Nein, ich mag keinen regelmäßigen Blog schreiben, nicht über dieses zähe Seh- oder Nicht-Seh-Thema. Als Tagebuch käme das vielleicht in Frage, aber an eine wenn auch undefinierbare mehr oder weniger stille Öffentlichkeit möchte ich keine wöchentlichen Statements darüber abgeben, warum und wie sich ein Alltag meistern lässt, wie er aushaltbar ist, obwohl sich in ihm unzählige Unbekannte X befinden. Sicher, das ist bisweilen interessant, amüsant, relevant, aber oftmals ist es ermüdend, deprimierend und hängt mir einfach nur zum Hals raus. Und wenn schon ich angestrengt, genervt, frustriert und ermüdet von diesem Thema bin, wie gehts da erst meinem Umfeld?

Wie reagiere ich beispielsweise, wenn meine Freundinnen und Bekannte, obgleich sie das Wissen über mich und meine Bedürftigkeit und daher Bedürfnisse haben, es mit mir gemeinsam thematisieren, sich für mich und mit mir nicht selten individuelle Lösungen überlegen, obgleich sie sich also hochgradig auf mich einstellen, all das Gesagte vergessen, was ich mit Mühe formuliert habe. Dass ich Angst habe, wenn ich eine Straße überquere, dass ich keine Menschen erkenne, schon gar nicht an der Stimme, dass die vom Brot herabgerieselten Krümel sofort aus meinem Bewußtsein verschwinden, noch bevor sie den Küchenboden berühren und ich daher den Zustand einer Küche nicht aus der Optik sondern dem Gedächtnis rekonstruiere, dass … Hier ist die Anzahl der Beispiele schier unendlich. Was tue ich, falls sie es vergessen? Mache ich sie aufmerksam? Versuche ich zu funktionieren?

Gestern las ich in einem Krimi, nein, ich las nicht, ich hörte, aber das ist ein anderes Thema, also ich hörte, dass ein entscheidender Vorteil des Erwachsenenalters der weitgehende Verlust von Angst sei, das Wissen über bereits gemachte Erfahrungen, es werde sich schon eine Lösung finden. Ich glaube allerdings, das trifft nicht auf Sinnes-Eingeschränkte zu, so sie die Gabe oder den Fluch haben, über alles und jeden nachzudenken. Ich bin zwar davon überzeugt, dass auch nicht eingeschränkte Erwachsene sich gewissen Unsicherheiten (welche Angst produzieren) eingestehen, aber vielleicht herrscht auch ein gewisser Erwartungsdruck von Seiten der Umgebung, keine Unsicherheit empfinden zu dürfen, die eigenen Einschätzungen als richtig zu werten und abzuhaken. Gibt es eine Art Verkehrschild, das ihnen mitteilt: „Gesehen, kapiert, erledigt“?

Ich weiß, abstrakter Quatsch, hier also eine Illustration: Letzte Woche spaziere ich gegen halb vier zurück ins Büro. Vor dem Eingang meiner Arbeitsstätte knäulen sich vier, fünf Gestalten, ich meine eine davon wiederzuerkennen. Ich laufe zwei Meter an ihr vorbei, sie grüßt mich nicht. Nun handelt es sich dabei aber ausgerechnet um eine meiner engsten Kolleginnen. Warum grüßt die mich nicht? Hatten wir so einen Streit, dass sie mich jetzt ignoriert? Oder hat sie mich nicht erkannt? Können die anderen Menschen auf diese Entfernung erkennen bzw. Ignorieren? Was mache ich? Gehe ich hin und sage Hallo? Gehe ich vorbei und grüße nicht? Funktionieren oder Bedürfnis zeigen? Ich gehe vorbei und tue so, als hätte ich sie nicht gesehen, tue, als wäre ich in Gedanken, krame in meiner Handtasche, gebe vor, als suche ich etwas, während ich langsam dem Eingang zustrebe. Puh, durch die Tür, ich bin drin. Noch während ich mich von dem Schock erhole, dass mich meine Lieblingskollegin ignoriert hat, oder eine Einschätzung vorzunehmen versuche, ob die Sehenden auf diese geringe Entfernung Menschen trotzdem nicht erkennen (wen könnte ich denn mal nach einer Einschätzung fragen?), in genau diesem Moment kommt eben diese Kollegin mir auf der Treppe entgegen, grüßt mich und wechselt ein paar Worte mit mir.

Unsicherheit, selbst in der stabilsten Beziehung, Angst vor Beziehungsverlust, Angst, alle Seh-Probleme allein lösen zu müssen, Angst vor Fehleinschätzungen… Bin ich nur aus diesen Gründen ein solch kontaktfreudiger Mensch, der Menschen um sich scharrt, damit sie meine Ängste lindern? Nein, ganz sicher nicht! Ich mag meine Menschen um mich herum, ich mag sie sehr! Ich behalte sie nicht, weil sie die Angst in meiner verschwommenen Sicht mildern, sie oft sogar wegzaubern können, wenn sie mich vergessen lassen, dass meine Einschätzungen der Umwelt vielleicht nicht richtig, aber durchaus besonders sind. Aber dann vergessen sie eben auch selbst mal, dass ich sie nicht erkenne, dass ich unverständlich handle, weil ich Situationen anders einschätze, dass ich aus einem Stoff gewebt bin, an dessen Festigkeit sie großen Anteil haben.

Früher habe ich „verdeckt“ gelebt, ich habe zu 90% funktioniert, habe über Fussball im Fernsehen mit den anderen gejubelt, geschimpft oder gelästert, obwohl ich nicht mal den Ball auf dem Spielfeld sehe. Habe mich mit für mich Unbekannten unterhalten, die ich offenbar gut kannte, wenn ich den Gesprächen traue, habe die teuersten Lebensmittel eingekauft, weil ich nie um Hilfe bitten wollte, habe Besuche in fremder Umgebung vermieden oder andere Menschen wissen lassen, dass ich ohne sie nicht auf diese oder jene Veranstaltung gehen möchte, weil es keinen Spaß mache… Ich habe zu klein geschriebene Bücher nicht oder in stundenlanger Mühe gelesen, habe umso genauer aufgepasst, wenn jemand darüber gesprochen hat. Ich war ein so-als-ob-Mensch, habe versucht mich zu-ent-hindern. Heute denke ich oft, ich be-hindere mich wieder aktiv, weil es mein Leben erleichtert, wenn es mich auch immer wieder von Neuem beschämt. Heute funktioniere ich zu 50%, tue nur noch zu 50% so, als erkenne ich Menschen, könnte die PPP lesen, gebe vor, ein per Whattsapp weitergeleitetes Foto oder Video verstanden zu haben, wundere mich mit einer Gesprächsgruppe über die nicht fortschreitenden Baumaßnahmen eines Gebäudekomplexes, auch wenn ich nicht mal bis zum Baumzaun sehen kann…

Warum mache ich das? Weil ich mich nicht von früh bis spät anders machen will als die anderen, gar nicht so sehr, weil ich das alles unbedingt sehen muss.

Aber in 50% meines Lebens erlaube ich mir inzwischen zu sagen: „Seh ich nicht“, „erkenne ich nicht“, „ist zu anstrengend für mich“, „hab ich Angst vor“. Das ist schon soviel mehr als früher, und ich befinde mich noch immer in der Phase zu lernen, dass mir das nicht peinlich sein muss. Dass ich dadurch nicht mehr anders werde, als ich eh schon bin. Dass dieser Kampf zwischen „sollte ich schaffen“ und „schaffe ich nicht“ nicht mein persönlich gewählter Kampf und daher keine intime Angelegenheit ist, sondern dass ich andere bisweilen damit konfrontieren darf. Dass diese Unbequemlichkeit mit mir nicht gleich Beziehungsabbruch bedeutet, dass ich nicht in erster Linie bedürftig bin, sondern liebenswert, fröhlich, schlau, neugierig, begeisterungsfähig, oder vorlaut, gedankenlos, dominant, widerspenstig, anstrengend und eben sehbehindert. Aber eben alles zusammen und nicht nur das.

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