Heute nur mal in Fragen und Stichpunkten an einem stinknormalen Arbeitstag

 

  • 6.00 Uhr Blick aus dem Fenster. Regnets? Mal genau zuhören.
  • 6.30 Uhr Küche: Mein Blick fällt auf die kaputte Leuchtstoffröhre. Wie krieg ich die denn nun entsorgt? Recyclinghof ist nicht grad um die Ecke und schlecht mit dem Bus erreichbar, oder? Schaffe ich es, die neue einzusetzen, ohne dass ich die Sicherung rausschrauben muss? Wen bitte ich denn mal um Hilfe, wenn ich den Schlitz nicht treffe?
  • 7.00 Uhr Smoothie-Zubereitung: Hab ich faulen Feldsalat in den Mixer gestopft? Ist was daneben, auf den Boden, auf meine Kelidung gespritzt?
  • 7.30 Uhr Badezimmer: Mit dem Arm an eine Ecke des Regals gestoßen, Handposition minimal verrutscht, ist der Lippenstift jetzt vermalt?
  • 7.45 Uhr Verlassen der Wohnung: Tropft meine Bioplastiktüte das Treppenhaus voll? Überprüfung mit den Fingern, scheint dicht. Werde ich wohl an der Reaktion der Nachbarn früher oder später erfahren. Oder sie reagieren darauf, dass zu laut niese?
  • 7.53 Uhr Bushaltestelle: Ist der Bus da vorne meiner? Soll ich rennen? Sind die Schuhe für so ne Aktion rutschfest?
  • 8.12 Uhr Im Bus: Sitzt Norma auch drin? Kenn ich hier irgendjemanden? Steh ich jemandem im Weg? Stört mein Rucksack jemanden? Wo ist der Haltegriff? Wie komme ich durch den Gang bei den vielen abgestellten Taschen? Schaut mich die Frau da hinten komisch an? Ist der Grund der vermalte Lippenstift oder ein Smoothiesoritzer auf dem Hemd? Bietet mir die alte Dame da rechts gleich ihren Platz an, weil sie sieht, wie unwohl ich mich im Getümmel auf der rotierenden Plattform fühle? Oh nein, bitte nicht. (Wiederhung derlei Fragen pro Tag abhängig von den Busfahrten und der Auslastung in ihm.)
  • 8.17 Uhr Fußweg vorbei an einer Ausfahrt: Darf ich gehen oder fährt das Auto, das rauskommt, los? Kommt der Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig noch an mir vorbei? (Wiederholung derlei Fragen in Variationen pro Tag ca. 20 mal)
  • 8.18 Uhr Eingang vor der Arbeitsstätte: Wie gelange ich ins Haus bei den vielen Menschen, die vor der Treppe stehen? (Wiederholung derlei Fragen pro Tag ca. 5 mal)
  • 9.25 Uhr Schreibtisch: Warum habe ich die Email nicht auch an den Kollegen Bert verschickt, ich war total sicher, dass ich das getan habe. Wie kann es sein, dass ich so wichtige Weiterleitungen übersehe? Sollte ich nicht doch besser in Frührente gehen?
  • 9.30 Uhr Flur: Kenn ich den? Muss ich „Guten Morgen“ sagen? 
  • 10.10 Uhr Vor dem Veranstaltungsraum: Fünf Menschen warten darauf, dass ich die Tür aufschließe. Wer ist wer?
  • 12.30 Uhr Weg durch die Stadt: Kann ich dem Mann da mit dem pendelnden Blindenstock auf dem schmalen Stück Straße noch ausweichen, ohne auf die vielbefahrene Straße springen zu müssen?
  • 13.12 Uhr Stadt: Wo war denn jetzt der Laden? Bin ich da schon vorbeigelaufen? Drecksladen, kleiner!
  • 13.20 Uhr Vor dem Cafe: Gehört der draußen stehende Tisch zu dem richtigen Cafe, in dem ich in 40 Minuten verabredet bin?
  • 13.55 Uhr Immer noch vor dem Café: Kollegin kommt an, früher als angekündigt: Hab ich der Kollegin jetzt Unannehlichkeiten bereitet, weil ich ihr gestern gesagt habe, dass ich den uns beiden unbekannten Gast aus Israel nicht von seinem Homepage-Foto her erkennen kann und auf ihre Hilfe angewiesen bin? Warum bin ich so früh hierher gegangen, um von ihm erkannt zu werden, falls er etwas früher kommt?
  • 14.15 Uhr Cafe: Wäre ich ohne diese Seheinschränkung im Studium und danach ins Ausland gegangen, hätte ich mehr gelesen und würde jetzt auch so gut Englisch sprechen wie die Kollegin? Oder ist das eine im wahrsten Sinne des Wortes faule Ausrede?
  • 14.20 Uhr Cafe: Hab ich gerade gekleckert? Sieht man den Milchschaum auf meinem roten Hemd?
  • 15.09 Uhr Verabschieden: Hab ich die Hand des Gastes korrekt zum Schütteln getroffen? Finde ich diese mir bekannte aber dämlich schiefe Stufe zum Ausgang oder falle ich darüber? Geht die Tür nach außen oder innen auf?
  • 15.10 Uhr Rückweg durch die Stadt: Sind meine Mädels im Schuhladen? Sehen sie mich und ärgern sich, dass ich nicht Hallo sage?
  • 16.30 Uhr Veranstaltung: Hab ich wieder die falsche Person angeschaut und wollte eine zum Sprechen andere aufrufen?
  • 17.15 Uhr Veranstaltung: Wie heißt diese und jene Person? Ich sage einen falschen Namen, sie weist mich darauf hin, ich entschuldige mich und verspreche, ich bringe mal meine Simulationsbrillen mit, mit denen sie sich dann mal eine halbe Stunde unterhalten dürfen. Ist das zuviel Bedürftigkeit?
  • 19.30 Uhr Busfahrt: Vor mir sitzt ein armer Mann, ein junger, blonde Haare, aber warum ist er in der Mitte des Kopfes so kahl? Sieht aus wie eine Tonsur, seltsam. Der junge Mann dreht den Kopf nach rechts, und es ist auf einmal eine junge Frau mit einem Dutt, in den sie eine rosafarbene Blume eigearbeitet hat. Welchen Bildern kann ich trauen?

Schade, dass ich das nicht früher schon mal gemacht habe. Hier erschließt sich, warum ich mich nie aus meiner Stadt weggewagt, warum ich mich für eine geistge Arbeit entschieden und dabei vor allem für sehr fundamentale Fragen interesiert habe, wer ich bin, wer die anderen sind, nach welchen Mechanismen die Welt funktioniert und welche Kompetenzen Zusammenleben erfordert.  Muss ich die Welt verändern oder mich selbst, um das Leben komfortabel zu gestalten?

Ach Du mein Schreck, was ist das hier für eine Ansammlung egoistischer und gar jämmerlicher Ausführungen! Gibt es nicht viel wichtigeres auf der Welt? Manchmal denke ich, früher war es besser, als ich all diese Gedanken und Gefühle noch verheimlicht habe, als ich noch unterscheiden konnte, ob mich die Menschen aufgrund moralischer Skrupel, es nicht zu tun, mochten oder ob sie mir wirklich zugetan waren. Außerdem könnte der Eindruck entstehen, ich hätte nichts anderes im Hirn als diesen Sehungeuer-Firlefanz. Aber das ist nicht der Fall, will mich gleich mal wieder wirklich interessanten Themen widmen.

Wenn ich die Sight City entwefen würde… oder: Mir zuliebe

Oft wundere ich mich über die Welt, meine Wahrnehmung, die Bedeutung von Sehen und die Unbekümmerten. Gestern fiel das mal wieder alles zusammen auf der Sight City, jener Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte, zu der in den letzten drei Tagen aus vielen Teilen der Welt Menschen anreisten, um ihre Produkte vorzustellen oder um für ihre Bedarfe Produkte zu finden.

Ich frage mich dabei, ob das Format Messe für einen solchen Austausch an Informationen geeignet ist. Es ist laut, Menschenmassen mit Stöcken, Hunden, Begleitpersonen bewegen sich entlang der taktilen Leitsysteme, überall sind es noch immer optische Reize, die an die einzelnen Stände locken… Ich gestehe es, ich bin es so leid, mich immer an der Weltsicht der sehenden großen Masse zu orientieren und genau daran meine Minderwertigkeit zu spüren.

Würde ich ein Format kreieren, auf dem Blinde und Sehende zusammentreffen, um über die Bedarfe ersterer Informationen auszutauschen, ich würde wohl eher ein anderes wöhlen. Zuerst einmal wären die Räume und Hallen nach Bedarfsgruppen gegliedert: Für Lehrer_innen gäbe es eine Halle, die von mir aus auch für Sehende ausgestattet sein könnte, also mit beschrifteten Tafeln, Bannern und all dem Firlefanz. Eine weitere Halle wäre nur für Orientierung und Mobilität, eine weitere für Alltagshilfen und wieder eine für berufliche Ausbildung oder Rehabilitation und so weiter. Es gäbe einen Audioguide wie im Museum, der nicht nur verrät, was es an welchen Stand zu erwarten gibt sondern auch wie die Person/en an diesem Stand anzusprechen sind, welche Farbe ihr Hemd hat, wo sie stehen (hier müsste das taktile Leitsystem überarbeitet werden) und in welchen Sprachen sie die Besucher_innen informieren können. Es müsste nicht mal ein Gerät sein, sondern es könnte mittels App auf der SC heruntergeladen werden.

Komplett wegfallen auf meiner Sight City würden all die Give Aways, die kleinen Schüsselchen und Schälchen mit Bonbons etc., die verwirren, anstrengen, weil man nicht weiß, was drin ist, ob sie frei verfügbar sind und so weiter.

Mittels QR-Code könnten die Besuchenden die Infos zu Materialien, die sie interessieren, akkustiv aufrufen und erst mal selbst überlegen, welche Fragen sie stellen wollen. Es gäbe einen riesigen Ruhebereich, wo lautes Reden und Handys verboten wären, so dass man sich von der immensen Anstrengung ein bisschen ausruhen könnte. Es würde viel mehr mit Kontrasten gearbeitet, akkustischen, optischen, taktilen. Und bei der Anmeldung würden die Besucher_innen einen (digitalen) Fragebogen erhalten, auf dem sie ankreuzen, wofür sie sich interessieren und den Weg angezeigt oder einen Guide zugeteilt bekommen.

Ihr seht, ich war mal wieder schwer genervt. Immer muss eine Begleitperson die Mängel der Welt ausgleichen, die meine Anforderungen nicht erfüllt, selbstverständlich ist sogar auf dieser Messe nichts. Und dabei hat nicht jeder das Glück, eine unbekümmerte und gleichzeitig so feinfühlige Asisistentin an die Hand zu bekommen, wie ich sie gestern gehabt habe.

Ein großes Problem bei Begleitungen für mich ist das „mir zuliebe“. Vor zwei Jahren wollte ich sehr gern auf das Louis Braille Festival in Marburg gehen, fand aber niemanden, der mich begleiten wollte. Ich hätte mich so gern über Schminktipps, Sportangebote, Spiele oder Tanz und Theater informiert, aber die Freundin, die ich gefragt und die mir auch erst zugesagt hatte, meinte an dem Tag: „Ach, da kannst Du doch auch allein hingehen, ich hab dazu nicht soviel Lust.“ Das sind die Momente, in denen ich verstehe, warum viele Sehbehinderte Pädagogik studieren, in dieser Peer Group finden sie unter ihren Freund_innen sicher jemanden, der sich schon allein aus beruflichen Gründen interessiert. Natürlich bin ich dann nicht auf das Festival gegangen, wusste ich doch, dass die Gegebenheiten so beschaffen sein würden, dass sie mich große Unsicherheit und Unbehaglichkeit verspüren lassen würden, müsste ich mich auf einem unübersehbaren Gelände durch viele unbekannte Szenarien bewegen. Wer möchte schon offensichtilich unsicher und ängstlich in der Öffentlichkeit auftreten, damit bietet man eine Angriffsfläche, die zusätzlich zur Bewältigung der fremden Umgebung den eigenen Stolz torpediert. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zum „mir zuliebe“. Ich binde Menschen an mich, nur damit sie „mir zuliebe“ zur Verfügung stehen, wenn ich etwas von der Welt erfahren möchte? Als junger Mensch war das einfacher, junge Leute haben mehr Zeit, sind neugieriger und aufgeschlossener, aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch vor 30 Jahren meine liebsten Freundinnen nicht um solche Gefallen gebeten. Wäre mir doch viel zu peinlich gewesen, augenscheinlich zu einer Gruppe von schlecht sehenden Menschen dazugeordnet zu werden, die ich verabscheute, weil ich mich so sehr verabscheute in dieser Unsicherheit und Abhängigkeit von der Freundlichkeit anderer. Wenn jemand „mir zuliebe“ etwas tut, mich auf einem für mich unbekannten Weg begleitet, mir etwas zeigt oder erklärt, dann muss ich lieb und nett zu ihm oder ihr sein, denn er oder sie tut es, weil ich gemocht werde. Ich darf nicht allzu ungeduldig, unfreundlich, wütend, anspruchsvoll oder eigenwillig sein, denn dann wird mir nicht nur die Freundschaft entzogen sondern die für mich in so vielen Lebensbereichen erforderliche Hilfe.

Nun, gestern erlebte ich einen wundervollen Kontrast zum „Mir zuliebe“. Meine ehemalige studentische Hilfskraft, die mich mit einem wissenschaftlichen Projekt zu Sinn-Isolation in den letzten beiden Jahren unterstützt hatte, wurde von mir gebeten, mich nach Frankfurt auf die Messe zu begleiten. Wie erstaunt war ich, als sie dort von Anfang an in ihrer unbekümmerten Art völlig selbstverständlich aktiv und initiativ war. Sie hopste wie ein fröhliches Kaninchen von Stand zu Stand „Was ist denn das da?“, „Wie funktioniert denn dieses?“, „Können Sie mir mal erklären, wofür man das brauchen kann“…, war einfach neugierig, begeisterungsfähig und gab mir keine Sekunde das Gefühl, es ginge hier um mich um meine Bedarfe. Als ich die sprechende Brille ausprobierte, war sie selbst genauso fassungslos, was diese alles schafft und meinte danach: „Hach, wenn Dir die Brille künftig sagt, wer Dir gegenübersteht, so dass Du das Problem mit dem Erkennen von Gesichtern nicht mehr hast, dann hast Du mir gegenüber echt einen Vorteil. Ich kann mir Namen von Menschen einfach nicht merken, und sie nicht zuzuordnen ist mein größtes Problem.“ Plötzlich gehörte ich dazu, war nicht mehr das Alien, dem man einen Gefallen getan hat. Ich hatte auf einmal eine Ahnung davon, wie es ist, jemandem so zu vertrauen, dass ich nicht jede meiner Gefühlsregungen kontrollieren und überprüfen muss, ob ich noch freundlich genug bin, damit ich nicht verlassen werde.

Was bin ich doch für ein seltsames Wesen.

Funktionieren oder … tja was? Mühe bereiten? Anstrengen? Aufmerksamkeit einfordern?

Nein, ich mag keinen regelmäßigen Blog schreiben, nicht über dieses zähe Seh- oder Nicht-Seh-Thema. Als Tagebuch käme das vielleicht in Frage, aber an eine wenn auch undefinierbare mehr oder weniger stille Öffentlichkeit möchte ich keine wöchentlichen Statements darüber abgeben, warum und wie sich ein Alltag meistern lässt, wie er aushaltbar ist, obwohl sich in ihm unzählige Unbekannte X befinden. Sicher, das ist bisweilen interessant, amüsant, relevant, aber oftmals ist es ermüdend, deprimierend und hängt mir einfach nur zum Hals raus. Und wenn schon ich angestrengt, genervt, frustriert und ermüdet von diesem Thema bin, wie gehts da erst meinem Umfeld?

Wie reagiere ich beispielsweise, wenn meine Freundinnen und Bekannte, obgleich sie das Wissen über mich und meine Bedürftigkeit und daher Bedürfnisse haben, es mit mir gemeinsam thematisieren, sich für mich und mit mir nicht selten individuelle Lösungen überlegen, obgleich sie sich also hochgradig auf mich einstellen, all das Gesagte vergessen, was ich mit Mühe formuliert habe. Dass ich Angst habe, wenn ich eine Straße überquere, dass ich keine Menschen erkenne, schon gar nicht an der Stimme, dass die vom Brot herabgerieselten Krümel sofort aus meinem Bewußtsein verschwinden, noch bevor sie den Küchenboden berühren und ich daher den Zustand einer Küche nicht aus der Optik sondern dem Gedächtnis rekonstruiere, dass … Hier ist die Anzahl der Beispiele schier unendlich. Was tue ich, falls sie es vergessen? Mache ich sie aufmerksam? Versuche ich zu funktionieren?

Gestern las ich in einem Krimi, nein, ich las nicht, ich hörte, aber das ist ein anderes Thema, also ich hörte, dass ein entscheidender Vorteil des Erwachsenenalters der weitgehende Verlust von Angst sei, das Wissen über bereits gemachte Erfahrungen, es werde sich schon eine Lösung finden. Ich glaube allerdings, das trifft nicht auf Sinnes-Eingeschränkte zu, so sie die Gabe oder den Fluch haben, über alles und jeden nachzudenken. Ich bin zwar davon überzeugt, dass auch nicht eingeschränkte Erwachsene sich gewissen Unsicherheiten (welche Angst produzieren) eingestehen, aber vielleicht herrscht auch ein gewisser Erwartungsdruck von Seiten der Umgebung, keine Unsicherheit empfinden zu dürfen, die eigenen Einschätzungen als richtig zu werten und abzuhaken. Gibt es eine Art Verkehrschild, das ihnen mitteilt: „Gesehen, kapiert, erledigt“?

Ich weiß, abstrakter Quatsch, hier also eine Illustration: Letzte Woche spaziere ich gegen halb vier zurück ins Büro. Vor dem Eingang meiner Arbeitsstätte knäulen sich vier, fünf Gestalten, ich meine eine davon wiederzuerkennen. Ich laufe zwei Meter an ihr vorbei, sie grüßt mich nicht. Nun handelt es sich dabei aber ausgerechnet um eine meiner engsten Kolleginnen. Warum grüßt die mich nicht? Hatten wir so einen Streit, dass sie mich jetzt ignoriert? Oder hat sie mich nicht erkannt? Können die anderen Menschen auf diese Entfernung erkennen bzw. Ignorieren? Was mache ich? Gehe ich hin und sage Hallo? Gehe ich vorbei und grüße nicht? Funktionieren oder Bedürfnis zeigen? Ich gehe vorbei und tue so, als hätte ich sie nicht gesehen, tue, als wäre ich in Gedanken, krame in meiner Handtasche, gebe vor, als suche ich etwas, während ich langsam dem Eingang zustrebe. Puh, durch die Tür, ich bin drin. Noch während ich mich von dem Schock erhole, dass mich meine Lieblingskollegin ignoriert hat, oder eine Einschätzung vorzunehmen versuche, ob die Sehenden auf diese geringe Entfernung Menschen trotzdem nicht erkennen (wen könnte ich denn mal nach einer Einschätzung fragen?), in genau diesem Moment kommt eben diese Kollegin mir auf der Treppe entgegen, grüßt mich und wechselt ein paar Worte mit mir.

Unsicherheit, selbst in der stabilsten Beziehung, Angst vor Beziehungsverlust, Angst, alle Seh-Probleme allein lösen zu müssen, Angst vor Fehleinschätzungen… Bin ich nur aus diesen Gründen ein solch kontaktfreudiger Mensch, der Menschen um sich scharrt, damit sie meine Ängste lindern? Nein, ganz sicher nicht! Ich mag meine Menschen um mich herum, ich mag sie sehr! Ich behalte sie nicht, weil sie die Angst in meiner verschwommenen Sicht mildern, sie oft sogar wegzaubern können, wenn sie mich vergessen lassen, dass meine Einschätzungen der Umwelt vielleicht nicht richtig, aber durchaus besonders sind. Aber dann vergessen sie eben auch selbst mal, dass ich sie nicht erkenne, dass ich unverständlich handle, weil ich Situationen anders einschätze, dass ich aus einem Stoff gewebt bin, an dessen Festigkeit sie großen Anteil haben.

Früher habe ich „verdeckt“ gelebt, ich habe zu 90% funktioniert, habe über Fussball im Fernsehen mit den anderen gejubelt, geschimpft oder gelästert, obwohl ich nicht mal den Ball auf dem Spielfeld sehe. Habe mich mit für mich Unbekannten unterhalten, die ich offenbar gut kannte, wenn ich den Gesprächen traue, habe die teuersten Lebensmittel eingekauft, weil ich nie um Hilfe bitten wollte, habe Besuche in fremder Umgebung vermieden oder andere Menschen wissen lassen, dass ich ohne sie nicht auf diese oder jene Veranstaltung gehen möchte, weil es keinen Spaß mache… Ich habe zu klein geschriebene Bücher nicht oder in stundenlanger Mühe gelesen, habe umso genauer aufgepasst, wenn jemand darüber gesprochen hat. Ich war ein so-als-ob-Mensch, habe versucht mich zu-ent-hindern. Heute denke ich oft, ich be-hindere mich wieder aktiv, weil es mein Leben erleichtert, wenn es mich auch immer wieder von Neuem beschämt. Heute funktioniere ich zu 50%, tue nur noch zu 50% so, als erkenne ich Menschen, könnte die PPP lesen, gebe vor, ein per Whattsapp weitergeleitetes Foto oder Video verstanden zu haben, wundere mich mit einer Gesprächsgruppe über die nicht fortschreitenden Baumaßnahmen eines Gebäudekomplexes, auch wenn ich nicht mal bis zum Baumzaun sehen kann…

Warum mache ich das? Weil ich mich nicht von früh bis spät anders machen will als die anderen, gar nicht so sehr, weil ich das alles unbedingt sehen muss.

Aber in 50% meines Lebens erlaube ich mir inzwischen zu sagen: „Seh ich nicht“, „erkenne ich nicht“, „ist zu anstrengend für mich“, „hab ich Angst vor“. Das ist schon soviel mehr als früher, und ich befinde mich noch immer in der Phase zu lernen, dass mir das nicht peinlich sein muss. Dass ich dadurch nicht mehr anders werde, als ich eh schon bin. Dass dieser Kampf zwischen „sollte ich schaffen“ und „schaffe ich nicht“ nicht mein persönlich gewählter Kampf und daher keine intime Angelegenheit ist, sondern dass ich andere bisweilen damit konfrontieren darf. Dass diese Unbequemlichkeit mit mir nicht gleich Beziehungsabbruch bedeutet, dass ich nicht in erster Linie bedürftig bin, sondern liebenswert, fröhlich, schlau, neugierig, begeisterungsfähig, oder vorlaut, gedankenlos, dominant, widerspenstig, anstrengend und eben sehbehindert. Aber eben alles zusammen und nicht nur das.

Vom Sternenhimmel und anderen Wundern

Nach langer Zeit der Ungewissheit und der Wortlosigkeit versuche ich mich mal wieder an einem Thema, das mich aktuell bewegt.

Wenn man ein Leben lang sehr schlecht sieht, sich mit einem Körper in der Welt positioniert, der nicht funktioniert wie diejenigen der Umgebung, dann mag es eine Zeitlang dauern, sich neu in eben dieser Welt zu justieren oder diese und ihre Parameter neu zu betrachten, sobald sich dieses Sehen verbessert. Wenn dazu noch ein Umstand kommt, so dass man nicht mehr als Schlechtsehende identifiziert wird, weil die Fehlstellung der Augen operativ korrigiert wurde, dann potenziert sich diese Verwirrung erst einmal massiv. So bin ich noch immer erst begrenzt dazu in der Lage, die Veränderungen zu benennen, zu beschreiben und ihre Folgen zu interpretieren, kurz, ich bin gerade recht angestrengt und immer wieder sehr verwirrt.

Gut, dass es in diesem meinem Leben Fixpunkte gibt, anhand derer ich vollzogene Veränderungen identifizieren kann – und auch nicht stattgefundene Veränderungen.

Solche neuralgische Punkte meines Arbeitsalltags stellen Fachtagungen dar: in ungewohnter Umgebung Dutzende Menschen kennen zu lernen oder – was heikler ist – bereits zu kennen, sie aber nicht wiederzuerkennen, ist wohl etwas vom Komplexesten, mit dem ich mich auseinanderzusetzen habe.

Nun reiste ich jüngst gemeinsam mit meinem Arbeitsassistenten zu einer Tagung in eine deutsche Kleinstadt, in der sich die Fachcommunity traf. Ca. 100 WIssenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutierten drei Tage in einem Gebäude, das von seiner Beschaffenheit nachgerade ideal für meine optische Einschränkung war: Eingang, ca. 10 Stufen in den ersten Stock, offenes Foyer, eine Anmelde- und Infotheke, nur zwei Tagungsräume, die direkt nebeneinander lagen, Toiletten im Keller, die ca. 10 Stufen wieder hinab und weitere 10 ins Untergeschoss. Bedeutete also, ich konnte mich frei entscheiden, ob ich Vorträge hören, mit Kolleg_innen plaudern, rauchen, Kaffee trinken oder ihn wegbringen wollte, ohne Hilfe von irgendjemandem zu benötigen. Ich freute mich. Sofort schließt sich hier für mich die Frage an, wie eine Tagung gestaltet wäre, damit ich den maximalen Wert davon mitnehmen könnte. Denn die Menschen waren natürlich wie immer: in den allermeisten Fällen unbekannte Gesichter, obwohl ich wahrscheinlich (!) die Hälfte der Anwesenden bereits gesehen, mit ihnen gesprochen oder sogar einen Abend beim gemeinsamen Empfang oder Essen verbracht hatte.

Nun ist das wahrlich kein neues Problem, und ich habe es hinreichend in vergangenen Beitrögen thematisiert. Nach einem beinahe halben Jahr in meiner Wohnung, in der ich, zuletzt reichlich ungeduldig, auf meine Genesung der drei Augenoperationen ausgeharrt hatte, wurde ich womöglich etwas größenwahnsinnig. Ich habe vielleicht die Annahme entwickelt, das bessere Sehen vieler Dinge – des Sternenhimmels, meiner eigenen Zehen in der Dusche (man kann nicht mit Kontaktlinsen duschen, wohl aber mit Implantaten) oder von der Verschiedenartigkeit von Nasen (das dreidimensionale Sehen ist jetzt nicht völlig ausgeprägt, jedoch um ein Vielfaches erhöht zu vorher, wo ich alles nur flach gesehen habe) würde mir auch einen Tagungsbesuch erleichtern. Und das war auch defintiv der Fall. Wege mit Bahn und Bus, Rangieren meines Körpers zwischen Tischen, Stühlen, Fahrrödern, Autos, Straßenschildern und Pollern war längst nicht mehr so mühsam, auch wenn sie mir vorher nicht persönlich vorgestellt worden waren, wie das an meinem Wohnort tausendfach stattgefunden hat. Aber das zentrale Problem, die Menschen, blieben eben wie sie sind, für mich nicht erkennbar.

Was es auf einer solchen Tagung bedeutet, Menschen nicht zu erkennen, will ich hier kurz skizzieren. Erstens bin ich auf Gespräche mit denen angewiesen, die ich gut und daher wiedererkenne, gleichzeitig möchte ich mich von den Gefahrenzonen wie vollen Kaffeetassen oder nah am Tisch abgestellten Flaschen oder Gläsern fernhalten, um keine Dramen zu produzieren. Gibt es also keine bekannte Person in einem Umkreis von 2m (weiter reicht meine Sicht nicht), die außerhalb der Gefahrenzonen steht, bemühe ich mich darum, eine gleichgültige Miene aufzusetzen, wenn ich allein stehe. Daher unterhalte ich mich dann recht oft mit dem Organisator der Tagung, der darauf bedacht ist, sich mit gerade denen zu befassen, die für sich sind, damit auch sie sich wohlfühlen. Die Frage, ob sich also jemand mit mir unterhält, weil er sich für mich und meine Ansichten – bspw. zum letzten Vortrag – interessiert oder ob er nur höfliche Konversation betreibt, ist nicht einfach zu beantworten.

Allein oder mit dem bekannten Tagungsorganisator zusammenzustehen, ist allerdings die geringste Herausforderung. Als viel heikler stellen sich Situationen dar wie folgende: Ich stehe mit Kollegin Lohse zusammen, die ich selbst auf der Tagung ansprechen konnte, da sie wie stets bei solchen Anlässen die gleiche lindgrüne Jacke trägt, und unterhalte mich angeregt. Wir werden von einem Kollegen angesprochen, der sich für ihr jüngst herausgegebenes Buch interessiert. Er schüttelt ihr die Hand und stellt sich vor, worauf ich ihm ebenfalls die Hand schüttle und mich vorstelle. Er meint etwas genervt: „Ja, wir kennen uns schon.“Darauf erwidere ich: „Ja wir kennen uns von der letzten Tagung…“ Obwohl ich keine Ahnung hatte, ob, wann, wo und vor allem worüber ich mich mit ihm unterhalten habe. Er wendet sich auch sofort wieder von mir ab und beginnt eine Unterhaltung mit Kollegin Lohse über ihre Publikation.

Noch heikler: In der U-Bahn auf der Fahrt zum gemeinsamen Abendessen komme ich mit einer Professorin ins Gespräch, die total beleidgt ist, dass ich sie für so jung halte, dass sie als Studentin durchgeht, indem ich sage: Wer ist ist bei Ihnen in Bamberg jetzt auf der Professur? Das bin ich, antwortet sie völlig indigniert, und als jemand sie beschwichtigen möchte, dass sie das doch als Kompliment nehmen soll, giftet sie nur, dass sie so jung nicht sei und nur das Neonlicht der U-Bahn Schuld sei (das bekanntermaßen extrem ungnädig zu uns jenseits der 40 Befindlichen ist), das sie jünger erscheinen lässt. Nun mit eben dieser Professorin will ich mich am kommenden Morgen gern noch ein bisschen weiter unterhalten, da sie einen interessanten Studiengang beschrieben hat, aber da niemand in der U-Bahn dabei war, den ich am nächsten Morgen noch identifizieren kann, nicht mal die spontan ernannte Begleitperson, die dann kostenfrei mit mir mitgefahren ist, verschwimmen alle Personen, mit denen ich abends zuvor im Gespräch war, in Meer der unbekannten Gesichter ohne Anknüpfungspunkt.

Als mir morgens bei der ersten Kaffeepause dieser Umstand schmerzlich in Erinnerung gerufen wird, während ich mich ein weiteres Mal still in einer Ecke aufgeräumt habe, stelle ich mir den am Abend stattfindenden Empfang vor und entschließe mich zum geordneten Rückzug nämlich heimzufahren. Vielleicht, sinniere ich, werde ich auf Tagungen künftig nur noch am ersten Abend dabeisein, damit ich die Menschen, die ich kennenlerne, am kommenden Tag nicht mehr nicht wiedererkennen muss.

Fazit: vieles hat sich verändert, verbessert, ist weniger anstrengend geworden, aber vieles ist eben auch gleich geblieben. Aber das hätte ich doch wissen können. Habe ich wirklich erwartet, nach den Strapazen der OPs alles Schmerzliche hinter mir zu lassen? Vielleicht habe ich das wirklich. Auf der Tagung habe ich einen exzellenten Vortrag einer jungen Professorin gehört, die ein wenig jünger ist als ich und mich gefragt, ob ich zu derlei Leistungen auch fähig gewesen wäre, wenn mich nicht meine Einschränkung von zahlreichem Austausch und auch vom intensiven Literaturstudium ausgeschlossen hätte. Habe ich dehslab nur so viele Ideen, weil ich andere Menschen und Literatur nicht so intensiv rezipieren kann? Nichts gegen Ideen, wirklich nicht, aber in der Wissenschaft brauchen sie einen Rahmen. Bin ich zu diesem in der Lage?

Besser sehen – was steckt darin?

„Wer mich hinterher fragt, ob ich jetzt besser sehe, ist tot!“ Das textete ich gestern auf die Frage einer Freundin, ob ich nach der OP besser sehe als jetzt, das wäre doch super.

Das war nun, zugegeberweise, sehr aggressiv und fast unfreundlich. Ich habe lang darüber nachgedacht, warum mich ihre Worte so erzürnt haben. Zum einen ist es die Erinnerung aus der Kindheit an die enttäuschten Erwartungen der Eltern, wenn eine OP mal wieder nicht den gewünschten Effekt erzielt hatte. Was aber noch hinter einer solchen Frage steht, ist die implizite Aussage, dass der Ist-Zustand ungenügend ist, dass also ich ungenügend bin. Das stellt nur für mich bei allen Schwierigkeiten mit der Außenwelt und ihren Seh-Anforderungen an mich dennoch eine gewisse Absurdität für mich dar. Denn so wie ich bin und lebe, bin ich doch komplett und nicht weniger perfekt. Warum freuen sich andere für mich, wenn ich besser sehe als vorher? Was haben sie denn persönlich von einem solchen Umstand? Ihre Freude darüber kann also nur bedeuten, dass sie mit mir, wie ich gegenwörtig sehe, nicht zurechtkommen. Aber schränke ich andere mit meinen scheinbaren Defiziten so ein, dass sie sich für mich ein besseres Sehen wünschen? Das habe ich früher geglaubt, als ich noch ein Opfer der Erziehung der 70er Jahre war, als alle Kinder perfekt gesund sein mussten. Heute habe ich diesen Fehlschluss überwunden, muss aber weiter fragen, worin der Sinn liegen muss. Eine Schlussfolgerung kann sein, dass sich andere Menschen nicht vorstellen können, dass Sehen nicht allein das Leben bestimmt. Besser zu sehen hieße für mich in erster Linie, besser mit der äußeren Welt in Kontakt zu stehen, meine Effizienz zu erhöhen, besser zu funktionieren, teilzuhaben an Aktivitäten, die sich die Seh-Welt ausgedacht hat. Skifahren, Portraitzeichnen, Notenlesen, In-die-Augen-Schauen und Anlächeln… Naja, letzeres weist darauf hin, dass die Seh-Welt sich diese Alltagspraktiken nicht nur ausgedacht hat, sondern dass sie auch in Bezug auf zwischenmenschlichen Kontakt anders agiert. Bleiben wir erst einmal bei der Action für Sehende, die ist leichter zu fassen. Jeder Mensch wählt aus Aktivitäten gemäß seinen Vorlieben und seinen Fertigkeiten aus. Ich habe hier quasi eine vorgelagerte Bedingung, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich überprüfe meine Tauglichkeit auf die Passgenauigkeit mit der jeweiligen Beschäftigung und sortiere alles aus, was potenziell gefährlich für Leib und Leben ist. Dass diese Einteilung seit wenigen Jahren nicht mehr in Stein gemeißelt sind, zeigen Beispiele einer blinden Aplinskifahrerin und ähnliches. Mehr und mehr können die Umstände an individuelle Bedürfnisse angepasst werden. Auch ich persönlich profitiere immer wieder von den Innovationen in den verschiedensten Bereichen. Auch wenn diese meist längst nicht meinen hohen Ansprüchen gerecht werden, sind hier beeindruckende Neuerungen wie das Leitsystem auf vielen Straßen entstanden. Und ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, die Gesellschaft tut wirklich eine ganze Menge, um die Ungerechtigkeit der Geburtslotterie auszugleichen, und das schätze und bewundere ich. Ist es nun als dieses alltägliche Handeln, das mir das Leben erleichtern soll, wenn andere sich freuen oder gar erwarten, dass ich besser sehen kann, wenn ein operativer Eingriff erfolgreich ist? Bedeutet das, dass ich anderen zu langweilig bin, dass man nichts gescheites und spannendes mit mir unternehmen kann? Ich glaube nicht. Was also dann? Soll ich Auto fahren können, weil ich gerade das so gern täte? Oder soll ich weniger Mühe beim Arbeiten, Lesen, Kinogehen dadurch erhalten? Was wünschen sie sich denn für mich, diese gut sehenden Menschen? Einigen wir uns einmal darauf, dass ich nicht langweilig bin, dass auch diese Menschen merken, dass ein ein übervolles, ein wirklich erfülltes Leben habe. Denken sie also an die vorher erwähnten zwischenmenschlichen Kommunikationswege, die ich nicht einschlagen kann? Ich wünschte, ich könnte ihnen erklären, wie sehr mich ein unbedachter aggressiver Unterton in der Simme ängstigt, ein nebenbei heruntergefallenes Wort von Abscheu oder Abwertung. Ich höre darin, was andere Menschen wohl in den Gesichtern ihres Gegenübers lesen. Aber Gesichtsausdrücke haben für sie Macht im Gegensatz zu dem Tembre einer Stimme, wenn sie aufgebracht, eingeschüchtert oder verwirrt ist. Ich selbst mache ja auch Gesichter, ziehe Grimassen, aber ich tue dies nur für mein Gegenüber und für die Ausdrücke in der Stimme, die bisweilen einen bestimmten Gesichtsausdruck benötigen. Ich wünschte, mir nahe Seh-Menschen würden sich auf folgendes Experiment einlassen: sie setzen sich an ihren Küchentisch und haben einen leeren Stuhl gegenüber. Erst sollte der Stuhl angelächelt werden, ich glaube, das geht leicht. Jetzt solllte diesem Stuhl aber einmal ein richtig böser Blick zugeworfen werden. Geht das? WIe fühlt es sich an? Ist nicht erst die Reaktion des Gegenübers Bestandteil des Blicks, der ihm zugeworfen wird? Macht nicht also erst die Reaktion den Blick zu einer Aussage? Ich denke schon. Aber ich bin gänzlich unvertraut mit Blickkontakten. Ich schaue Menschen zwar an, aber ihre Mimik erschließt sich mir nur in Kombination mit Atmen, Räuspern, Kichern oder zustimmenden bzw. widersprechenden Geräuschen. Ich sehe in Augen keine Gefühle, freue mich indes, wenn ich bei bestimmtem Licht sehe, welche Augenfarbe mein Gegenüber hat.

Was nun also ist es, das sich andere Menschen für mich wünschen, wenn sie scheinbar mit mir hoffen, dass ich einaml besser sehen werde können. Soll mein Leben etwa noch besser dadurch werden? Ist es denn nicht schon mehr als genug? Bin nicht ich schon mehr als genug?

Objekte Teil 1 Die Tücke der Farben und Formen

Warum mag ich Dinge so gern? Warum hasse ich sie so sehr? Habe ich mich hier dazu schon einmal geäußert? Heute möchte ich mit der Reihe „Objekte“ in diesem Blog beginnen, auch wenn ich sie nicht durchgeplant habe. Aber es gibt immer wieder neue Zugänge oder Grenzen der Zugangsmöglichkeiten, die mein Sehen zur Ursache haben, so dass ich glaube, dass die Beschäftigung damit noch sinnhaft sein dürfte.

Für mich sind Gegenstände nicht besonders formreich, dafür extrem farbintensiv. Vor allem, wenn sie deutliche Kontraste zum Untergrund bilden, von dem sie sich abheben, werden sie überhaupt nur von mir registriert. Deswegen sind so Unerfreulichkeiten wie durchsichtiges Material oder gar durchsichtige Flüssigkeiten für mich erst existent, wenn sie bereits ihr Unheil angerichtet haben. Wie oft würde ich mein Smartphone in eine vom Wasserkocher verursachte Lache legen, wenn ich nicht vorher mit den Fingerspitzen ganz sacht über die Oberfläche gestrichen hätte. Wie oft habe ich morgens die Socken gewechselt, weil ich in eine selbst verursachte Pfütze hineingetapst bin. Ach wäre doch Wasser rotweinrot!

Zurück zu den Formen: Eben kam ich in die Küche und erlitt einen ordentlichen Schrecken, denn da lag doch wahrhaftig noch eine gekochte rote Bete auf der weißen Arbeitsplatte! Wie konnte ich die denn gestern vergessen??? Ich achte doch so peinlich darauf, gerade diese farbintensiven Saftschleudern nur im Spülbecken und unter höchster Konzentration auszupacken, zu verarbeiten und in andere Töpfchen zu befördern, damit sie weder den Boden, noch die Wände noch meine Kleidung oder Hände einfärben. Ich nähere mich also sehr behutsam der vermeintlichen Knolle, beäuge sie von allen Seiten, ohne sie dabei zu berühren. Wer gekochte rote Bete kennt, wird wissen warum. Ist sie doch eine sehr glitschige und wendige Gesellin und könnte bei dem geringsten Stupser von der Arbeitsplatte kullern und sich einmal quer durch die Küche kugeln. Natürlich nur, indem sie einen Gutteil ihres herrlich violett roten Saftes auf allen benachbarten Gegenständen hinterlässt. Nein, das bitte nicht! Ich bewege einen Finger ganz vorsichtig in die Richtung der Knolle und gebe ihr einen kaum wahrnehmbaren Schubs, nichts, sie rührt sich nicht. Warum ich das wage? Weil ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt bin, dass es nicht sein kann, dass ich die Schwester derjenigen, die ich gestern Abend verspeist habe, auf der vollgestellten Arbeitsplatte habe liegen lassen, so umnachtet bin ich nicht, auf keinen Fall.

Das Ding, von meiner insektenflügelgleich zarten Berührung gänzlich unbeeindruckt kann also keine rote Bete sein. Was dann? Was für einigermaßen runde Gegenstände in rot besitze ich, zerbreche mir mir den Kopf, doch ich komme nicht drauf, obwohl ich im Geiste all die Dinge durchgehe, die in den letzten Tagen in meine Küche gewandert sind. Ungefährlich, beschließe ich, und greife nun vorsichtig zu, ertaste weiches Material, samtig. Achso, ein Haarband. Wie doof, daran hättest du dich doch erinnern müssen, hast du doch extra vorhin für Freundin XY rausgesucht und wolltest es in deine Tasche packen.

Gekochtes Gemüse und ein Samtband für die Haare haben wenig miteinander gemeinsam, aber indem sie in meinem Kopf miteinander verbunden werden (mussten), haben sie meine Gedanken in eine bestimmte Richtung gelenkt. Was existiert außer diesem noch in meiner Welt, was nicht das ist, wofür ich es halte? Welchen Eindrücken darf ich trauen? Welche Maßnahmen der Erkenntnisgewinnung kann ich noch ersinnen, um der Wahrheit näher zu kommen?

Heute ist das ja alles scheinbar so einfach. Wenn ich wollte, könnte ich mit meinem Smartphone ein Foto von dem unbekannten Ding machen und es jemandem schicken, der mir garantiert sofort eine Antwort darauf gibt, was ich da zu sehen meine. Herrlicherweise gibt es auch in meinem Freundeskreis 40+ einige Menschen, die so daueronline sind, dass eine Antwort nicht erst nach Austrocknen jener roten Bete zu erwarten ist. Notfalls gibt es auch eine weltweite Community, die bei „Be my eyes“ mitmacht und eine sofortige Antwort quasi garantiert.

Ich geb’s zu, in diesem speziellen Fall hätte ich wohl kein Foto gemacht, denn der Schaden war einigermaßen kalkulierbar. Aber wer schon mal im Süden war und sich der zahlreichen Population jedweder Krabbeltiere permanent bewußt ist, die die Hitze ebenso schätzen wie wir Mitteleuropäerinnen, der wird gewiss verstehen, welche Ängste ein schwarzer Fussel auf der Badematte erzeugen kann!

Wäre die Welt, so wie ich sie mir wünschte, gäbe es keine Gegenstände, die Flecken machen, die lautlos auf den Boden tropfen, die scharfe oder spitze Eigenschaften haben, ohne es mir mitzuteilen… Wo hört das auf? Na gar nicht, außer ich könnte sie ansprechen und sie würden mir antworten. Dann könnte ich doch jetzt eben mal in den Kühlschrank reinrufen: „Was soll ich heute Abend aus Dir kochen, rote Bete?“

PS Meine Mitbewohnerin ist mit soviel Empathie ausgestattet, dass sie auf eine unglaublich zartfühlende Art mit der SMS „Rote Beete sind ein Kreuz!“ mitteilte, dass man diese Beete mit 2 „e“ vorn schreibt, also wie Beet. Doppelbuchstaben sind mir immer ein Greuel, aber auch „m“ und „n“ fallen dem schlechten Sehen zum Opfer. Ich musste weit über 40 werden, bis ich erfuhr, dass es nicht Istambul sondern Istanbul heißt.

 

 

(Schutz)-Zauber Dunkelheit

Ich habe ein paar wenige sehr gute Freunde, und manchmal frage ich mich, was sie alle gemein haben. Es sind allesamt Menschen mit sehr unterschiedlichen Prioritäten. Manchen ist der Tierschutz wichtiger als das zwischenmenschliche Miteinander, manche merken nicht, wie sehr sie mit ihrer Exzentrik, ihrem Egoismus oder ihrem Pflichtbewusstsein gegenüber der Arbeit andere Menschen bisweilen einschränken, wieder andere pflegen hohe Ideale von Ästhetik und sind sich ihrer Normativität nicht bewusst… Klingt, als würde ich nur schlecht über sie reden und denken, aber das Gegenteil ist der Fall. Denn sie alle haben etwas, woran sie glauben, das sie hegen und womit sie sich identifizieren. Immer wenn etwas priorisiert wird, wird ein anderer Umstand vernachlässigt, wo gehobelt wird, fallen Späne. Faszinierend ist für mich, wie sehr wir alle den einen Teil unseres Lebens akribisch der Selbstreflexion unterziehen, bei einem anderen wiederum keinerlei Bewusstsein dafür entwickelt haben.

Und ich, frage ich mich dann? Welche Prioritäten setze ich selbst? Welchenen Ideals bin ich Sklavin? Lachhaft und unreflektiert zu antworten, ich lasse mich nicht unterwerfen, denn vielleicht bin ich die Meistersklavin meiner Ideale. Und was sind es denn nur für Ideale, da scheint sich ja schon etwas zusammenzubrauen. Ich glaube, Ideale kann frau sich nicht wählen, sie erringt sie mittels Anlagen oder dem Wunsch nach Kontrasten zu diesen Anlagen in frühster Kindheit. Eines meiner Ideale lautet: ich will nicht stören. Das ist eine meiner Anlagen, war ich doch stets ein störendes Kind. Nun habe ich oberflächlich den Weg des Kontrastes gewählt, die Komfortzonen der Umgebung zu stören, nicht dem Mainstream zu entsprechen (das geht bis in die Tiefen der Weigerung eines störarmen Erscheinungsbildes) und einige störungsvolle Techniken der Lebensführung zu wählen. Oberflächlich betrachtet habe ich mich also von der Anlage des Störens emanzipiert.

Und unter dieser Oberfläche? Da ist mein Streben und Sinnen von früh bis spät, meine Mitmenschen nur ja nicht zu stören. Das beginnt mit der Entfernung eigener Gegenstände aus geteilten Wirkungsbereichen anderer Menschen, setzt sich fort in Form der Sorge, im Bus im Weg zu stehen, jemand anderes Weg zu kreuzen, so dass diese Person ausweichen muss oder ein Fahrzeug zu behindern, weil ich einen Zebrastreifen überqueren möchte, und es endet am Abend mit dem Entfernen von Zahnpastaresten im Waschbecken oder im mehrmaligen Schrubben von zuvor verschmutzen Flächen oder Vertiefungen. Der Stachel der Sorge bleibt dennoch in meinem Fleisch stecken wie Arsen: war ich jetzt im Weg und hat sich jemand mir Teures über mich geärgert? Habe ich das Bad sauber hinterlassen? Tja, was Du halt so sauber nennst, sagt das fiese kleine Stimmchen in meinem Kopf. Du siehst doch nicht mal ein Haar auf der weißen Kachel, wie bildest Du Dir ein, den Grad selbst verursachter Verschmutzung beurteilen zu können?

Das Ideal der Störarmut also. Und was hat die Dunkelheit damit zu tun? Nun, sie beschützt mich oder würde mich beschützen, wenn sich meine Umgebung auf sie einließe. Denn in der Dunkelheit muss ich nicht so tun, als interessiere ich mich für die Ansicht meines Gegenübers, in der Dunkelheit brauche ich mir nicht ins Gedächtnis zu rufen, dass andere durchaus sehen, wie ich mir in der Nase bohre, an den Füßen kratze oder die Finger zu Hilfe nehme um zu wissen, wie voll die Tasse noch ist. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie viel der Herr Nachbar sieht, wenn er in mein Fenster späht, ob da etwas auf dem Tisch liegt oder die Pfeffernühle einen Schatten wirft. Eine Unterhaltung völlig im Dunklen, ein Traum für mich, für die Sehenden ein Albtraum. In der Dunkelheit sind wir Stimmen, sind wir alle gleich, haben wir nur dieses eine Ausdrucksmittel und können uns darauf konzentrieren, wie würde ich es mir oft wünschen.

Selten sind die Momente, wo dieser Wunsch von mir einmal erfüllt wurde. Es eignet sich meist nur das Bett, denn in ihm fühlt sich auch der Sehende sicher genug, um auf den wichtigsten Sinn zu verzichten. Das wiederum reduziert leider den Personenkreis potentieller GesprächspartnerInnen gehörig, obwohl ich mir oft nur das etwas andere Bettgeflüster wünschen würde.

Stimme und Körper – Gedanken zur Schönheit

Heute möchte ich eine Erkenntnis mitteilen, die für mich noch recht neu und unausgegoren ist, deren Reichweite ich daher noch nicht abschätzen kann. Davon abgesehen, dass ich erst jüngst verstanden habe, welchen Sinn und Zweck ein Blog für die meisten Menschen hat, welchen er aber für mich nicht hat und mir daher nicht behagt. Ich möchte nicht präsentieren, mich nicht zu Themen mit meinen abgeschlossenen Ansichten äußern, die andere Individuen dann liken oder ablehnen (disliken ist noch schlimmer als liken für mich in der Wortwahl). Nein, ich möchte durch Schreiben verarbeiten, lernen, eine neue Perspektive gewinnen. Und der Umstand, dass diese Zeilen womöglich von anderen gelesen und kommentiert werden, schützt mich einerseits vor zu viel Selbstmitleid oder -beweihräucherung. Außerdem animiert er mich andererseits dazu, aus meiner Sichtweise etwas zu erschaffen, das auch für andere von Interesse sein könnte. Eine sehr reizvolle Angelegenheit ist dies, geradezu prickelnd. Ein bisschen wie Alleinsein und darauf warten, dass eine Whatsapp-Nachricht eintrudelt.

Nun also zu meinem eigentlichen Thema, welches mich schon sehr lang beschäftigt, welchem ich bisher aber keine passenden Worte verleihen konnte: die menschliche Stimme und der der sichtbare Körper.  Als Mensch mit 10% Sehkraft bleibt mir die Ansicht des Gegenübers (und vor allem auch meine eigene) zwar nicht gänzlich verborgen, jedoch liefert sie mir keinerlei brauchbaren und bewertbaren Informationen. Gesichter bspw. sind für mich nur aus 5cm Entfernung scharf genug, dass ich einen Gesichtsausdruck erkennen könnte. So nahe kommen aber die wenigsten Menschen, und wenn sie es tun, sind ihre Gesichtszüge eben diesem Umstand (nur 5cm entfernt vom Gesicht des anderen) angemessen. Ich sehe also nie jemanden mit einem wütenden, einem leidenden, einem entsetzten Gesicht etc. Daher kann ich Gesichtsausdrücke nicht deutlich verknüpfe sie nicht mit den passenden Äußerungen. Zähne zeigen heißt für mich immer lächeln (oder mit entsprechendem Geräusch) lachen, für sämtliche andere Gefühlsregungen bin ich auf die Stimme (inklusive Atmen und Körpergeräusche wie Kratzen am Kopf) meines Gegenübers angewiesen. Allerdings beschreibe ich auch hier eine Entfernung von höchstens 50cm, bei einem Meter Entfernung ist das optische Gespräch für mich gänzlich vernebelt. Ich habe noch nie irgendeinen Ausdruck in den Augen eines Menschen gelesen, auch wenn ich regelmäßig so tue, als würde ich das tun. Ich höre diesen Ausdruck aber sehr deutlich in der Stimme meines Gegenübers wie auch den Gesichtsausdruck, schätze ich. Denn ich verknüpfe diese beiden Ausdrucksformen aus mangelnder Erfahrung nicht aneinander, ich brauche sie nicht. Gehen wir noch einen Schritt weiter und wenden uns der körperlichen Ansicht. Für mich besteht der menschliche Körper vor allem aus Fläche, da ich alles platt und zweidimensional sehe. Ich sehe Hände wie Kreise, wenn sie sich vor dem Körper oder dem Gesicht, einem kleineren Kreis, bewegen, Arme wie Stecken, die sich nach oben strecken, Beine wie Stöcke, die an dem größeren Kreis des Körpers befestigt sind. Erst sehr nahe und aus der Erfahrung mit dem eigenen Körper heraus weiß ich, um was es sich genau handelt. Aufgrund dessen fühle ich mich gänzlich inkompetent in Aussagen über Körper, auch wenn ich sie, wie alle anderen Menschen in meiner Umgebung, tätige: „Schöner Körper“, „tolle Beine“, „scharfes Décolleté“ etc. An sich habe ich keinerlei Wahrnehmungs- und Bewertungsparameter in meinem Kopf, die Vergleiche zulassen würden. Ich würde gern manchmal jemanden fragen, was eine dritte Person da im Gesicht hat, was er oder sie am Körper trägt, denn oft verwechsle ich Falten mit einer Kette oder umgekehrt, sehe einen Schatten als große Nase oder umgekehrt, wobei der Schatten hier mal ausgeklammert wird, ihm werde ich schweren Herzens mal eine eigene Analyse widmen müssen. Fragen tue ich aber so gut wie nie, denn die Irritation meines Gegenübers über mein anderes Sehen verletzt mich in der Regel und erinnert mich daran, ein Alien zu sein, dass ich auf diese Information verzichte.

Vorgestern Abend saß ich bei einem Vortrag neben meiner Freundin recht weit hinten im Saal. Wir saßen nebeneinander, sie trug eine dunkle Bluse, die ich kannte. Nachdem ich eine Weile nach vorn geschaut hatte, drehte ich mich zu ihr um und dachte völlig erschrocken: Was hat sie denn da für ein tiefes Décolleté, das ist ja schamlos. Nun konnte ich mir das so gar nicht vorstellen und beschloss, sie noch weiter zu betrachten. Ich weiß, dass dieses für mich einfache Betrachten für andere als Starren oder Mustern wahrgenommen wird, so dass ich versuche, es höchst unauffällig zu tun. Nachdem ich sie also ein wenig betrachtet hatte, erkannte ich, dass es sich nicht um einen besonders tiefen Ausschnitt handelte, den sie trug, sondern dass sie ihre Arme senkrecht auf die Knie vor den Körper gestützt und ihren gesenkten Kopf zwischen die Hände genommen hatte. Das ist eine Körperhaltung, die ich selbst nicht praktiziere, daher erschien mir die von mit identifizierte Haut nicht als die Haut ihrer Arme sondern ihres Décolletés.

Körper stellen sich für mich also gänzlich anders dar als für andere, und dessen bin ich mir bewusst. Ist es ein Wunder, dass ich daher auf jegliche Zuschreibungen meines Aussehens empfindlich bis neurotisch reagiere? Natürlich kommen hier Unsicherheiten dazu, die in der Kindheit angelegt wurden von einer Mutter, die ich als Püppi bezeichnen muss. Eine Mutter, deren Hauptinteresse auf die optische Erscheinung fokussiert war. Darauf kommt es mir hier aber nicht an. Viel wichtiger scheint mir in diesem Zusammenhang zu sein, dass im Gegensatz zu dem sichtbaren mir ein hörbares Gegenüber begegnet, dessen Stimme ich ebenso bewerte wie die normal Sehenden sich und die anderen auf der visuellen Ebene. Ich höre, ob jemand für mich ein schöner Mensch ist, und diese Übermacht der Überzeugung ist gänzlich immun gegen optische Reize.  Ich höre zwar nicht, wie sehr er auf seinen Körper achtet, sich pflegt, Sport treibt, welche Qualität seine Kleidung hat, womit er seine Identität durch Accessoires unterstreicht, das müssen ggf. andere Sinne wie die Nase oder die Hände übernehmen. Ich höre aber sehr deutlich, welche Disziplin er seiner Stimme auferlegt, wie sehr er seine Gefühle und Gedanken im Zaum halten kann, seine Kraft und Selbsteinschätzung, seine Bemühungen, nicht nur optisch sondern auch charakterlich ein integrer Mensch zu sein. Das sind meine Kategorien, nach denen ich Menschen bewerte, und ich tue dies ebenso wie andere mich nach dem Äußeren beurteilen. Und ich bin in meinem Urteil nicht weniger erbarmungslos als die Sehenden, die ihre Distinktion auf der Grundlage eines optischen Erscheinungsbildes ausdrücken. Ich habe ein akustisches Erscheinungsbild, und für mich ist das nicht weniger aussagekräftig. So wie also Menschen mich betrachten und womöglich der Auffassung sind, dass ich keine Selbstdisziplin an den Tage lege, wenn ich 5-10kg zu viel auf den Rippen habe, so fühle ich ähnliches. Es bezieht sich eben nicht auf ihr Aussehen sondern darauf, dass sie sich nicht im Griff haben, wenn sie mit anderen kommunizieren und ihre Ungeduld, ihren Missmut, ihre Langeweile oder ihre Überheblichkeit nicht aus ihrer Stimme heraushalten können. Für mich ist es unverständlich, wie jemand zwar täglich mehrfach zum Sport gehen und nur Salat essen kann, um ein Supermodell zu sein, gleichzeitig legt dieser Mensch keinerlei Disziplin an den Tag, wenn es um die Produktion oder Aufrechterhaltung von moralischen Werten in Kommunikation und Interaktion geht. In Gegenteil: er fühlt sich durch seine körperlich sichtbare Überlegenheit dazu berechtigt, auf andere hinunterzusehen. Ich fürchte, ich tue nichts anderes, nur tue ich eben dies aus einer anderen Perspektive. Weder das eine noch das andere ist besonders ruhmvoll, aber ich habe mich immerhin auf den Weg gemacht, diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen und kann sie womöglich dadurch ein Stückweit aufbrechen.

 

Noch schlechter sehen – schlechter arbeiten – die Unsicherheiten häufen sich

Bis vor nicht allzu langer Zeit dachte ich, sehr schlecht zu sehen wäre mitunter ein Vorteil beim Umgang mit meinen jungen Studierenden. Dadurch, dass mich die Mimik auf einem Gesicht oder eine aufgesetzt Maske von Freundlichkeit und Konzilianz nicht erreicht, spüre ich immer hinein, in Stimme, Wortwahl und den Kontext jeder Unterhaltung. Gleichzeitig schätze ich in dieser Situation meine Unsicherheiten ein, analysiere sie, versuche ein klein wenig Gedanken zu lesen, wenn mich Stimme, Wortwahl oder Unkonzentriertheit des Gegenübers irritiert. Nun ist Unsicherheit ja eine sehr lästige und nervenaufreibende Angelegenheit, wie sollte ihr etwas Positives abgewonnen werden? In jungen Jahren, die Älteren erinnern sich gewiss, ist das Leben voll von Unsicherheiten, auch an der Universität besteht hier keine Ausnahme: „Was denkt der oder die jetzt über mich?“, „Seh ich arg bescheuert aus in dem Rock?“, „Hab ich den Text von Latour richtig verstanden, oder denken die anderen jetzt, dass ich Mist gelabert hab?“… Nun, bei mir war das nicht anders, die behinderungsbedingten Unsicherheiten kamen noch dazu: „Wo ist denn dieser Hörsaal nur, wie sieht das aus, wenn ich mir an den Schild an der Tür jetzt die Nase plattdrücke?“, „Wie finde ich denn jetzt bloß meine Referatsgruppe?“, „Wo ist denn jetzt das Buch in dieser fu*** Bib?“ usw. usf. Nein, man hat es mir als Studentin nicht gleich angesehen, dass ich schlecht sehe, meine beste Freundin war und ist die Kontaktlinse. War auch ziemlich wichtig, mit Diskriminierungen wollte ich gerade in der Jugend nicht mehr als nötig konfrontiert werden. Denn die wohlmeinende Öffentlichkeit, die auf den diskriminierenden Übeltäter mit dem Finger zeigt, macht mich noch sichtbarer durch den ganzen Wirbel… na, egal. Auf jeden Fall legen viele Menschen mit zunehmendem Alter und vor allem mit sich häufender Verantwortung immer mehr dieser Unsicherheiten ab, das passiert mir als Sehbehinderte zwar auch, aber viele behalte ich und werde sie mein Leben lang nicht loswerden. Das aber verschafft mir immer sehr viel Empathie für meine Studies, ich kann mich in so viele ihrer angstbesetzten Situationen hineinversetzen. Ich denke, hier ist eine grundsätzliche Unsicherheit gemeint, die ich im Übrigen nicht pathologisch finde sondern völlig legitim. Denn ich bewege mich in der akademischen Welt nur unter Sehenden, die geistige Elite legt auch in jeglicher anderer Hinsicht ein elitäres Verhalten an den Tag, das sehr schwer zu durchschauen ist.

Und nun kommt der Grund, warum ich in letzter Zeit all die Unsicherheiten nur noch verfluche und doch etwas an diesem ambitionierten Berufsweg zweifle, den ich vor über 20 Jahren eingeschlagen habe: ich kann seit einem Vierteljahr keine Kontaktlinse mehr tragen, laufe also mit einer richtig dicken, die Augen vergrößernden Brille rum. Ist für einen eitlen Pfau wie mich schwer zu ertragen, aber das sparen wir uns für einen anderen Blogbeitrag auf. Ich kann auf einmal keine Texte mehr in meinen Lehrveranstaltungen besprechen, weil ich immer Fern- und Nahbrille wechseln muss. Wenn mir Menschen weiter als 2m gegenübersitzen, seh ich ohne Brille und Kontaktlinse nur ihre Umrisse, das behindert die Kommunikation gewaltig. Ich habe also meine Lehre abgesagt, weil ich sie allein nicht bewältigen kann, aber der Alltagskram bleibt. Mit fehlender Kontaktlinse ist mein Gefühl dazuzugehören geschwunden, ich fühle mich außerhalb der Community und werde durch Fehler stets in diesem Gefühl bestätigt, wenn ich bspw. Menschen mehrmals zu Arbeitsbeginn grüße, erst im Flur, und dann kommen sie in den Sitzungsraum, wo ich schon sitze, da sag ich dann gern nochmal Hallo. Meine engste Kollegin wird von mir gesiezt, weil ich sie nicht erkenne. In Sitzungen und Dienstgesprächen bekomme ich nicht (mehr) mit, wann jemand zu sprechen aufhört oder nur eine Kunstpause macht, wenn er oder sie zu weit weg sitzt, wirke dadurch unhöflich oder ungeduldig. Warte ich zu lange mit meinen Antworten, wirkt es schwerfällig, und manchmal verpasse ich dadurch den richtigen Moment, meine Argumentationslinie anzuschließen. Es sind all diese kleinen Dinge, die einen Menschen an der Uni als kompetent erscheinen lassen. Jeder Misston, den ich mir leiste, wird von mir registriert und will verarbeitet oder abgelegt werden, aber dies ist natürlich innerhalb der Situationen nicht möglich, denn Sitzungen verlangen alle Konzentration. Und dies umso mehr, als ich mich kaum noch auf Notizen stützen kann, die ich früher am Rechner mit Kontaktlinse in Kombination mit Brille lesen konnte.

Aber darauf will ich gar nicht hinaus, das interessiert ja kein Schwein, wann ich persönlich jetzt was und wie lesen kann. Mir geht es eher darum, dass ich erst jetzt, wo ich nicht mehr unsichtbar sein kann mit meiner dicken Brille, genau erkenne, wie wenig kollegial die Universität ist und wie wie gering der Spielraum der Akzeptanz von Andersheit. Denn im Gegensatz zu vielen anderen diskriminierten Gruppen hat ein behinderter Mensch eben tatsächlich etwas, das den Arbeitsalltag stört, die homogenen Abläufe verzögert, und bei einem sehr dichten Arbeitsalltag von Professorinnen und Professoren ist Verzögerung mittel- und erst recht langfristig nicht tolerierbar.

Hab ich mir zu viel vorgenommen? Sollte ich besser jetzt diese Schlangengrube verlassen, die mich die allerletzte Kraft kostet? Ich war noch nie so unsicher, was diesen Job betrifft, denn eigentlich liebe ich ihn und ziehe zu einem Großteil meine Identität aus ihm. Aber im Moment scheint es mir selbstzerstörerisch zu sein, so zu tun, als ob „es schon geht“. Denn ich bin auch – und das finde ich, abgesehen davon, dass es grauenhaft ist, außerordentlich faszinierend – total unkonzentriert ohne meine Kontaktlinse. Ich kann mir nicht so viel merken, ich schweife mit meinen Gedanken ab, ich büße meine Kreativität und Phantasie in allen Bereichen meiner Arbeitsbereiche ein, ich arbeite daher auch wirklich miserabel. Das Gegenteil kann mir niemand beweisen, auch wenn meine Kolleg_innen beteuern, dass ich mich diesbezüglich nicht zu sorgen brauche. Was sollen sie auch sagen, etwa, dass ich schlechter arbeite? Das wäre ja fast schon eine Diskriminierung, obwohl ich erleichtert wäre, weil es noch eine andere Instanz gäbe, die mir glaubt, dass ich mit meiner Sehkraft auch eine gewisse Hirntätigkeit einbüße. Ich denke dabei oft an eine alte Freundin, die morgens immer sagte: „Ne, jetzt noch nicht, ich hab meine Kontaktlinsen noch nicht drin, ich hör ohne die schlecht.“ Ich glaube, es steckt eine profunde Wahrheit in dieser Koketterie, auch ich fühle mich abgeschnittener denn je und muss mit aller Kraft versuchen, meine enormen Softskills auswendig zu lernen, um nicht den ganzen Kram hinzuwerfen.

Oh, welch uninspirierender Erguss, ich sags ja, ich lass nach.

Arbeitsalltag und Un(i)sicherheit

Ich weiß, es gibt einfallsreichere Titel. Und das umso mehr, als ich mich so lang hier nicht geäußert habe. Eigentlich schreibe ich in Gedanken schon seit einer Woche an dem Eintrag über die Unsichtbarkeit von Wasser und die Unerträglichkeit, nackte Menschen in der Sauna nicht zu erkennen, aber nun ist doch etwas dazwischen gekommen.

Das ist diese alte John Lennon Nummer: Leben ist, was passiert, während Du mit anderem Zeugs beschäftigt bist. (zit. aus „Beautiful Boy“ 1980)

Stellt Euch mal vor, Ihr müsst eine Sitzung leiten, sagen wir mal mit ca. 20 Personen. Diese verteilen sich in einem Seminarraum, in welchem im Regelfall ca. 60 Studierende Platz haben. Im Kreis sitzen Dir nun also 20 Menschen mehr oder weniger gegenüber, alle mindestens 10m von Dir entfernt. Du hast keine Ahnung, wer Dir da gegenüber sitzt, wer gerade spricht, wer von den Anwesenden fehlt… Du spielst Theater, und das musst Du verdammt gut tun, damit niemand merkt, dass Du eigentlich nur einen Bruchteil von dem wahrnimmst, was um Dich herum abläuft. Vom Augen Verdrehen über Gesten und Mienenspiel über gleichzeitiges Simsen bis hin zum Anlächeln, Du bist von Deinen Gegenübern abgeschnitten. Alles, was Du jetzt brauchst, sind starke Nerven und viel Fantasie. Die starken Nerven, um selbige nicht zu verlieren, wenn Dir ein Kommentar oder eine Sequenz der Sitzung entgeht, viel Fantasie um Dir vorzustellen, wie die Situation sich wahrscheinlich darstellt. Da links sitzt offenbar die Kollegin, mit der Du schon mal Kaffee trinken warst, die schaut Dich bestimmt wohlwollend an. Daneben, gerade hat er was gesagt, das ist also Prof. Oberschlau, der war doch immer so humorvoll und Dir zugewandt, schaut der Dich gerade an, während er Dir seine Vorwürfe zu Deinem Papier um die Ohren haut? Was für ein Gesicht macht wohl der Student da hinten, kann nur ein Student sein bei den schrillen Kleidern, die er da trägt?  Shit, eine Power Point, warum hat die Dir niemand vorher geschickt, hoffentlich musst Du Dich dazu nicht äußern.

Nach der Sitzung gehst Du aus dem Raum, bist darauf bedacht, niemandem ins Gesicht zu schauen, damit niemandem auffällt, dass Du ihn oder sie nicht erkennst. Deine Ohren sind nadelspitz, damit Du die bekannten von den unbekannten Stimmen filtern und etwaige Ansprachen ihrer Peinlichkeit für Dich berauben kannst. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, schlecht sehende Menschen würden sich jede Stimme im Gedächtnis einprägen, die sie auch nur ein einziges Mal gehört haben. Welch Enttäuschung „Was, Du hast mich nicht an der Stimme erkannt?“ Einer Deiner absoluten Lieblingssätze! Nicht genug, dass frau nicht weiß, wer einen da grad anspricht, nein, sofort muss sie sich schuldig fühlen, weil sie die Stimme nicht erkannt hat. Und aus der ohnedies peinlichen Situation („nein, ich weiß grad nicht, wer du bist“) wird noch eine viel peinlichere, weil Du den Skill des Ich-erkenne jede Stimme-wie-du-jedes-Gesicht-auf-Anhieb nicht beherrschst. Und schon ist der Spieß umgedreht, und der Sehende muss sich nicht mehr schlecht fühlen, weil er etwas kann, das Du nicht kannst, wenn das auch das Schicksal nur zufällig so eingefädelt hat.

Heute las ich in meiner Facebook-Gruppe alternder Sehbehinderter einen Abschnitt darüber, ob wir anderen auch so rasch ermüdet seien, wenn wir mal 10 Minuten einkaufen gehen. Die Antworten auf diesen Post waren durchgängig zustimmend, für einen Sehbehinderten sei eben alles anstrengender, auch für jegliche Freizeitaktivitäten müsse man sich mehr konzentrieren. Tja, Du bist eigentlich ständig am Rand der Maxiamlerschöpfung, da Du in einer gänzlich normal sehenden Arbeitswelt den Kasperl oder die Kasperin gibst, die schon klarkommt. Ach guten Morgen, wie gehts? (Keine Ahnung, wer war das?), ach ja, diese Arbeit hab ich schon erledigt (keinen Schimmer, ich kann diese erbärmlichen Excel-Sheats nicht lesen, wer liest mir das denn nu mal vor? Und zwar subito), haben Sie schon meine Lesenotizen korrigiert, ja klar (wo hab ich die denn nur wieder hingeworfen?)…

Was bleibt und sich den ganzen Tag nicht verdrängen lässt, ist die Frage: Bist Du gut genug für diesen Job in der akademischen Elite? Jeder Angriff auf Deine Arbeit, jeder Fehler, den Du begehst, muss erst mal von dem Behinderungs-Ballast befreit werden: Okay, da haste jetzt aber mal n echten Bock geschossen. Warum ist Dir das passiert? Hast Du vielleicht Zeichen falsch gedeutet? Warst Du zu faul, Dir die Tabellen anzuschauen, weil sie so klein geschrieben sind und bist deshalb nicht auf dem notwendigen Wissensstand? Hast Du mal wieder Dein gigantisches Gedächtnis überschätzt?

Natürlich ist nicht alles schlecht, was Dir im Alltag begegnet. Es ist total herrlich, bei brutalen  Filmen die Details nicht sehen zu müssen, für Dich bohrt niemand in der Nase oder knabbert seine Fingernägel ab, prima unsichtbar. Auch können Dich Menschen nicht ignorieren, denn Du merkst nicht, dass sie Dich nicht grüßen. Klar ist es lästig, wenn Du in einer Sitzung nicht merkst, wie Du aufgerufen wirst, wie Dir beim Unterschreiben der Stift falsch in der Hand liegt und jemand sehr wohlmeinendes ihn Dir herumdreht. Aber wäre es nicht viel lästiger, die Chefin in einer Behindertenwerkstatt zu sein, intellektuell nie herausgefordert, aber immerhin zufrieden gelassen von der Welt der normal Sehenden?