Heute möchte ich eine Erkenntnis mitteilen, die für mich noch recht neu und unausgegoren ist, deren Reichweite ich daher noch nicht abschätzen kann. Davon abgesehen, dass ich erst jüngst verstanden habe, welchen Sinn und Zweck ein Blog für die meisten Menschen hat, welchen er aber für mich nicht hat und mir daher nicht behagt. Ich möchte nicht präsentieren, mich nicht zu Themen mit meinen abgeschlossenen Ansichten äußern, die andere Individuen dann liken oder ablehnen (disliken ist noch schlimmer als liken für mich in der Wortwahl). Nein, ich möchte durch Schreiben verarbeiten, lernen, eine neue Perspektive gewinnen. Und der Umstand, dass diese Zeilen womöglich von anderen gelesen und kommentiert werden, schützt mich einerseits vor zu viel Selbstmitleid oder -beweihräucherung. Außerdem animiert er mich andererseits dazu, aus meiner Sichtweise etwas zu erschaffen, das auch für andere von Interesse sein könnte. Eine sehr reizvolle Angelegenheit ist dies, geradezu prickelnd. Ein bisschen wie Alleinsein und darauf warten, dass eine Whatsapp-Nachricht eintrudelt.

Nun also zu meinem eigentlichen Thema, welches mich schon sehr lang beschäftigt, welchem ich bisher aber keine passenden Worte verleihen konnte: die menschliche Stimme und der der sichtbare Körper.  Als Mensch mit 10% Sehkraft bleibt mir die Ansicht des Gegenübers (und vor allem auch meine eigene) zwar nicht gänzlich verborgen, jedoch liefert sie mir keinerlei brauchbaren und bewertbaren Informationen. Gesichter bspw. sind für mich nur aus 5cm Entfernung scharf genug, dass ich einen Gesichtsausdruck erkennen könnte. So nahe kommen aber die wenigsten Menschen, und wenn sie es tun, sind ihre Gesichtszüge eben diesem Umstand (nur 5cm entfernt vom Gesicht des anderen) angemessen. Ich sehe also nie jemanden mit einem wütenden, einem leidenden, einem entsetzten Gesicht etc. Daher kann ich Gesichtsausdrücke nicht deutlich verknüpfe sie nicht mit den passenden Äußerungen. Zähne zeigen heißt für mich immer lächeln (oder mit entsprechendem Geräusch) lachen, für sämtliche andere Gefühlsregungen bin ich auf die Stimme (inklusive Atmen und Körpergeräusche wie Kratzen am Kopf) meines Gegenübers angewiesen. Allerdings beschreibe ich auch hier eine Entfernung von höchstens 50cm, bei einem Meter Entfernung ist das optische Gespräch für mich gänzlich vernebelt. Ich habe noch nie irgendeinen Ausdruck in den Augen eines Menschen gelesen, auch wenn ich regelmäßig so tue, als würde ich das tun. Ich höre diesen Ausdruck aber sehr deutlich in der Stimme meines Gegenübers wie auch den Gesichtsausdruck, schätze ich. Denn ich verknüpfe diese beiden Ausdrucksformen aus mangelnder Erfahrung nicht aneinander, ich brauche sie nicht. Gehen wir noch einen Schritt weiter und wenden uns der körperlichen Ansicht. Für mich besteht der menschliche Körper vor allem aus Fläche, da ich alles platt und zweidimensional sehe. Ich sehe Hände wie Kreise, wenn sie sich vor dem Körper oder dem Gesicht, einem kleineren Kreis, bewegen, Arme wie Stecken, die sich nach oben strecken, Beine wie Stöcke, die an dem größeren Kreis des Körpers befestigt sind. Erst sehr nahe und aus der Erfahrung mit dem eigenen Körper heraus weiß ich, um was es sich genau handelt. Aufgrund dessen fühle ich mich gänzlich inkompetent in Aussagen über Körper, auch wenn ich sie, wie alle anderen Menschen in meiner Umgebung, tätige: „Schöner Körper“, „tolle Beine“, „scharfes Décolleté“ etc. An sich habe ich keinerlei Wahrnehmungs- und Bewertungsparameter in meinem Kopf, die Vergleiche zulassen würden. Ich würde gern manchmal jemanden fragen, was eine dritte Person da im Gesicht hat, was er oder sie am Körper trägt, denn oft verwechsle ich Falten mit einer Kette oder umgekehrt, sehe einen Schatten als große Nase oder umgekehrt, wobei der Schatten hier mal ausgeklammert wird, ihm werde ich schweren Herzens mal eine eigene Analyse widmen müssen. Fragen tue ich aber so gut wie nie, denn die Irritation meines Gegenübers über mein anderes Sehen verletzt mich in der Regel und erinnert mich daran, ein Alien zu sein, dass ich auf diese Information verzichte.

Vorgestern Abend saß ich bei einem Vortrag neben meiner Freundin recht weit hinten im Saal. Wir saßen nebeneinander, sie trug eine dunkle Bluse, die ich kannte. Nachdem ich eine Weile nach vorn geschaut hatte, drehte ich mich zu ihr um und dachte völlig erschrocken: Was hat sie denn da für ein tiefes Décolleté, das ist ja schamlos. Nun konnte ich mir das so gar nicht vorstellen und beschloss, sie noch weiter zu betrachten. Ich weiß, dass dieses für mich einfache Betrachten für andere als Starren oder Mustern wahrgenommen wird, so dass ich versuche, es höchst unauffällig zu tun. Nachdem ich sie also ein wenig betrachtet hatte, erkannte ich, dass es sich nicht um einen besonders tiefen Ausschnitt handelte, den sie trug, sondern dass sie ihre Arme senkrecht auf die Knie vor den Körper gestützt und ihren gesenkten Kopf zwischen die Hände genommen hatte. Das ist eine Körperhaltung, die ich selbst nicht praktiziere, daher erschien mir die von mit identifizierte Haut nicht als die Haut ihrer Arme sondern ihres Décolletés.

Körper stellen sich für mich also gänzlich anders dar als für andere, und dessen bin ich mir bewusst. Ist es ein Wunder, dass ich daher auf jegliche Zuschreibungen meines Aussehens empfindlich bis neurotisch reagiere? Natürlich kommen hier Unsicherheiten dazu, die in der Kindheit angelegt wurden von einer Mutter, die ich als Püppi bezeichnen muss. Eine Mutter, deren Hauptinteresse auf die optische Erscheinung fokussiert war. Darauf kommt es mir hier aber nicht an. Viel wichtiger scheint mir in diesem Zusammenhang zu sein, dass im Gegensatz zu dem sichtbaren mir ein hörbares Gegenüber begegnet, dessen Stimme ich ebenso bewerte wie die normal Sehenden sich und die anderen auf der visuellen Ebene. Ich höre, ob jemand für mich ein schöner Mensch ist, und diese Übermacht der Überzeugung ist gänzlich immun gegen optische Reize.  Ich höre zwar nicht, wie sehr er auf seinen Körper achtet, sich pflegt, Sport treibt, welche Qualität seine Kleidung hat, womit er seine Identität durch Accessoires unterstreicht, das müssen ggf. andere Sinne wie die Nase oder die Hände übernehmen. Ich höre aber sehr deutlich, welche Disziplin er seiner Stimme auferlegt, wie sehr er seine Gefühle und Gedanken im Zaum halten kann, seine Kraft und Selbsteinschätzung, seine Bemühungen, nicht nur optisch sondern auch charakterlich ein integrer Mensch zu sein. Das sind meine Kategorien, nach denen ich Menschen bewerte, und ich tue dies ebenso wie andere mich nach dem Äußeren beurteilen. Und ich bin in meinem Urteil nicht weniger erbarmungslos als die Sehenden, die ihre Distinktion auf der Grundlage eines optischen Erscheinungsbildes ausdrücken. Ich habe ein akustisches Erscheinungsbild, und für mich ist das nicht weniger aussagekräftig. So wie also Menschen mich betrachten und womöglich der Auffassung sind, dass ich keine Selbstdisziplin an den Tage lege, wenn ich 5-10kg zu viel auf den Rippen habe, so fühle ich ähnliches. Es bezieht sich eben nicht auf ihr Aussehen sondern darauf, dass sie sich nicht im Griff haben, wenn sie mit anderen kommunizieren und ihre Ungeduld, ihren Missmut, ihre Langeweile oder ihre Überheblichkeit nicht aus ihrer Stimme heraushalten können. Für mich ist es unverständlich, wie jemand zwar täglich mehrfach zum Sport gehen und nur Salat essen kann, um ein Supermodell zu sein, gleichzeitig legt dieser Mensch keinerlei Disziplin an den Tag, wenn es um die Produktion oder Aufrechterhaltung von moralischen Werten in Kommunikation und Interaktion geht. In Gegenteil: er fühlt sich durch seine körperlich sichtbare Überlegenheit dazu berechtigt, auf andere hinunterzusehen. Ich fürchte, ich tue nichts anderes, nur tue ich eben dies aus einer anderen Perspektive. Weder das eine noch das andere ist besonders ruhmvoll, aber ich habe mich immerhin auf den Weg gemacht, diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen und kann sie womöglich dadurch ein Stückweit aufbrechen.

 

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