Vor ein paar Wochen stolperte ich aufgrund der arbeitsbedingten abendlichen Erschöpfung wenig willensgesteuert in eine Dokumentation über ungleiche Paare. Wurden auch treu und brav alle Klischees bedient, die man/frau sich unter einer solchen Überschrift wünschen kann, naja, eine blinde Pianistin mit einer tauben Malerin als Partnerin haben noch gefehlt. (Überhaupt kommen wohl homosexuelle Beziehungen noch immer ungern im Ersten Deutschen Fernsehen vor.) Aber große Frau mit kleinem Mann, junger Mann mit fast 20 Jahre älterer Partnerin, LKW-Fahrer mit Ärztin. Wirklich beeindruckt hat mich die große Frau: sie erzählte von ihrem Kennenlernen, wie sich ihr jetziger Mann bei einer Karnevalsveranstaltung einfach auf einen Stuhl stellte und sich mit ihr zu unterhalten begann und dies so kommentierte, jetzt könnten sie ja wohl auf Augenhöhe miteinander sprechen. Sie berichtete, dass sie sich noch nie so gut mit einem Menschen unterhalten hätte, was sie schließlich trotz der 25cm Größenunterschied und der daraus folgenden Diskriminierung alle Zweifel über Bord werfen ließ.

Da haben wir es doch wieder: der schönste Hintern tröstet eben nicht, wenn du am Boden liegst. Da brauchts schon etwas mehr, Menschlichkeit, Mitgefühl, Engagement für den anderen Menschen. Puh, klingt das moralisch, könnte auch aus einem Diät-Forum stammen, akzeptiere dich, wie du bist, die wichtigen Werte sind die inneren. Aber mach was aus dir, das dir auch äußerlich gefällt.

Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der in diesem Blog von Interesse ist. Was gefällt MIR denn äußerlich, was zieht MICH denn an? Schöne Stimme, klar, bewegliche Silhouette, angenehmer Körpergeruch, aber ist das äußerlich? Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht so sehr, sind doch die Kriterien der Mehrheitsgesellschaft viel zu dominant, als dass sie einfach von mir ignoriert werden könnten. Selbst wenn ich sie nicht sehe, plappere ich sie nach, bestätige ihre für mich eigetlich nicht existente Relevanz. Auch ich sage „Du siehst aber heute gut aus, so ausgeschlafen und erholt“, „Holla, was haste dich heute hübsch gemacht“ oder „Na, gesterrn Abend zu lang gefeiert? Bist ein bisschen grün um die Nase“… Ich will nicht bestreiten, dass mir manchmal Details am Aussehen von jemandem auffalen, aber sie sind diffus und tragen eigentlich nicht zur Erkenntnisgewinnung bei. Erst im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, jemand atmet tiefer als sonst, jemand bewegt sich etwas exaltierter als sonst, jemand dünstet noch die Schäpse des vorherigen Abends aus… diese Informationen überführe ich in „sichtbare“ Kriterien, so dass sie für die andere Person verstehbar werden. Wie würde ein Gespräch, das nur zwischen Tür und Angel stattfinden soll, ausufern, wenn ich sagen würde: „So tief wie du heute atmest, hast du gut und erholt geschlafen.“ So sage ich einfach „Siehst Du aber wach und erholt aus“, die andere Person freut sich und fertig.

Das bringt mich unweigerlich zur Frage, welche gemeinhin als mindest zu erfüllende Standards für mich eine reale Existenz haben und welche ich über die Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft angenommen habe und damit natürlich auch reproduziere und bestätige. Ich weiß, in dieser Hinsicht unterscheide ich mich nicht von eben dieser Mehrheitsgesellschaft. Die Diskussion um Magersucht ist nur ein Beispiel für die Zweifel an den aktuell dominanten sozialen Postulaten um Aussehen.

Was aber ist Aussehen? Welche Informationen werden mit dem Aussehen vermittelt und stellen damit Schubladen bereit, in die eine Person eingeordnet werden kann? Nehmen wir beispielsweise das Alter: Ich bin nur sehr bedingt in der Lage, Menschen über ihr Alter zu klassifizieren. Ich bin ja schon froh, wenns mit dem korrekten Gender allein vom Anschauen her klappt, auch da könnte manch schmackhafte wie peinliche Anekdote berichtet werden. Graue Haare, weiße Haare, aha, ein alter Mensch. (Was hat mich die Mode der letzten paar Jahre fertig gemacht, als plötzlich die 20jährigen begannen, sich die Haare grau zu färben.)

Alles, was großflächig am Kopf nicht weiß oder grau ist, ist für meine Sicht entweder Kind, jugendlich oder erwachsen. Falten sehe ich kaum, an anderen gar nicht, an mir nur, wenn ich ein Selfie vergrößere oder den 10fach vergrößerten Spiegel verwende, was ich tunlichst aus diesem Grunde meist vermeide. Aber ich fühle sie, die Falten, hinter den Ohren, auf der Stirn, und in meiner Vorstellung schwellen sie zu Gräben an, zeichnen dunkle Striche auf meine Haut, eine äußerst beunruhigende Phantasie. Aber wenn ich sie nicht sehe, die Falten bei anderen, welche Bedeutung hat Alter dann für mich? Respekt vor der Lebenserfahrung eines anderen Menschen, das ist gewiss. Aber in der täglichen Interaktion, bedeutet sie etwas für mich? Ich denke nicht, denn weder messe ich meinen Alterungsstatus an der Ansicht junger Frauen noch beziffere ich meinen Alterswert im Vergleich zu Älteren. Hätte ja auch wenig Sinn, ist mir dieser Sinn, der mir Informationen gibt, doch nicht sehr geheuer. Ist Alter(n) vielleicht eine optisch wirkmächtige Kategorie? Ich will hier weder den Zuwachs an Lebenserfahrung schmälern noch die verstärkte Auseinandersetzung mit körperlichen Verschleißerscheinungen.

Ich erlaube mir hier vielmehr den Spaß darüber nachzudenken, wir wären alle körperlos und würden als bunte Kugeln durch die Welt schweben und nur miteinander sprechen. Strebt der Mensch nur durch Vergleich mit anderen nach Selbstverbesserung oder -optimierung? Wären Kategorien wie groß/klein, dick/dünn oder alt/jung weniger von Belang in meiner Welt der Kugelwesen? (Die Kugelwesen gehören eigentlich Platon, ich kenne und liebe sie und habe nur den Begriff ausgeliehen, die Metaphotik ist eine gänzlich andere.)

Wie wirkt sich die Ansicht eines alternden Körpers auf den Umgang mit diesem Menschen aus? Wäre es nicht auch eine Befreiung, diesen Körper nicht zu sehen und andere Kriterien den Umgang bestimmen zu lassen? Würden sich dadurch auch andere Schubladen erübrigen? Wahrscheinlich würden wir neue finden, aber erst mal fände ich das interessant.

Manchmal wünsche ich mir Radikalität: Ich träume davon, mit allen Menschen den Kontakt abzubrechen, die so Sätze sagen wie „Die Schauspielerin find ich einfach total hübsch, daher schau ich mir immer ihre Filme an“ oder „Das ist doch so eine schöne Frau, wieso hat die keinen Mann?“ Diese Bewertungskategorien sind mir so unglaublich fremd, dass ich in einer solchen Unterhaltung oft an den Punkt gerate, wo ich denke, dass es zwischen dieser Person und mir keinerlei Übereinstimmungen geben kann und es besser wäre, sich in Freundschaft von einander zu verabschieden, damit ich mir meine Selbstzweifel nicht immer wieder aufs Butterbrot schmieren muss. So viele Gedanken gehen mir dabei im Kopf herum, dass es sich fast anfühlt wie ein Karusell. Was ist hübsch, was ist hässlich? Wählen Menschen ihre Freunde, Partner, Kollegen, Vorgesetzen und so weiter unbewusst gemäß optischer Kriterien aus und welche Kriterien hab ich selbst? „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, was für ne Plattitüde. Gern genommen auch in Kombination mit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Ich bin etwas wirr, ich geb es zu. Aber noch verwirrt mich dieses Thema, dieser Blog sollte vielleicht eher als Work in Progress gelesen werden.

Vielleicht noch ein Gedanke zum Fortführen zu einem anderen Zeitpunkt: Wie kann ein Mensch, für den seine eigene körperliche Versehrtheit offenkundig ist, der durch Barrieren darauf hingwiesen wird und der selbst darauf hinweisen muss, ein positives Kriterium für seinem Körper entwickeln, das er selbst nicht mal wahrnimmt? Scheint mir, zumindest für die Älteren unter uns (hihi), die Quadratur des Kreises.

Ich weiß, ich hab viel ausgelassen, aber der Strapazen der geistigen Flickflacks ist jetzt erst mal ein Ende.

2 Gedanken zu “Jung oder alt, dünn oder dick, groß oder klein – Kriteriensuche

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