„Wer mich hinterher fragt, ob ich jetzt besser sehe, ist tot!“ Das textete ich gestern auf die Frage einer Freundin, ob ich nach der OP besser sehe als jetzt, das wäre doch super.

Das war nun, zugegeberweise, sehr aggressiv und fast unfreundlich. Ich habe lang darüber nachgedacht, warum mich ihre Worte so erzürnt haben. Zum einen ist es die Erinnerung aus der Kindheit an die enttäuschten Erwartungen der Eltern, wenn eine OP mal wieder nicht den gewünschten Effekt erzielt hatte. Was aber noch hinter einer solchen Frage steht, ist die implizite Aussage, dass der Ist-Zustand ungenügend ist, dass also ich ungenügend bin. Das stellt nur für mich bei allen Schwierigkeiten mit der Außenwelt und ihren Seh-Anforderungen an mich dennoch eine gewisse Absurdität für mich dar. Denn so wie ich bin und lebe, bin ich doch komplett und nicht weniger perfekt. Warum freuen sich andere für mich, wenn ich besser sehe als vorher? Was haben sie denn persönlich von einem solchen Umstand? Ihre Freude darüber kann also nur bedeuten, dass sie mit mir, wie ich gegenwörtig sehe, nicht zurechtkommen. Aber schränke ich andere mit meinen scheinbaren Defiziten so ein, dass sie sich für mich ein besseres Sehen wünschen? Das habe ich früher geglaubt, als ich noch ein Opfer der Erziehung der 70er Jahre war, als alle Kinder perfekt gesund sein mussten. Heute habe ich diesen Fehlschluss überwunden, muss aber weiter fragen, worin der Sinn liegen muss. Eine Schlussfolgerung kann sein, dass sich andere Menschen nicht vorstellen können, dass Sehen nicht allein das Leben bestimmt. Besser zu sehen hieße für mich in erster Linie, besser mit der äußeren Welt in Kontakt zu stehen, meine Effizienz zu erhöhen, besser zu funktionieren, teilzuhaben an Aktivitäten, die sich die Seh-Welt ausgedacht hat. Skifahren, Portraitzeichnen, Notenlesen, In-die-Augen-Schauen und Anlächeln… Naja, letzeres weist darauf hin, dass die Seh-Welt sich diese Alltagspraktiken nicht nur ausgedacht hat, sondern dass sie auch in Bezug auf zwischenmenschlichen Kontakt anders agiert. Bleiben wir erst einmal bei der Action für Sehende, die ist leichter zu fassen. Jeder Mensch wählt aus Aktivitäten gemäß seinen Vorlieben und seinen Fertigkeiten aus. Ich habe hier quasi eine vorgelagerte Bedingung, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich überprüfe meine Tauglichkeit auf die Passgenauigkeit mit der jeweiligen Beschäftigung und sortiere alles aus, was potenziell gefährlich für Leib und Leben ist. Dass diese Einteilung seit wenigen Jahren nicht mehr in Stein gemeißelt sind, zeigen Beispiele einer blinden Aplinskifahrerin und ähnliches. Mehr und mehr können die Umstände an individuelle Bedürfnisse angepasst werden. Auch ich persönlich profitiere immer wieder von den Innovationen in den verschiedensten Bereichen. Auch wenn diese meist längst nicht meinen hohen Ansprüchen gerecht werden, sind hier beeindruckende Neuerungen wie das Leitsystem auf vielen Straßen entstanden. Und ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, die Gesellschaft tut wirklich eine ganze Menge, um die Ungerechtigkeit der Geburtslotterie auszugleichen, und das schätze und bewundere ich. Ist es nun als dieses alltägliche Handeln, das mir das Leben erleichtern soll, wenn andere sich freuen oder gar erwarten, dass ich besser sehen kann, wenn ein operativer Eingriff erfolgreich ist? Bedeutet das, dass ich anderen zu langweilig bin, dass man nichts gescheites und spannendes mit mir unternehmen kann? Ich glaube nicht. Was also dann? Soll ich Auto fahren können, weil ich gerade das so gern täte? Oder soll ich weniger Mühe beim Arbeiten, Lesen, Kinogehen dadurch erhalten? Was wünschen sie sich denn für mich, diese gut sehenden Menschen? Einigen wir uns einmal darauf, dass ich nicht langweilig bin, dass auch diese Menschen merken, dass ein ein übervolles, ein wirklich erfülltes Leben habe. Denken sie also an die vorher erwähnten zwischenmenschlichen Kommunikationswege, die ich nicht einschlagen kann? Ich wünschte, ich könnte ihnen erklären, wie sehr mich ein unbedachter aggressiver Unterton in der Simme ängstigt, ein nebenbei heruntergefallenes Wort von Abscheu oder Abwertung. Ich höre darin, was andere Menschen wohl in den Gesichtern ihres Gegenübers lesen. Aber Gesichtsausdrücke haben für sie Macht im Gegensatz zu dem Tembre einer Stimme, wenn sie aufgebracht, eingeschüchtert oder verwirrt ist. Ich selbst mache ja auch Gesichter, ziehe Grimassen, aber ich tue dies nur für mein Gegenüber und für die Ausdrücke in der Stimme, die bisweilen einen bestimmten Gesichtsausdruck benötigen. Ich wünschte, mir nahe Seh-Menschen würden sich auf folgendes Experiment einlassen: sie setzen sich an ihren Küchentisch und haben einen leeren Stuhl gegenüber. Erst sollte der Stuhl angelächelt werden, ich glaube, das geht leicht. Jetzt solllte diesem Stuhl aber einmal ein richtig böser Blick zugeworfen werden. Geht das? WIe fühlt es sich an? Ist nicht erst die Reaktion des Gegenübers Bestandteil des Blicks, der ihm zugeworfen wird? Macht nicht also erst die Reaktion den Blick zu einer Aussage? Ich denke schon. Aber ich bin gänzlich unvertraut mit Blickkontakten. Ich schaue Menschen zwar an, aber ihre Mimik erschließt sich mir nur in Kombination mit Atmen, Räuspern, Kichern oder zustimmenden bzw. widersprechenden Geräuschen. Ich sehe in Augen keine Gefühle, freue mich indes, wenn ich bei bestimmtem Licht sehe, welche Augenfarbe mein Gegenüber hat.

Was nun also ist es, das sich andere Menschen für mich wünschen, wenn sie scheinbar mit mir hoffen, dass ich einaml besser sehen werde können. Soll mein Leben etwa noch besser dadurch werden? Ist es denn nicht schon mehr als genug? Bin nicht ich schon mehr als genug?

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