Vier Tage ist das neue Jahr alt, und ich befinde mich noch immer im Modus des bloß-nicht-denkens.

Das habe ich mir in den letzten Jahren so angewöhnt, mich kurz vor Silvester in den Zustand des Nicht-Reflektierens zu versetzen, damit erstens Silvester nicht doof wird, weil ich Frust schiebe, und zweitens unbedacht formulierte Vorsätze nicht die Oberhand gewinnen und den Start in das neue Jahr direkt erschweren.

Im Normalfall bin ich eine sehr reflektierte Person, die nicht nur über sich sondern auch über ihre Umwelt nachdenkt, Ergebnisse dieses Denkens überprüft und an neue Gegebenheiten anpasst. Wie gesagt, kurz nach Neujahr fällt mir das immer etwas schwer.

Wir beginnen mal mit einem Warm Up. Gestern traf ich mich mit einer sehr guten Freundin in der Sauna. Sie ist sehr groß, über 1,85m, sehr angenehm, das erspart mir in der Umkleidekabine immer die Suche nach ihr und ich kann auf sie zugehen und sie begrüßen, wie ich es immer am liebsten mit meinen Freundinnen tue, indem ich sie in den Arm nahm. Selbstverständlich ist das nicht, denn die wenigsten Menschen erkenne ich nach ihrem Gesicht oder ihrer Statur. Vor der Sauna war ich z.B. in meiner Lieblingskneipe und wollte mit meinen guten Freund C. ein Neujahrsbier nehmen. Natürlich war es wie immer, ich geh in den recht leeren kleinen Raum, seh ihn aber nicht. Rufe ein freundliches Hallo in die Runde, er steht auf und begrüßt mich. Das allein hab ich mir so nicht ausgesucht. Ich stelle mir vor, wie es Menschen geht, die von Anfang an sehen, wer an welchem Platz in einem Raum sitzt, die direkt erkennen, ob ein bekanntes Gesicht darunter ist, die sich selbst entscheiden, ob und wenn ja wie sie jemanden begrüßen. Sie müssen dabei gleichzeitig weder auf im Weg stehende Taschen, Füße, Stühle achten noch sich darauf konzentrieren, möglichst normal und unbehindert auszusehen und das Gegenüber ganz lässig zu begrüßen.  Auf dem Hintern sitzend in einer Ecke ist alles geschmeidig, solang die Gegenstände auf dem Tisch sich nicht ändern. Kerze, Aschenbecher, Speisekarte. Ich setze mich also auf die Bank, merke mir, dass neben mir meine Handtasche, mein Mantel, mein Schal und mein Stirnband liegen. Auf die Örtlichkeiten gehe ich erst, wenn es gar nicht mehr anders geht, aber schlimm ist es nicht, denn ich weiß genau, wo sie sich befinden. Genaues körperliches Rangieren ist natürlich nötig, denn frau sieht weder, ob es im Häusel sauber ist noch ob sie alles (inklusive sich selbst) sauber hinterlässt. Aber wie gesagt, hier hilft ein exaktes Rangieren mit dem Körper, wie er am wenigsten mit Waschbecken, Türklinke, Treppenschwelle kollidiert und dadurch sowohl Verletzungs- wie auch Beschmutzungsgefahr minimiert werden können.

Alles zweidimensional wahrzunehmen, hat bestimmt auch Vorteile, aber so ganz wollen sie mir noch nicht einfallen. Ich kenne alle Gegenstände, mit denen ich mich umgebe, außerordentlich gut, das weiß ich, seitdem ich merke, dass ich mich ohne Licht ebenso sicher in den eigenen vier Wänden bewege wie mit. Und diese Erkenntnis ist so alt noch nicht. Es sagt einem ja niemand, wie er Selbstverständlichkeiten wahrnimmt, sonst wären es ja keine Selbstverständlichkeiten mehr.

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