• 6.00 Uhr Blick aus dem Fenster. Regnets? Mal genau zuhören.
  • 6.30 Uhr Küche: Mein Blick fällt auf die kaputte Leuchtstoffröhre. Wie krieg ich die denn nun entsorgt? Recyclinghof ist nicht grad um die Ecke und schlecht mit dem Bus erreichbar, oder? Schaffe ich es, die neue einzusetzen, ohne dass ich die Sicherung rausschrauben muss? Wen bitte ich denn mal um Hilfe, wenn ich den Schlitz nicht treffe?
  • 7.00 Uhr Smoothie-Zubereitung: Hab ich faulen Feldsalat in den Mixer gestopft? Ist was daneben, auf den Boden, auf meine Kelidung gespritzt?
  • 7.30 Uhr Badezimmer: Mit dem Arm an eine Ecke des Regals gestoßen, Handposition minimal verrutscht, ist der Lippenstift jetzt vermalt?
  • 7.45 Uhr Verlassen der Wohnung: Tropft meine Bioplastiktüte das Treppenhaus voll? Überprüfung mit den Fingern, scheint dicht. Werde ich wohl an der Reaktion der Nachbarn früher oder später erfahren. Oder sie reagieren darauf, dass zu laut niese?
  • 7.53 Uhr Bushaltestelle: Ist der Bus da vorne meiner? Soll ich rennen? Sind die Schuhe für so ne Aktion rutschfest?
  • 8.12 Uhr Im Bus: Sitzt Norma auch drin? Kenn ich hier irgendjemanden? Steh ich jemandem im Weg? Stört mein Rucksack jemanden? Wo ist der Haltegriff? Wie komme ich durch den Gang bei den vielen abgestellten Taschen? Schaut mich die Frau da hinten komisch an? Ist der Grund der vermalte Lippenstift oder ein Smoothiesoritzer auf dem Hemd? Bietet mir die alte Dame da rechts gleich ihren Platz an, weil sie sieht, wie unwohl ich mich im Getümmel auf der rotierenden Plattform fühle? Oh nein, bitte nicht. (Wiederhung derlei Fragen pro Tag abhängig von den Busfahrten und der Auslastung in ihm.)
  • 8.17 Uhr Fußweg vorbei an einer Ausfahrt: Darf ich gehen oder fährt das Auto, das rauskommt, los? Kommt der Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig noch an mir vorbei? (Wiederholung derlei Fragen in Variationen pro Tag ca. 20 mal)
  • 8.18 Uhr Eingang vor der Arbeitsstätte: Wie gelange ich ins Haus bei den vielen Menschen, die vor der Treppe stehen? (Wiederholung derlei Fragen pro Tag ca. 5 mal)
  • 9.25 Uhr Schreibtisch: Warum habe ich die Email nicht auch an den Kollegen Bert verschickt, ich war total sicher, dass ich das getan habe. Wie kann es sein, dass ich so wichtige Weiterleitungen übersehe? Sollte ich nicht doch besser in Frührente gehen?
  • 9.30 Uhr Flur: Kenn ich den? Muss ich „Guten Morgen“ sagen? 
  • 10.10 Uhr Vor dem Veranstaltungsraum: Fünf Menschen warten darauf, dass ich die Tür aufschließe. Wer ist wer?
  • 12.30 Uhr Weg durch die Stadt: Kann ich dem Mann da mit dem pendelnden Blindenstock auf dem schmalen Stück Straße noch ausweichen, ohne auf die vielbefahrene Straße springen zu müssen?
  • 13.12 Uhr Stadt: Wo war denn jetzt der Laden? Bin ich da schon vorbeigelaufen? Drecksladen, kleiner!
  • 13.20 Uhr Vor dem Cafe: Gehört der draußen stehende Tisch zu dem richtigen Cafe, in dem ich in 40 Minuten verabredet bin?
  • 13.55 Uhr Immer noch vor dem Café: Kollegin kommt an, früher als angekündigt: Hab ich der Kollegin jetzt Unannehlichkeiten bereitet, weil ich ihr gestern gesagt habe, dass ich den uns beiden unbekannten Gast aus Israel nicht von seinem Homepage-Foto her erkennen kann und auf ihre Hilfe angewiesen bin? Warum bin ich so früh hierher gegangen, um von ihm erkannt zu werden, falls er etwas früher kommt?
  • 14.15 Uhr Cafe: Wäre ich ohne diese Seheinschränkung im Studium und danach ins Ausland gegangen, hätte ich mehr gelesen und würde jetzt auch so gut Englisch sprechen wie die Kollegin? Oder ist das eine im wahrsten Sinne des Wortes faule Ausrede?
  • 14.20 Uhr Cafe: Hab ich gerade gekleckert? Sieht man den Milchschaum auf meinem roten Hemd?
  • 15.09 Uhr Verabschieden: Hab ich die Hand des Gastes korrekt zum Schütteln getroffen? Finde ich diese mir bekannte aber dämlich schiefe Stufe zum Ausgang oder falle ich darüber? Geht die Tür nach außen oder innen auf?
  • 15.10 Uhr Rückweg durch die Stadt: Sind meine Mädels im Schuhladen? Sehen sie mich und ärgern sich, dass ich nicht Hallo sage?
  • 16.30 Uhr Veranstaltung: Hab ich wieder die falsche Person angeschaut und wollte eine zum Sprechen andere aufrufen?
  • 17.15 Uhr Veranstaltung: Wie heißt diese und jene Person? Ich sage einen falschen Namen, sie weist mich darauf hin, ich entschuldige mich und verspreche, ich bringe mal meine Simulationsbrillen mit, mit denen sie sich dann mal eine halbe Stunde unterhalten dürfen. Ist das zuviel Bedürftigkeit?
  • 19.30 Uhr Busfahrt: Vor mir sitzt ein armer Mann, ein junger, blonde Haare, aber warum ist er in der Mitte des Kopfes so kahl? Sieht aus wie eine Tonsur, seltsam. Der junge Mann dreht den Kopf nach rechts, und es ist auf einmal eine junge Frau mit einem Dutt, in den sie eine rosafarbene Blume eigearbeitet hat. Welchen Bildern kann ich trauen?

Schade, dass ich das nicht früher schon mal gemacht habe. Hier erschließt sich, warum ich mich nie aus meiner Stadt weggewagt, warum ich mich für eine geistge Arbeit entschieden und dabei vor allem für sehr fundamentale Fragen interesiert habe, wer ich bin, wer die anderen sind, nach welchen Mechanismen die Welt funktioniert und welche Kompetenzen Zusammenleben erfordert.  Muss ich die Welt verändern oder mich selbst, um das Leben komfortabel zu gestalten?

Ach Du mein Schreck, was ist das hier für eine Ansammlung egoistischer und gar jämmerlicher Ausführungen! Gibt es nicht viel wichtigeres auf der Welt? Manchmal denke ich, früher war es besser, als ich all diese Gedanken und Gefühle noch verheimlicht habe, als ich noch unterscheiden konnte, ob mich die Menschen aufgrund moralischer Skrupel, es nicht zu tun, mochten oder ob sie mir wirklich zugetan waren. Außerdem könnte der Eindruck entstehen, ich hätte nichts anderes im Hirn als diesen Sehungeuer-Firlefanz. Aber das ist nicht der Fall, will mich gleich mal wieder wirklich interessanten Themen widmen.

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