Warum mag ich Dinge so gern? Warum hasse ich sie so sehr? Habe ich mich hier dazu schon einmal geäußert? Heute möchte ich mit der Reihe „Objekte“ in diesem Blog beginnen, auch wenn ich sie nicht durchgeplant habe. Aber es gibt immer wieder neue Zugänge oder Grenzen der Zugangsmöglichkeiten, die mein Sehen zur Ursache haben, so dass ich glaube, dass die Beschäftigung damit noch sinnhaft sein dürfte.

Für mich sind Gegenstände nicht besonders formreich, dafür extrem farbintensiv. Vor allem, wenn sie deutliche Kontraste zum Untergrund bilden, von dem sie sich abheben, werden sie überhaupt nur von mir registriert. Deswegen sind so Unerfreulichkeiten wie durchsichtiges Material oder gar durchsichtige Flüssigkeiten für mich erst existent, wenn sie bereits ihr Unheil angerichtet haben. Wie oft würde ich mein Smartphone in eine vom Wasserkocher verursachte Lache legen, wenn ich nicht vorher mit den Fingerspitzen ganz sacht über die Oberfläche gestrichen hätte. Wie oft habe ich morgens die Socken gewechselt, weil ich in eine selbst verursachte Pfütze hineingetapst bin. Ach wäre doch Wasser rotweinrot!

Zurück zu den Formen: Eben kam ich in die Küche und erlitt einen ordentlichen Schrecken, denn da lag doch wahrhaftig noch eine gekochte rote Bete auf der weißen Arbeitsplatte! Wie konnte ich die denn gestern vergessen??? Ich achte doch so peinlich darauf, gerade diese farbintensiven Saftschleudern nur im Spülbecken und unter höchster Konzentration auszupacken, zu verarbeiten und in andere Töpfchen zu befördern, damit sie weder den Boden, noch die Wände noch meine Kleidung oder Hände einfärben. Ich nähere mich also sehr behutsam der vermeintlichen Knolle, beäuge sie von allen Seiten, ohne sie dabei zu berühren. Wer gekochte rote Bete kennt, wird wissen warum. Ist sie doch eine sehr glitschige und wendige Gesellin und könnte bei dem geringsten Stupser von der Arbeitsplatte kullern und sich einmal quer durch die Küche kugeln. Natürlich nur, indem sie einen Gutteil ihres herrlich violett roten Saftes auf allen benachbarten Gegenständen hinterlässt. Nein, das bitte nicht! Ich bewege einen Finger ganz vorsichtig in die Richtung der Knolle und gebe ihr einen kaum wahrnehmbaren Schubs, nichts, sie rührt sich nicht. Warum ich das wage? Weil ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt bin, dass es nicht sein kann, dass ich die Schwester derjenigen, die ich gestern Abend verspeist habe, auf der vollgestellten Arbeitsplatte habe liegen lassen, so umnachtet bin ich nicht, auf keinen Fall.

Das Ding, von meiner insektenflügelgleich zarten Berührung gänzlich unbeeindruckt kann also keine rote Bete sein. Was dann? Was für einigermaßen runde Gegenstände in rot besitze ich, zerbreche mir mir den Kopf, doch ich komme nicht drauf, obwohl ich im Geiste all die Dinge durchgehe, die in den letzten Tagen in meine Küche gewandert sind. Ungefährlich, beschließe ich, und greife nun vorsichtig zu, ertaste weiches Material, samtig. Achso, ein Haarband. Wie doof, daran hättest du dich doch erinnern müssen, hast du doch extra vorhin für Freundin XY rausgesucht und wolltest es in deine Tasche packen.

Gekochtes Gemüse und ein Samtband für die Haare haben wenig miteinander gemeinsam, aber indem sie in meinem Kopf miteinander verbunden werden (mussten), haben sie meine Gedanken in eine bestimmte Richtung gelenkt. Was existiert außer diesem noch in meiner Welt, was nicht das ist, wofür ich es halte? Welchen Eindrücken darf ich trauen? Welche Maßnahmen der Erkenntnisgewinnung kann ich noch ersinnen, um der Wahrheit näher zu kommen?

Heute ist das ja alles scheinbar so einfach. Wenn ich wollte, könnte ich mit meinem Smartphone ein Foto von dem unbekannten Ding machen und es jemandem schicken, der mir garantiert sofort eine Antwort darauf gibt, was ich da zu sehen meine. Herrlicherweise gibt es auch in meinem Freundeskreis 40+ einige Menschen, die so daueronline sind, dass eine Antwort nicht erst nach Austrocknen jener roten Bete zu erwarten ist. Notfalls gibt es auch eine weltweite Community, die bei „Be my eyes“ mitmacht und eine sofortige Antwort quasi garantiert.

Ich geb’s zu, in diesem speziellen Fall hätte ich wohl kein Foto gemacht, denn der Schaden war einigermaßen kalkulierbar. Aber wer schon mal im Süden war und sich der zahlreichen Population jedweder Krabbeltiere permanent bewußt ist, die die Hitze ebenso schätzen wie wir Mitteleuropäerinnen, der wird gewiss verstehen, welche Ängste ein schwarzer Fussel auf der Badematte erzeugen kann!

Wäre die Welt, so wie ich sie mir wünschte, gäbe es keine Gegenstände, die Flecken machen, die lautlos auf den Boden tropfen, die scharfe oder spitze Eigenschaften haben, ohne es mir mitzuteilen… Wo hört das auf? Na gar nicht, außer ich könnte sie ansprechen und sie würden mir antworten. Dann könnte ich doch jetzt eben mal in den Kühlschrank reinrufen: „Was soll ich heute Abend aus Dir kochen, rote Bete?“

PS Meine Mitbewohnerin ist mit soviel Empathie ausgestattet, dass sie auf eine unglaublich zartfühlende Art mit der SMS „Rote Beete sind ein Kreuz!“ mitteilte, dass man diese Beete mit 2 „e“ vorn schreibt, also wie Beet. Doppelbuchstaben sind mir immer ein Greuel, aber auch „m“ und „n“ fallen dem schlechten Sehen zum Opfer. Ich musste weit über 40 werden, bis ich erfuhr, dass es nicht Istambul sondern Istanbul heißt.

 

 

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