Im Angesicht einer Lungenkrankheit, die inzwischen fast 1 Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll, über das eigene unbedeutende Dasein und dessen Verschlechterung zu klagen, scheint gegenwärtig mehr als unangebracht. Und ich tue dies auch nicht. Wie gewohnt stelle ich mir Fragen, taste mich durch das Dickicht von Vorbehalten, Ängsten und Medienberichten, die meine Phantasie Horrorszenarien entwerfen lassen… Und ich taste mich hindurch im Bemühen danach sie zu verstehen, all die Sorgen, die nun mal auch mich als sehbehinderten Menschen (oh wie ich es hasse, diesen Begriff immer wieder und wieder anzuführen) in den letzten Wochen begleiten.

Die Folgen der physischen Distanz zwischen zwei Individuen habe ich im letzten Blog ausführlich geschildert. Heute möchte ich einen anderen Aspekt beleuchten, der mir seit Mittwoch den Schlaf raubt: die Mundschutzpflicht.

Wenn ich auch wenige Menschen persönlich kenne, die meiner Peergroup (im soziologischen Sinne) angehören, so habe ich doch den Eindruck gewonnen, dass Seheingeschränkte Stimmexpertinnen und -experten sind, Stimmen und den Gebrauch von Worten miteinander in Beziehung setzen, den Kontext des Gesprächs in ihre Überlegungen mit einbeziehen und daraus die Motive und Regungen des Gegenübers außerordentlich differenziert herausfiltern. Eine winzige Veränderung der Tonhöhe eines einzelnen Wortes im Sprechfluß liefert Informationen, die der Sprecher oder die Sprecherin womöglich nicht intendierte; ein Entweichen der Luft, das nur eine Nuance lauter ist als der Atem, aber noch längst nicht als Seufzer interpretiert werden kann, gibt dem aufmerksamen Zuhörer und der aufmerksamen Zuhörerin Aufschluss über den Gemütszustand des Gegenübers. Wenn ich es wüsste, aber hier bewege ich mich auf ganz dünnem Eis, dann würde ich behaupten, dass Gesichtsausdrücke weit mehr kontrolliert werden können als die akustische Mimik. Den meisten Menschen entzieht sich meines Wissens nach gar die Kenntnis ihrer bloßen Existenz, denn sie ist weit mehr als bewußter Einsatz von Stimme in Kombination mit Worten, Begriffen oder inhaltlichen Kontexten. Gerade Emotionen wie Geringschätzung, Abscheu, Ungeduld, Vergnügen, Unkonzentriertheit, Begeisterung, Hingabe lassen sich in meiner Wahrnehmung nur mit großer und sehr bewusst unternommener Anstrengung aus einer stimmlichen Momentaufnahme heraushalten. Zumindest sind es die genannten Gefühle, die ich persönlich leicht aus Gesprächen mit meinen Mitmenschen herausfiltern kann. Ich setze diese Filter natürlich in Relation zu mir selbst und stelle in Frage, warum ich gerade diese und nicht andere Emotionen besonders intensiv höre. Siebe ich nur diejenigen Emotionen aus anderen Stimmen aus, die mich zu Reaktionen veranlassen, die mich warnen, ermuntern, bremsen, motivieren, zum Handeln auffordern wollen? Vielleicht sind es auch nur die Begriffe, die eine Emotion erst zu einer solchen werden lässt. Ungeduld wird erst zum Vorwurf in einer Unterhaltung, wenn sie als solche benannt wird und somit einer Rechtfertigung bedarf. Aber die Unzulänglichkeit von Begriffen im Zusammenhang mit gehörten Emotionen ist nicht Thema des heutigen Blogs.

Ich will versuchen, den Vorgang des Hörens und Verarbeitens in meinem sehungeheuerlichen Hirn einmal genau zu beschreiben: Ich unterhalte mich mit Person A über ein Thema, nennen wir es heute der Einfachheit halber Covid 19. Ich höre ein Zittern in der Stimme meiner Telefonpartnerin bei dem Wort „Kinder“ und gehe im Geiste alle Emotionen durch, die ich mit Person A im Zusammenspiel von „Stimme zittert“ und „Kinder“ verbinde. Ist die Person jemand, der energetisch eher hoch getaktet ist und dessen Stimme zum Umkippen neigt, weil sie die Wut nicht aus ihr heraushalten kann? Ist sie wütend über den zu geringen Schutz von Kindern? Hat sie sich jüngst über Kinder geärgert? Oder handelt es sich um eine verzagte oder ängstliche Person? Ist der Gedanke an Kinder für die Person aus welchem Grund gerade so akut belastend, dass sie mit den Tränen kämpft oder steckt noch etwas anderes dahinter? Blitzschnell repitiere ich den gewählten Wortlaut von Person A, präge mir die von ihr benutzten Begriffe und den Moment des wahrgenommenen Zitterns ein und versuche, je nach Beziehung, die ich zu der Person habe, mit vorsichtigen Fragen oder Hinweisen eine Erklärung für die Stimmschwankung zu finden. Ich versuche also gleichermaßen auf Inhalt und Form zu reagieren, die sich mir im stimmlichen Profil von Person A mitgeteilt hat.

Die Frage „Warum hast Du so ein Zittern in der Stimme?“ hat nur sehr selten eine ehrliche Antwort zur Folge, und sie funktioniert nur bei sehr engen Freundinnen und Freunden. Allein die Antwort auf eine weniger eindeutlig gestellte Frage wie „Irgendwas stimmt grade nicht, das hör ich doch“ ist schon ernüchternd, streiten es doch die allermeisten Menschen ab, wissen nicht um ihre verräterischen Stimmschwankungen. Mich beschleicht indess bisweilen der Verdacht, ich höre da schon die Flöhe husten, für mich kündigt sich etwas an, bevor die stimmlich abgebildete Emotion meinem Gegenüber bewusst wurde.

Andere wiederum empfinden es als Trick, wenn ich ihnen auf den Kopf zusage, „ich höre da etwas in Deiner Stimme“, um etwas aus ihnen herauszukitzeln oder eine Aussage über etwas oder jemanden zu erzwingen, die sie ihrer Ansicht nicht zu machen vorhatten. Ich bin die Lauscherin an der Wand und muss mich dann nicht wundern, meine eigene Schand zu hören. Ich bin hier in zwei gerissen. Auf der einen Seite fühle ich mich verletzt, dass mein Ohr nicht ernstgenommen wurde, hörte ich doch eine klar für mich identifizierbare Emotion. Auf der anderen Seite frage ich mich, warum ich in diese oder jene Unterhaltungssequenz etwas hineininterpretiere, was womöglich eher oder ausschließlich mit mir und meinen Unsicherheiten zu tun halt als mit dem Gegenüber.

Sollte sich hier irgendjemand fragen, wie ich bei all den Informationen, die ich neben dem rezipierten Inhalt eines Gesprächs aufnehme, noch klar im Kopf sein kann… Bitteschön, ich habe nie behauptet, klar im Kopf zu sein. Nur die lautesten leisen Töne eines Gespräches zeichne ich auf und verarbeite sie zu Informationen, auf die ich reagieren muss. Es gibt die, die ich wahrnehme und zu Gunsten des Inhaltes ignoriere, diejenigen, die ich anspreche, und natürlich gibt es zu 100% all diejenigen, die ich selbst überhaupt nicht antizipiere. Aber zu lernen und immer wieder besser zu werden als tags zuvor, das ist etwas, das mir jeden Tag neuen Auftrieb verschafft.

Achja, Mundschutz – was hat das alles mit Mundschutzpflicht über mehrere Monate zu tun?

3 Gedanken zu “Der Mundschutz oder: Wie ich zuhöre

  1. Das ist eine empathische Begabung, die nicht zu unterschätzen. Die Untertöne einer Stimme zu analysieren bedeutet gut Zuhören zu können. Nicht immer einfach, aber hilfreich. Die Analyse solcher Untertöne macht mich manchmal unsicher und fordert mich auch manchmal immens.

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    1. Dankeschön für dein Feedback! Ja, ich sehe das genauso wie du! Das ist anstrengend, aber ich empfinde es als absolut notwendig. Außerdem versetzt es mich immer wieder in die Lage, mich nicht um mich selber zu drehen. Sehr wichtig, um meinem Anspruch gerecht zu werden und, um verschiedene Perspektiven im Blick zu behalten.

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  2. Von einer Mundschutzpflicht, sollte sie denn kommen, womöglich gar flächendeckend, werden auch sehr viele Menschen mit einer Hörbehinderung in ihrer Kommunikation weiter eingeschränkt werden und schmerzlich betroffen sein. Mit einer Maske vor dem Mund, gleich wie groß diese sein möge, wird ein Ablesen von den Lippen nicht mehr möglich sein. Und seien dies nur wenige Buchstaben. Es werden wichtige Bausteine eines Verstehens, einer Interaktion mit der Umwelt schlicht und einfach wegfallen. Es wird schwieriger werden die Puzzlestücke auf der Suche nach dem Inhalt des Gesprochenen zusammenzufügen, Informationen gehen verloren. Angesichts von zum Teil dramatisch verlaufender Krankheitsverläufen mag auch dies ein Jammern auf hohem Niveau sein, aber …

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