkonferenz habe ich hingegen die Vergrößerung ausgestellt und so getan, als würde ich dem Gespräch auch optisch folgen. Ziemlich kräftezehrend und gleichzeitig in hohem Maße unbefriedigend, stundenlang vor einem Notebook zu sitzen und bunten Punkten zuzulächeln, abwartend oder auffordernd zu schauen, wo doch das Gegenüber nicht mal schemenhaft wie am Küchentisch vorhanden ist. So habe ich entdeckt, dass die gegenwärtig einfachste Technik für mich ist, meinem Wellensittich zuzulächeln, der zwischen all den Fenstern im Hintergrund noch halb zu sehen ist. Denn das Bild von ihm kenne ich so gut, dass ich seine Präsenz am Bildschirm nicht kontrollieren muss. So erfährt der schon seit 4 Jahren verblichene kleine ehrenwerte Mikke noch immer eine gewisse Zuwendung, wenn sie auch hier zweckgebunden ist. Gleichzeitig bin ich davon abgelenkt, dass ich eigentlich zwei Präsenzen ausfüllen muss: diejenige, die ich selbst bin und diejenige, die ich für die Gegenüber bereitstelle. Zwischen mir und dem Bild, das irgendwo in Basel, Frankfurt oder Göttingen ankommt, gibt es in meiner Vorstellung keine Brücke.

Aber in den Moment, wo ich die Kamera abschalten kann, habe ich exakt das Gespräch, das ich mir so oft nicht nur bei Webkonferenzen wünsche. Ich kann an meinem Nasenring drehen, kann meine Fingernägel säubern oder den letzten Mückenstich begutachten, während mein Ohr und mein Kopf ganz bei der Diskussion der Konferenz weilen. Ich bin sichtbar und doch unsichtbar. Ich kann wählen, ob ich gehört werde, ich kann meine optische Anwesenheit abstellen, wenn es zu anstrengend wird, meine Konzentration zwischen dem Inhalt des Gesprächs und der Sorge um meine virtuelle Präsenz aufzuteilen. Eine Technik, die bei den anderen Teilnehmer_innen unterschiedliche Reaktionen hervorruft, und manchmal spüre oder bilde mir ein zu spüren, dass meine optische Präsenz wichtiger ist als mein Unbehagen dabei, so dass ich wieder mit meinem Mikke diskutiere.

Alles also wieder mal mehr als uneindeutig, als dass ich eine klare Position pro oder contra zu entwickeln könnte. Dazu kommen weitere Themen, die hier bisher keine Erwähnung fanden und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufgegriffen werden. Ich habe bspw. bisher kein Wort über die Aussagekraft der materiellen Kultur des eigenen Arbeitszimmers gegenüber Untergebenen oder Vorgesetzten etc. getroffen. Verliert ein Schüler den Respekt vor ihr, wenn er den kitschigen Nippes auf dem Kaminsims seiner Lehrerin sieht? Beginnt eine Vorgesetzte sich vor ihrer Arbeitnehmerin zu ekeln, wenn ihr deren ungeputztes Fenster oder ihre lippenstiftverschmierte Tasse auffällt? Wie gesagt, vielleicht komme ich dazu noch zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich halte mich bewusst von jeglichen Ratgebern bzgl. der perfekten Videokonferenz fern, denn allein aus diesem Blogbeitrag habe ich gelernt, dass diese Form von Ratgebern mich nur wieder in die Rolle zwingen würde, vor der ich mich täglich ein Stückweit zu befreien suche. Derlei generalisierte Handlungsempfehlungen mögen für viele erforderllch und sinnvoll sein, ich suche mir meinen Weg durch den Schlamm des Sehungeheuerlichen.

5 Gedanken zu “Wie ein Wellensittich bei der Videokonferenz hilft

  1. Eine sehr schöne und plakative Umschreibung dessen, welche sehungeheuerliche Mühen und Strategien erforderlich sind und, dass diese in der Regel sonst nicht wahrgenommen werden. Eine hilfreiche Bewusstseinserweiterung, vielen Dank.

    Auch, wenn ich deinen eigenen Weg durch den Schlamm des Sehungeheuerlichen respektiere und schätze, so möchte ich mir dennoch die Frage erlauben, weshalb lässt du dir von deiner Arbeitgeberin oder vom Integrationsamt keinen noch größeren Monitor (34“ + x) mit einer aufgesetzten externen Webcam sponsern? In Zeiten wie diesen wird es sicher noch die eine oder andere Videokonferenz geben. Und Mikke würde die Größe verliehen werden, die ihm würdig ist.

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  2. Ach so: Sei unbesorgt, Webcams haben in der Regel eine geringe Tiefenschärfe. Die Person vor der Kamera ist scharf, der Vorder- und der Hintergrund werden sukzessive unscharf. Nippes auf dem Sims, Lippenstift auf der Kaffeetasse, nicht geputzte Fenster o. ä. dürften in der Regel also nicht groß auffallen. Aber es gibt auch Objekte, die noch als Umrisse sehr markant sind, z. B. Bierflaschen … ähm 🙂

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  3. Hallo Sehungeheuer
    und in die Runde. Ich habe soeben die Kommentarfunktion entdeckt. Da wollte ich doch mal Hallo sagen. Also ich bin eine von den Sehenden; das scheint mir hier ein wichtiges Merkmal in der Kommunikation zu sein. Was mich überrascht. Insofern weiß ich nicht, ob ich überhaupt etwas Angemessenes beitragen bzw. ‚mitreden‘ kann so auf die Dauer. Es ist eine neue Welt für mich, das Nicht- oder wenig sehen. Bisher habe ich mir unter wenig sehenden Menschen so eine Art von ‚Teiresia(s)‘ – das sind die blinden Seher(*in) in der Antike – vorgestellt.

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