Der Mundschutz – die wirksamste Desensibilisierung der Welt

Und weil’s so schön war, nochmal mit Audio-File.

Och nö, noch ein Beitrag zum Mundschutz? Hattest Du doch schon, Du schreibwütiges Sehunbegeuer. Fällt Dir denn nichts anderes ein, als auf den rausenden ICE zur aktuellen Masken-Diskussion aufzupringen?

Erstens springe ich nicht auf ICEs auf, sondern ich warte geduldig und demütig, bis alle anderen Passagiere eingestiegen sind und taste mich danach vorsichtig die drei Stufen in den Zug hinauf. Zweitens ist es eine andere Betrachtungsweise zum Mundschutz, die ich heute zu Protokoll geben werde. Und bittschön wirf mir drittens nicht meine Schreibwut vor! Schreiben macht frei, frei von den Gedanken und Gefühlen über mir vorher Unverständliches.

Was glaubst Du, hast Du denn Neues beizutragen zu dem Thema Maske? Meinst Du ernsthaft, Du könntest damit noch den aufgewecktesten Kater hinterm Ofen hervorlocken?

Heutzutage machen es sich Katzen nicht mehr hinterm Ofen bequem,  wir haben in der Regel Zentralheizung. Und ich wöre Dir sehr dankbar, wenn Du etwas Geduld walten ließest, damit ich meinen Standpunkt entwickeln kann.

Dass Menschen sich Stoffstücke ins Gesicht hängen, die sie als Blusen, Hosen, Mäntel, Kleider wohl niemals tragen würden, verwundert mich besonders, wenn ich Angebote für Masken auf den Kanälen der Social Media verfolge. So wilde Muster und Farben, wie sie hier feilgeboten werden, erinnern mich an die Geschmacksverirrungen der 1970er Jahre, die man euphemistisch psychodelisch nannte. Sollte ich wirklich derlei Farbkombinationen und Musterungen sehen, wenn ich LSD nehme, dann verzichte ich dankend auf diesen Trip. Schaue ich mir solche in der Betriebsamkeit der DIY (do it yourself) genähte Erzeugnisse schlechten Geschmacks genau an, wundere ich mich doch sehr, was sie auf dem gewiss attraktivsten Teil des menschlichen Körpers, nämlich dem Gesicht, zu suchen haben. Ich wüsste zu gern, ob die Stoffe ausgemusterten (im wahrsten Sinne des Wortes) Kleidungsstücken entnommen  oder ob sie mit Bedacht und in vollstem Bewusstsein, etwas Farbe in das triste Dasein zu bringen, als Maskenstoff ausgewält wurden. Wie gesagt, ich sehe sie deutlich nur in meiner Bildschirmvergrößerung, im Alltag gestaltet sich das anders.

Letzte Woche stolperte ich, bemundschutzt von meiner äußerst kleidsamen auberginenfarbenen Maske durch den Supermarkt und erschrak ganz fürchterlich, als mir ein Mensch in einem Gang entgegenkam. Um Gottes willen, der ist ja voller Blut, schoß es mir durch den Kopf, und sicherlich habe ich ihn völlig entsetzt angestarrt. Erst als ich darüber nachdachte, wie realistisch es ist, dass ein gerade vom Bus angefahrener Mann, dessen Gesicht blutübersträmt ist, im Supermarkt nach Asia Sauce sucht, fiel mir ein, dass er wohl eine schwarzrotgemusterte Maske tragen müsse. Kontraste sehe ich gut, Einzelheiten verschwimmen zu einem Einheitsbrei, und das Gehirn verbindet offenbar mit rotem Brei vor allem Blut. Bißl ekelig, ‘tschuldigung! Da sitzt ‘ne Frau mit Bart im Bus, warum hat er denn solche riesigen weißen Flecken im Gesicht, hat der ‘ne seltene Hautkrankheit? Solche und andere skurile Beobachtungen machte ich in den ersten Tagen der Mundschutzpflicht. Ist es für mich in der Regel schon schwer genug zu unterscheiden, ob es sich in meinem Gegenüber um Männlein oder Weiblein handelt, ist es jetzt schon beinahe unerheblich. Denn man redet ja eh nicht mehr miteinander dieser Tage. Die Menschen verschwimmen mehr und mehr zu einer undefinierbaren Masse aus bizarren Farben und Formen, werden beliebig in ihrer Ununterscheidbarkeit. Und werden mir dabei ein ganzes Stückweit mehr egal. Meinen Langstock nehme ich inzwischen überall hin mit um klarzustellen, dass ich nicht gut im Abstandhalten bin. Denn jetzt sind es nur noch solche Kommentare, mit denen ich gemaßregelt werde. Die neugierigen und vielleicht mitleidigen Blicke sind der Selbstsorge gewichen, und ich kann mich wieder frei und fröhlich daneben benehmen. Kann unbemerkt meine maskierte Nase an Lebensmittel kleben, um die Beschriftung auf ihnen zu lesen, kann langsam und mit viel Abstand Treppen erklimmen oder unwegsames Gelände unbekümmert erkunden, wie es meinen Bedürfnissen entspricht, ohne Angst oder Scham vor zuviel Beobachtung. Feine Sache so ein soziales Cooldown, denn es desensibilisiert mich gegen die Blicke anderer. 

Sag mal, bist Du denn noch gescheit? Wir haben hier alle Angst vor den Folgen des social distancing und Du feierst das noch? 

Hallo? Das ist mein Blog, und heute rede ich mir das schön und freue mich über das geringe Interesse an meinem Mehraufwand mit Gegenständen, Wegen oder dem Verkehr. Nächste Woche reflektiere ich dann wieder, wie schwer es für behinderte Menschen ist, sich nicht mehr auf die spontane Hilfe aufmerksamer Beobachter in ihrer Umgebung verlassen zu können. Aber heute habe ich noch einen anderen Aspekt auf Lager. Darf ich jetzt mal weiter nachdenken?

Na gut, aber ich bin schon sehr gespannt, was Dir noch einfällt, diese für uns alle so schwierige Situation schön zu reden.

Um den Faden wieder aufzunehmen: ich fühle mich befreit von den Blicken der Kontrolle durch meine Umgebung, seitdem alle mit sich und ihrer Sorge vor Ansteckung befasst sind. Aber eine weitere Form der Befreiung hat in meinem Kopf eingesetzt. Denn es gibt ja nicht nur die Selbsterzeugnisse, die sich die Menschen um Mund und Nase binden, die meine Phantasie in Blut, Bärte oder Pusteln im Gesicht wandelt, es gibt ja auch noch die OP-Masken. Nun kenne ich und sicherlich viele andere Menschen diese OP-Masken seit frühster Kindheit. Das Gespenst, das mich jahrelang durch meine Alpträume gejagt hat, war grün, OP-Kittel-grün. Die Assoziationen zu diesem Grün, vor allem im Gesicht, erzeugen in mir noch im Erwachsenenalter Abscheu und haltlose Panik. Aber jetzt? Jetzt rennen lauter Geister durch die Stadt, kassieren meine Lebensmittel ab und sprechen und lachen gar mit mir, sie nehmen mir die Angst. Ein um den Hals baumelnder Mundschutz in OP-Kittel-grün erzeugt inzwischen in mir keinerlei Emotionen mehr, ich bin kurz davor, seine ehemalige Wirkmächtigkeit auf mich zu vergessen. Danke Mundschutz! Schließlich weiß man ja nie, wann es mal nützlich sein kann, bei Ansichtigwerdens von OP-Kleidung nicht von Panik überwältigt zu werden. 

Insekten – der sprichwörtliche Elefant aus der Mücke – zumindest für mich

Sprechen kann‘s auch, das Sehungeheuer. Hier also der aktuelle Blogbeitrag zum hören, 10 Minuten Sehungeheuren Podcast.

 

Alles, was gleichzeitig klein und lebendig ist, verursacht mir tendenziell Unbehagen. Das beginnt mit den zahllosen Bakterien, die in meinem Körper eine meist unschädliche Koexistenz mit mir führen, und endet an meiner Zimmerdecke, in welcher sich meine Hausspinnen um die Mücken und anderen Mikroinsekten kümmern. Drücken wir es einmal so aus: Ich versuche ihre Existenz weitgehend zu verdrängen, denn sonst treibt meine Phantasie derartige Blüten, dass ich in jeder Unebenheit einer glatten Oberfläche ein Getier vermute, jeden Fussel am Boden für eine Kakerlake halte, in jeder Berührung meines Gesichts abends eine fliegende Motte (oh nein, bitte keine Mehlmotte!) interpretiere… Auf diese Weise kann frau auch wahnsinnig werden. Auch vor dem eigenen Körper machen die Krabbeltierchen ja nicht Halt, so verrenke ich mich drei- bis viermal im Jahr, um Fotos von irgendwelchen Körperteilen zu machen, um jemand anderen identifizieren zu lassen, ob ich einen Zeckenbiß habe.

Mein Mittel der Wahl ist, wie die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser dieses Blogs inzwischen weiß, immer die Mimikry. So ahme ich das Verhalten der sehenden Menschen nach, um mich vor zu gewaltigem Insektenbefall zu schützen. Das bedeutet putzen, aufräumen, den eigenen Besitz immer mal wieder kontrollieren. Es bedeutet aber vor allem mir dieser Schwäche bewusst zu sein und Sehende um Hilfe zu bitten, damit ich nicht einst morgens in einen Ameisenhaufen trete, ein Wespennest sich in meinem Vogelhaus breitgemacht hat oder die Maden auf meinem Thunfisch Polka tanzen. Jetzt, während dieser Pandemie beispielsweise, war über zwei Monate niemand mehr in meiner Wohnung, und meine Sorge vor Unreinheit und daraus resultierender Ungezieferinvasion wächst von Tag zu Tag. Ich habe Freunde schon oft gebeten, mich dabei zuschauen zu lassen, wie sie eine Wohnung reinigen, damit ich es nachahmen kann. Aber diese Bitte stößt auf Unverständnis oder zumindest auf Irritation. Ich brauche Worte dafür, dass das Waschbecken nicht nur ein Becken ist, sondern dass hinter dem Wasserhahn noch Umrandung übrig ist, die genauso geputzt werden will. Ich brauche Worte dafür, wie und wo ich die Toilettenschüssel so schrubbe, damit sie sauber ist und nicht irgendwo am Rand noch Reste hängen, die meine Besucher abstoßen könnten, nur weil ich sie nicht sehe. So lacht mich mein Freundeskreis auf liebevolle Art schon aus, wenn mich jemand besuchen kommt, die Toilette aufsuchen möchte und ich sofort ausrufe, dass ich erst mal die Örtlichkeiten kontrollieren muss. Wobei ich hier sauber zwei unterschiedliche Themen trennen sollte: das eine ist die Angst vor Ungeziefer, das andere die Angst, als schmuddelig bei meinen Mitmenschen zu gelten. Wenn ich daran denke, wie sehr ich mich dafür geschämt habe, als mir meine erste Reinigungsfee sagte, sie hätte bei ihrem ersten Besuch das komplette Geschirr kontrollieren müssen, weil es im Schrank stand und nicht sauber war… Paranoia kann sich auch hier sehr schnell einstellen: besucht mich niemand, weil die Menschen es bei mir unsauber finden?

Aber kehren wir zurück zum Viechzeug. Jedes Mal, wenn ich draußen ein Insekt höre, versuche ich zu verstehen, was sich in meinem Gehirn abspielt. Ist es die Präsenz eines anderen Lebewesens, das ich nicht sehe, was mir Angst bereitet, ist es der in meinen Ohren aggressive Ton des Insektes, verkörpert es die potentielle Gefahr, mich von mir unbemerkt zu stechen oder zu beißen? Allein in meinen vier Wänden mit einem solchen Brummwesen zu sein, ist eine ganz andere Sache. Ich muss meine Panik kognitiv beherrschen, verlasse das Zimmer, in dem es sich befindet, reiße vorher Tür oder Fenster auf, sperre es ein und verbringe die kommende halbe Stunde ausschließlich mit der Hoffnung, dass sich das Tier dorthin verzieht, wo es hergekommen ist. Inzwischen bin ich nicht mehr gelähmt vor Angst und kann immerhin noch die Fenster oder die Balkontür öffnen, wenn ich etwas summen höre und das Tier dann geschwind in dieses eine Zimmer verbannen. Aber die Wartezeit, bis es sich verdrückt hat, ist nicht besonders produktiv nutzbar. Ich kann aufräumen oder was auch immer tun, wofür das eine oder andere Zimmer angelegt ist, aber wirklich konzentriert dabei bin ich nicht. Die Panik vor dem Tier hält mich fest in den Klauen und bindet damit eine Menge Energie. Immer wieder, vor allem wenn die Sehenden wohlmeinende aber gänzlich am Thema vorbeigehende Kommentare wie „Das hat mehr Angst vor Dir“, „Das tut Dir nix“ oder „Das Schlimmste ist ein Stich, was ist daran so entsetzlich?“ von sich geben, versuche ich diese tiefsitzende Panik zu analysieren, aber es gelingt mir nur unzureichend. Ich habe durchaus den Ton des Wesens in Verdacht, denn vor Mücken fürchte ich mich nicht, ich hasse sie nur. Denn ich bin für sie ein besonderer Leckerbissen und werde, so sie meiner habhaft werden, regelrecht ausgesaugt. Alles andere Getier summt tiefer, leider lassen sich Fliegen, Bienen, Wespen oder Hummeln für mich allein von ihrer „Stimme“ her nicht unterscheiden. Und da ich sie so gut wie nie sehe, manchmal ein schwarzer Punkt, der an mir vorbei oder um mich herum saust, sind sie für mich ein rein akustisches Wesen, vor dem ich mich nicht schützen kann. Ich kann ja keinen Bannkreis um mich ziehen, damit sie mir nicht zu nahe kommen. Selbst sie sind mir in dieser Wesensart überlegen. So wie Spinnen, Ameisen, Käfer… alles, was klein ist und krabbeln oder fliegen kann. Dass sie keine Absicht mir gegenüber verspüren, ist für meine Angst völlig irrelevant. Ihre Schnelligkeit und Präsenz, die gleichzeitig für mich unsehbar und unüberhörbar sind, reichen aus, um mich vor ihnen zu fürchten, zu gruseln oder zu ekeln.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis vor 25 Jahren, als ich, damals eine Studentin, in meiner ersten Wohnung abends allein vor der Glotze saß. Der Sommer war heiß und ich trug nur ein Untergehös. Während ich dort auf meinem blauen Teppich saß und der Fernsehsendung am Bildschirm folgte, spürte ich, wie mir ein Insekt den Rücken emporkroch. In der einen Sekunde war ich noch stocksteif vor Angst und in der nächsten hatte ich schon meinen Arm nach hinten geschleudert und das Insekt erlegt. Wie heute erinnere ich mich an den Triumpf, mich selbst sofort des Problems entledigt und einem riesigen schwarzen Käfer den Garaus gemacht zu haben, ohne vorher von Panik und Ohnmacht über meine Unfähigkeit überwältigt worden zu sein.

Wie selten solche Erlebnisse sind, mag allein die Lebhaftigkeit meiner Erinnerung daran verdeutlichen. Denn in den allermeisten Fällen solcher direkten Konfrontationen mit Insekten bin ich nicht in der Lage, diese selbst aufzulösen. In meiner alten Wohnung wohnten mind. 3 Ansprechpartnerinnen und -partner in meiner unmittelbaren Umgebung, auf die ich ohne großes Gewese zugreifen konnte. Gegenwärtig verhält es sich noch nicht ganz so komfortabel. Aber sollte sich eine Hornisse, vor denen ich am allermeisten Angst habe, weil sie so riesig und in meiner Vorstellung so gefährlich sind, in meine Wohnung verirren, werde ich allen Stolz und alle Scham niederringen müssen und bei einem meiner Nachbarn klingeln und um Entfernung des unliebsamen Besuchs bitten. Natürlich freue auch ich mich, wenn diesen Lebewesen, die mir den Alltag verderben, dennoch kein Leid angetan wird und sie mit Glas oder Papier oder was auch immer nachdrücklich zum Verlassen meiner vier Wände genötigt werden, natürlich würde ich an helfende Menschen auch gern die Bitte knüpfen, dem Tier ein Weiterleben zu ermöglichen. Aber hier sind die Grenzen dessen, was erwartbar und wünschenswert ist, erreicht, und ich bin einfach nur froh, wenn jemand die für mich unhaltbare Bedrohung auflöst.

Wenn ich versuche, mich rein analytisch mit dem Problem „Insekten“ zu beschäftigen, wenn also gerade kein akuter Handlungsbedarf besteht, von einer Belästigung befreit zu werden, dann formuliere ich in meinem Kopf dieselben Affirmationen, die mir sehende Menschen mitgeben: Hab keine Angst vor den Tieren, versuche zu verstehen, dass die mehr Angst vor Dir haben, wenn sie Dich stechen, stirbst Du nicht daran. In solchen Phasen wünsche ich mir mehr als ihre Abwesenheit einen entspannten Umgang mit ihnen, überlege hin und her, wie ich meiner Angst vor ihnen beikommen kann, sinne nach Bekämpfungsstrategien, die wirksam und dennoch für die Insekten nicht tödlich sind. Aber weder der Staubsauger noch das Insektenspray und schon gar nicht die Fliegenklatsche kommen für mich in Frage, treffe ich doch nichts und niemanden präzise und mache die Wesen gegebenenfalls noch aggressiver, so dass sie auf mich losgehen. Eine Lösung will und will mir aber auch im nicht bedrohten Zustand nicht einfallen, und all diese Überlegungen sind mit einem Summen um mich herum ad acta gelegt, und ich muss meine gesamte Selbstdisziplin aufwenden, um meine Panik im Zaum zu halten.

Diese alltäglichen Kleinigkeiten binden Zeit, aber vor allem binden sie kostbare Energie, erschöpfen emotional sehr und sind in letzter Konsequenz auch der psychischen Gesundheit nicht förderlich. Denn wie viele Gedanken schließen sich daran an, sich einen Menschen vorzustellen, der bei dem kleinsten Geräusch durch ein Insekt verursacht in kopflose Panik ausbricht? Natürlich eine gewisse Scham und Ablehnung vor sich selbst, sich so ausgeliefert zu fühlen, Verzweiflung darüber, dass es keine Patentlösung für das Problem „Insekt in der Wohnung“ gibt, und natürlich das Hadern mit dem Schicksal, sich überhaupt von derlei Kleinst Kleinigkeiten des Alltags überwältigen lassen zu müssen. Ist dies der Preis für die hart erkämpfte Autonomie? Die sebst gewählte Form des Alleinwohnens, die mir gut gefällt, zugegeben im Winter besser als im Sommer. Muss ich sie aufgeben, um zum Beispiel auch mit dem Problem Insekten nicht mehr allein allein konfrontiert zu sein? Denn sind wir doch mal ehrlich, das ist nur eines der Alltagsprobleme, die mich heimsuchen. Zerbrochenes Geschirr ist ein anderes, verdorbene Lebensmittel ein weiteres, über ungeputzte Gegenstände sprach ich bereits.

Ich habe erst jüngst begonnen, meine zeitweise Erschöpfung zu analysieren, denn ich betrachte mich nicht als energiearmen Menschen. Dennoch bin ich bspw. nach dem Ausräumen der Spülmaschine meist so erschöpft, dass der letzte Topf mit Deckel nicht mehr in den Schrank wandert sondern auf sein Verstauen einige Zeit warten muss. Aber warum? Na, weil ich mich konzentriere, damit mir nichts runterfällt, ich mir nicht den Kopf am offenen Küchenschrank stoße, kein Wasser verschütte, das ich dann nur unzureichend aufwische… Egal, das ist ein anderer Blogbeitrag. An dieser Stelle sei nur gesagt, dass ich die Energie, die ich aufwende, um mich mit Insekten und meiner Angst vor ihnen zu befassen, soviel nützlicher und befriedigender in meinen Tag einbringen könnte. Blädes Viechzeug!

 

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Wie ein Wellensittich bei der Videokonferenz hilft

Wieder mal ein Schreibexperiment, an dem Ihr partizipieren dürft oder müsst. Denn es gibt unzählige Begebenheiten oder Beschaffenheit des Alltags, die von mir bisher keiner genaueren Analyse unterzogen wurden, so dass ich nach Identifizierung einer Besonderheit meist noch gar nicht weiß, wohin mich meine Gedanken treiben, die durch die Bekleidung in Worte in Gang gesetzt werden. Bei mir funktioniert die schon von Kleist formulierte „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ offenbar auch recht gut beim Schreiben.

Das derzeit praktizierte Social Distancing, dem wir uns alle mehr oder weniger freiwillig unterwerfen, hat durchaus positive Effekte. In meinen vier Wänden neige ich dazu, meine Seheinschränkung zu vergessen oder nicht als Bürde zu empfinden. Es ist schließlich niemand da, der oder die mir – wenn auch unwillentlich – spiegelt, was sehbar ist und was ich selbst nicht sehe. Ein kleines Beispiel, in diesem Blog schon erwähnt, mag zur Illustration dienen: Ein von mir ca. 80cm entferntes am Küchentisch sitzendes Gegenüber schaut mich an und registriert meine Mimik, meine Gestik zusätzlich zu allem anderen, was am Rand dieses Bildausschnittes statffindet. Vermute ich. Es ist dabei in der Lage bzw. daran gewöhnt bzw. kennt keine alternativen Umgangsformen damit die Gesprächspartnerin zu fokussieren. Hypothetisch würde ich behaupten, dass diese Art der Konzentration auf das Gegenüber stets eine Kombination aus visueller und akustischer Konzentration ist. In meinem Fall gestaltet sich die Konzentration gänzlich anders: Optischen Reizen und den ihnen innewohnenden Informationen nicht zu trauen, ist mir zur zweiten Natur geworden, so dass ich sie nur vereinzelt als Informationsquelle ernstnehme. Aussagekräftig sind viel mehr die vielgestaltigen akustischen Signale, ich schrieb hiervon bereits. Wissend, dass das Gegenüber mich fokussiert, strenge ich mich aber an, die Konzentration meiner Gesprächspartner_in möglichst auch auf akustische Informationen zu lenken, was gleichzeitig bedeutet, mich visuell so unauffällig wie möglich zu verhalten, um den Grad der Irritation möglichst niedrig zu halten. Ich schaue also in die Richtung, von der ich glaube, dass sich Augen und Mund der Gesprächspartner_in befinden, verwende Mimik und Gestik, die an das Gegenüber angepasst sind und die ich durch Nachahmung erlernt habe. Welche Qualität diese Mimikry aufweist, kann ich nicht beurteilen, vermute aber, dass ich es häufiger richtig mache als falsch. Zumindest würde ich sagen, inzwischen habe ich eine Form gefunden, die mich wenig anstrengt oder ablenkt und die gleichzeitig ihren Zweck der reibungsarmen Kommunikation gewährleistet. Manchmal merke ich jedoch noch immer, dass diese Kombination aus visueller und akustischer Unterhaltung nicht von mir internalisiert ist, selbstvergessen drehe ich an meinem Nasenring, kratze an einer Hautunebenheit oder fange an, mir die Fingernägel zu säubern. Alles Handlungen, die ich bei meinem Gegenüber nicht sehen würde, so dass ich automatisch davon ausgehe, dass auch das Gegenüber diese bei mir nicht registriert. Es waren schmerzhafte aber notwendige Erfahrungen, wurde ich von mir sehr nahen Menschen auf diesen Umstand hingewiesen.

Sozial distanziert dürfen diese Angleichungsmechanismen ebenso pausieren wie die dazugehörigen Kontakte. Abgesehen natürlich von den notwendig gewordenen Präsenzen vor der Webcam im Home-Office. Ich verwende hier bewusst den Prural des Begriffs „Präsenz“, ich werde noch darauf zurückkommen. Diese Web- und Videokonferenzen bereiten mir einige Mühe, bergen aber auch ungeahnte Möglichkeiten für mich.

Um Art und Ausmaß des Dilemmas zu begreifen, ist es notwendig, meine Bildschirmoberfläche, wie ich sie mir eingerichtet habe, so dicht wie möglich zu beschreiben. Wie gut mir das gelingen mag, kann ich schlecht beurteilen.

Der Kontrast des Hintergrundes zu den Fenstern, die während einer Sitzung am Rechner geöffnet werden und weiß sind, muss hoch sein und gleichzeitig eindeutig für mich, dass ich im korrekten Profil arbeite. Die Mitte der Oberfläche meines Hauptprofils ist demnach gefüllt von meinem Lieblingswellensittich Mikke, der mit halb geschlossenen Augen aufgeplustert auf einem Ast hockt und maximal entspannt aussieht. (Das geschulte Ohr der Vogelfreundin hört ihn regelrecht vor Wohlbehagen mit dem Schnabel knirschen.) Der Hintergrund dieses Fotos ist monochrom und damit störarm, alle Icons sind um den Vogel herum gruppiert und zwar nach einer streng einzuhaltenden Reihenfolge, da ich keines ohne Vergrößerung identifizieren kann und mich so auf die gewohnten Hinführungen mit der Maus darauf verlasse, ohne optisch kontrollieren zu müssen.

Mit der ca. 10fachen Vergrößerung, die ich in der Regel verwende, sehe ich nur noch entweder Kopf, Bauch oder Füßchen von dem Vogel, weiß aber durch den hohen farblichen Kontrast immer, wo ich mich gerade mit meinem Mauszeiger befinde. Meine linke Hand weiß ebenso genau, wie viele Millimeter sie sich bewegen muss, um von einem zu einem anderen Fenster zu gleiten, ich führe stets gleich lange, nie hektische Bewegungen auf meinem Mauspad aus, um zu einer bestimmten Stelle auf dem Fenster zu gelangen, das ich gerade verwende. Dabei wechsle ich trotzdem oft die Stufen der Vergrößerung, denn der geringe Ausschnitt, der nach einer 10fachen Erhöhung noch bleibt, ist manchmal in der Breite nicht ausreichend, um bspw. komplette Dateininformationen zu erfassen. Die Nasen-Technik erweist sich gerade dann immer noch als die praktikabelste. Ich klebe meine Nase also quasi an den Bildschirm, um die Informationen lesen zu können, ohne eine Vergrößerung einzusetzen.

Die meisten Tücken enthalten Programme, die so gestaltet sind, dass nur beim Darüberfahren mit der Maus gewisse Handlungsoptionen erscheinen, die aber wieder verschwinden, sobald sich der Mauszeiger wieder außerhalb des betreffenden Fensters befindet.

Zur Webkonferenz: Ich sitze vor meinem mit Webcam ausgestatteten Notebook, das einen für mich winzigen Bildschirm hat. Dieser ist zusätzlich geteilt, wenn mehrere Personen an einer Besprechung teilnehmen, und rechts unten sollte ich in der Regel noch mich selbst sehen, wie ich für die anderen erscheine. Für mich sind all das nur Schemen, ein paar unterschiedliche Farbtupfen auf einem Bildschirm. Besser erkennen kann ich das Bild, wenn ich links auf meinen externen Monitor blicke, der immerhin stolze 28 Zoll aufweist. Mit welch großer Freude ich einmal, versehentlich auf das Bild einer Sprecherin bei einer solchen Konferenz mit der Maus gelangt, aus dem Augenwinkel einen roten Punkt und ein paar andere winzige Symbole erspähte, kann ich kaum sagen. Ah, hier kann ich Kamera, Mikro, Personen steuern, kann aus- und einschalten. Bewegt man dann aber die Maus 1 min oder weniger nicht mehr, verschwinden diese Symbole wieder. Um sicher zu gehen, ob die Kamera wirklich ausgeschaltet ist, muss die Nasen-Technik eingesetzt werden. Natürlich nicht am Notebook mit verräterischer Webcam sondern an dem braven verschwiegenen Monitor. Hat aber zur Folge, dass die Gesprächspartner_innen im schlimmsten Falle meinen Popo sehen, wenn ich aufstehe und mich nach links beuge, um das Bild auf dem Monitor genau in Augenschein zu nehmen. Nach dreimaligem Üben habe ich jetzt eine Technik etabliert, bei der ich nicht mehr aufstehe sondern mich wegdrehe, um mich darum zu kümmern, Mikrophon oder Kamera auszuschalten, so dass nur noch meine Schulter im Auge der Webcam sichtbar ist.

Während ich mit einer 10fachen Vergrößerung auf dem Monitor eine der Gesoprächspartner_innen relativ deutlich sehe, gibt dieselbe Vergrößerung auf dem Notebook nur noch einen winzigen Ausschnitt der Person wieder, bei großer Treffsicherheit ist dies ein Teil des Gesichts, bei kleinerer der Hals oder die Zimmerdecke oder das Regal im Hintergrund. Ich muss mich nun entscheiden, ob ich in diese oftmals sehr bizarre Vergrößerung der Anwesenden starre, damit sie mich sehen, wie ich in die Kamera schaue, oder ob ich in eine andere Richtung spähe, um die Gesprächspartner_innen zu sehen. Bei der letzten Webkonferenz habe ich hingegen die Vergrößerung ausgestellt und so getan, als würde ich dem Gespräch auch optisch folgen. Ziemlich kräftezehrend und gleichzeitig in hohem Maße unbefriedigend, stundenlang vor einem Notebook zu sitzen und bunten Punkten zuzulächeln, abwartend oder auffordernd zu schauen, wo doch das Gegenüber nicht mal schemenhaft wie am Küchentisch vorhanden ist. So habe ich entdeckt, dass die gegenwärtig einfachste Technik für mich ist, meinem Wellensittich zuzulächeln, der zwischen all den Fenstern im Hintergrund noch halb zu sehen ist. Denn das Bild von ihm kenne ich so gut, dass ich seine Präsenz am Bildschirm nicht kontrollieren muss. So erfährt der schon seit 4 Jahren verblichene kleine ehrenwerte Mikke noch immer eine gewisse Zuwendung, wenn sie auch hier zweckgebunden ist. Gleichzeitig bin ich davon abgelenkt, dass ich eigentlich zwei Präsenzen ausfüllen muss: diejenige, die ich selbst bin und diejenige, die ich für die Gegenüber bereitstelle. Zwischen mir und dem Bild, das irgendwo in Basel, Frankfurt oder Göttingen ankommt, gibt es in meiner Vorstellung keine Brücke.

Aber in den Moment, wo ich die Kamera abschalten kann, habe ich exakt das Gespräch, das ich mir so oft nicht nur bei Webkonferenzen wünsche. Ich kann an meinem Nasenring drehen, kann meine Fingernägel säubern oder den letzten Mückenstich begutachten, während mein Ohr und mein Kopf ganz bei der Diskussion der Konferenz weilen. Ich bin sichtbar und doch unsichtbar. Ich kann wählen, ob ich gehört werde, ich kann meine optische Anwesenheit abstellen, wenn es zu anstrengend wird, meine Konzentration zwischen dem Inhalt des Gesprächs und der Sorge um meine virtuelle Präsenz aufzuteilen. Eine Technik, die bei den anderen Teilnehmer_innen unterschiedliche Reaktionen hervorruft, und manchmal spüre oder bilde mir ein zu spüren, dass meine optische Präsenz wichtiger ist als mein Unbehagen dabei, so dass ich wieder mit meinem Mikke diskutiere.

Alles also wieder mal mehr als uneindeutig, als dass ich eine klare Position pro oder contra zu entwickeln könnte. Dazu kommen weitere Themen, die hier bisher keine Erwähnung fanden und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufgegriffen werden. Ich habe bspw. bisher kein Wort über die Aussagekraft der materiellen Kultur des eigenen Arbeitszimmers gegenüber Untergebenen oder Vorgesetzten etc. getroffen. Verliert ein Schüler den Respekt vor ihr, wenn er den kitschigen Nippes auf dem Kaminsims seiner Lehrerin sieht? Beginnt eine Vorgesetzte sich vor ihrer Arbeitnehmerin zu ekeln, wenn ihr deren ungeputztes Fenster oder ihre lippenstiftverschmierte Tasse auffällt? Wie gesagt, vielleicht komme ich dazu noch zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich halte mich bewusst von jeglichen Ratgebern bzgl. der perfekten Videokonferenz fern, denn allein aus diesem Blogbeitrag habe ich gelernt, dass diese Form von Ratgebern mich nur wieder in die Rolle zwingen würde, vor der ich mich täglich ein Stückweit zu befreien suche. Derlei generalisierte Handlungsempfehlungen mögen für viele erforderllch und sinnvoll sein, ich suche mir meinen Weg durch den Schlamm des Sehungeheuerlichen.

Der Mundschutz oder: Wie ich zuhöre

Im Angesicht einer Lungenkrankheit, die inzwischen fast 1 Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll, über das eigene unbedeutende Dasein und dessen Verschlechterung zu klagen, scheint gegenwärtig mehr als unangebracht. Und ich tue dies auch nicht. Wie gewohnt stelle ich mir Fragen, taste mich durch das Dickicht von Vorbehalten, Ängsten und Medienberichten, die meine Phantasie Horrorszenarien entwerfen lassen… Und ich taste mich hindurch im Bemühen danach sie zu verstehen, all die Sorgen, die nun mal auch mich als sehbehinderten Menschen (oh wie ich es hasse, diesen Begriff immer wieder und wieder anzuführen) in den letzten Wochen begleiten.

Die Folgen der physischen Distanz zwischen zwei Individuen habe ich im letzten Blog ausführlich geschildert. Heute möchte ich einen anderen Aspekt beleuchten, der mir seit Mittwoch den Schlaf raubt: die Mundschutzpflicht.

Wenn ich auch wenige Menschen persönlich kenne, die meiner Peergroup (im soziologischen Sinne) angehören, so habe ich doch den Eindruck gewonnen, dass Seheingeschränkte Stimmexpertinnen und -experten sind, Stimmen und den Gebrauch von Worten miteinander in Beziehung setzen, den Kontext des Gesprächs in ihre Überlegungen mit einbeziehen und daraus die Motive und Regungen des Gegenübers außerordentlich differenziert herausfiltern. Eine winzige Veränderung der Tonhöhe eines einzelnen Wortes im Sprechfluß liefert Informationen, die der Sprecher oder die Sprecherin womöglich nicht intendierte; ein Entweichen der Luft, das nur eine Nuance lauter ist als der Atem, aber noch längst nicht als Seufzer interpretiert werden kann, gibt dem aufmerksamen Zuhörer und der aufmerksamen Zuhörerin Aufschluss über den Gemütszustand des Gegenübers. Wenn ich es wüsste, aber hier bewege ich mich auf ganz dünnem Eis, dann würde ich behaupten, dass Gesichtsausdrücke weit mehr kontrolliert werden können als die akustische Mimik. Den meisten Menschen entzieht sich meines Wissens nach gar die Kenntnis ihrer bloßen Existenz, denn sie ist weit mehr als bewußter Einsatz von Stimme in Kombination mit Worten, Begriffen oder inhaltlichen Kontexten. Gerade Emotionen wie Geringschätzung, Abscheu, Ungeduld, Vergnügen, Unkonzentriertheit, Begeisterung, Hingabe lassen sich in meiner Wahrnehmung nur mit großer und sehr bewusst unternommener Anstrengung aus einer stimmlichen Momentaufnahme heraushalten. Zumindest sind es die genannten Gefühle, die ich persönlich leicht aus Gesprächen mit meinen Mitmenschen herausfiltern kann. Ich setze diese Filter natürlich in Relation zu mir selbst und stelle in Frage, warum ich gerade diese und nicht andere Emotionen besonders intensiv höre. Siebe ich nur diejenigen Emotionen aus anderen Stimmen aus, die mich zu Reaktionen veranlassen, die mich warnen, ermuntern, bremsen, motivieren, zum Handeln auffordern wollen? Vielleicht sind es auch nur die Begriffe, die eine Emotion erst zu einer solchen werden lässt. Ungeduld wird erst zum Vorwurf in einer Unterhaltung, wenn sie als solche benannt wird und somit einer Rechtfertigung bedarf. Aber die Unzulänglichkeit von Begriffen im Zusammenhang mit gehörten Emotionen ist nicht Thema des heutigen Blogs.

Ich will versuchen, den Vorgang des Hörens und Verarbeitens in meinem sehungeheuerlichen Hirn einmal genau zu beschreiben: Ich unterhalte mich mit Person A über ein Thema, nennen wir es heute der Einfachheit halber Covid 19. Ich höre ein Zittern in der Stimme meiner Telefonpartnerin bei dem Wort „Kinder“ und gehe im Geiste alle Emotionen durch, die ich mit Person A im Zusammenspiel von „Stimme zittert“ und „Kinder“ verbinde. Ist die Person jemand, der energetisch eher hoch getaktet ist und dessen Stimme zum Umkippen neigt, weil sie die Wut nicht aus ihr heraushalten kann? Ist sie wütend über den zu geringen Schutz von Kindern? Hat sie sich jüngst über Kinder geärgert? Oder handelt es sich um eine verzagte oder ängstliche Person? Ist der Gedanke an Kinder für die Person aus welchem Grund gerade so akut belastend, dass sie mit den Tränen kämpft oder steckt noch etwas anderes dahinter? Blitzschnell repitiere ich den gewählten Wortlaut von Person A, präge mir die von ihr benutzten Begriffe und den Moment des wahrgenommenen Zitterns ein und versuche, je nach Beziehung, die ich zu der Person habe, mit vorsichtigen Fragen oder Hinweisen eine Erklärung für die Stimmschwankung zu finden. Ich versuche also gleichermaßen auf Inhalt und Form zu reagieren, die sich mir im stimmlichen Profil von Person A mitgeteilt hat.

Die Frage „Warum hast Du so ein Zittern in der Stimme?“ hat nur sehr selten eine ehrliche Antwort zur Folge, und sie funktioniert nur bei sehr engen Freundinnen und Freunden. Allein die Antwort auf eine weniger eindeutlig gestellte Frage wie „Irgendwas stimmt grade nicht, das hör ich doch“ ist schon ernüchternd, streiten es doch die allermeisten Menschen ab, wissen nicht um ihre verräterischen Stimmschwankungen. Mich beschleicht indess bisweilen der Verdacht, ich höre da schon die Flöhe husten, für mich kündigt sich etwas an, bevor die stimmlich abgebildete Emotion meinem Gegenüber bewusst wurde.

Andere wiederum empfinden es als Trick, wenn ich ihnen auf den Kopf zusage, „ich höre da etwas in Deiner Stimme“, um etwas aus ihnen herauszukitzeln oder eine Aussage über etwas oder jemanden zu erzwingen, die sie ihrer Ansicht nicht zu machen vorhatten. Ich bin die Lauscherin an der Wand und muss mich dann nicht wundern, meine eigene Schand zu hören. Ich bin hier in zwei gerissen. Auf der einen Seite fühle ich mich verletzt, dass mein Ohr nicht ernstgenommen wurde, hörte ich doch eine klar für mich identifizierbare Emotion. Auf der anderen Seite frage ich mich, warum ich in diese oder jene Unterhaltungssequenz etwas hineininterpretiere, was womöglich eher oder ausschließlich mit mir und meinen Unsicherheiten zu tun halt als mit dem Gegenüber.

Sollte sich hier irgendjemand fragen, wie ich bei all den Informationen, die ich neben dem rezipierten Inhalt eines Gesprächs aufnehme, noch klar im Kopf sein kann… Bitteschön, ich habe nie behauptet, klar im Kopf zu sein. Nur die lautesten leisen Töne eines Gespräches zeichne ich auf und verarbeite sie zu Informationen, auf die ich reagieren muss. Es gibt die, die ich wahrnehme und zu Gunsten des Inhaltes ignoriere, diejenigen, die ich anspreche, und natürlich gibt es zu 100% all diejenigen, die ich selbst überhaupt nicht antizipiere. Aber zu lernen und immer wieder besser zu werden als tags zuvor, das ist etwas, das mir jeden Tag neuen Auftrieb verschafft.

Achja, Mundschutz – was hat das alles mit Mundschutzpflicht über mehrere Monate zu tun?

Abstand halten, Hilfe annehmen – n Scheiß muss ich! Oder doch?

„Ich geh gern für dich einkaufen“, „Wenn Du Hilfe brauchst“, „Sollen wir uns mal treffen und uns 1,5m auseinander setzen und ein bisschen quatschen?“

Zuerst bedenken wir einmal die derzeitige Situation und erinnern uns an den letzten Blogeintrag, in dem ich ausdrücklich darauf hinwies, dass angesichts der gegenwärtig herrschenden Corona Krise die Thematik des Blogs keine akute Brisanz aufweist. Außerdem finden durch das social distancing gegenwärtig nur wenige Begegnungen zwischen der Umwelt und mir statt. Und ich meide sie auch bewusst, entziehe mich derlei Angeboten aus meinem Freundeskreis. Kann ich beim Einhalten der gegenwärtig herrschenden Regeln doch kaum meine kommunikative Kompetenz einbringen, wo visuelle Kommunikation dominant ist.

Zu abstrakt?

Ich habe die letzten beiden Wochen immer wieder darüber nachgedacht, warum ich es so entsetzlich finde, mich mit meinen Freunden und Freundinnen zu treffen, mich ihnen aber nur bis auf eine Distanz von 1,5m zu nähern. Wer nicht in das Gesicht eines anderen Menschen schauen und seine Emotionen davon ablesen kann, entziffert diese aus seiner Stimme und reagiert, wie ich meine, mindestens so sensibel darauf wie der oder die Sehende auf Mimik. Wer auf die Körperbewegungen eines anderen Menschen nur aus der Nähe reagiert, Gesten, Veränderungen von Sitzpositionen etc., für den verliert das Gegenüber mit steigender Distanz an Individualität. Eine Person wird nicht mehr als einzigartiges Subjekt identifiziert sondern verschwimmt zu einer generalisierbaren Kontur des Homo sapiens. Sehe ich meine Freundin Sonja aus der Nähe meiner Ansicht nach recht gut, für mich völlig normal, weil ich sie ja nie anders wahrgenommen habe, löst sich ihre Person in einer Entfernug von 1,5,m in einen Nebel aus hell und dunkel auf, wird zu einem Teil der undefinierbaren und undefinierten Umgebung, für die ich mich genau aufgrund ihrer Unbestimmbarkeit nicht sonderlich interessiere. Dazu kommt die akustische Distanz, filtern 1,5m Abstand doch für mich relevante Informationen über das Befinden meines Gegenübers aus der Stimme heraus, so dass ich nicht mehr angemessen auf es reagieren kann, wie ich finde. Das instinkte Näherrücken an eine Person im Moment des Nicht-Hörens ist mir in den letzten beiden Wochen zweimal passiert, das Zurückweichen des Gegenübers empfand ich dabei als sehr demütigend und gleichzeitig als distanzlos meinerseits.

Wirklich interessant daran finde ich die Überlegung, dass in meiner Wahrnehmung offenbar physische Präsenz ab einem gewissen Abstand zwischen mir und dem Gesprächspartner oder der Gesprächspartnerin massiv an Bedeutung einbüßt. Denn nun ist es ja so, dass ich in meinem beruflichen Alltag permanent mit Begegnungen beschäftigt bin, die das Maß von 1,5m bei weitem überschreiten. Welche Bedeutung messe ich ihnen bei, wenn sie sich mir nur unspezifisch und nebulös präsentieren? Bin ich genau aus diesem Grund in Sitzungen viel mehr an den Inhalten des Gesagten als an den Sprecherinnen und Sprechern und ihren Motiven interessiert? Kopple ich ihre Aussagen, Meinungen, Lösungsvorschläge, aber auch ihre Eitelkeiten und ihr Hierarchiebestreben von ihren Personen ab und ordne sie dem Kontext des Problems oder der Sitzung zu? Schwierig, in situ so etwas zu denken, dafür bräuchte ich Sitzungen, gibt‘s grade nicht im Angebot.

Heute, in diesen schwierigen Zeiten, sagen viele von uns „Danke“ zu den sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen, die die Gesellschaft am Laufen halten, indem sie in Kliniken, der Kinderbetreuung, in Arztpraxen oder Supermärkten die Stellung halten. Viele sprechen bereits jetzt von einem breiten gesellschaftlichen Umdenken, einer Veränderung im Bewusstsein jedes und jeder einzelnen für die Bedürfnisse der Schwächeren, diagnostizieren eine höhere Hilfsbereitschaft, selbst wenn diese in der Zeit von sozialer Isolation und dadurch der individuellen Bedeutungslosigkeit der Selbstaufwertung dient.

Die gute Nachricht ist, Du musst nicht mal absichtlich die Probe aufs Exempel machen um zu sehen, wie weit die Hillfsbereitschaft geht. Meine mühsam erarbeitete Autonomie aufzugeben, davon sprach ich in meinem letzten Beitrag, ist ein großes Opfer, das ich in dieser Zeit der Corona-Krise bringen soll. Manchmal mag ich, öfter aber mag ich‘s nicht bringen. So begab ich mich auch gestern wieder einmal auf die Jagd nach Klopapier und anderen Versorgungsgütern des täglichen Lebens. Spazierte beschwingt auf dem Trottoir dahin, sah aus der Entfernung ein grünes Blattwerk in Kopfhöhe, dem ich mich langsam näherte, schenkte ihm aber weiter keine Beachtung. Bis mich dieses Blätterdach mit voller Wucht am Kopf traf, eine knorrige Astgabel hatte sich hinter den zarten jungen Blättern verborgen. Finger an den Schädel legen, okay, kein Blut, nur Schmerz. Ich stand zehn Minuten reglos neben dem bösen Baum und versuchte mich zu sammeln. Aus meinen vergangenen Erfahrungen würde ich sagen, dass eine verstörte tränenübertströmte Frau, die mit Langstock neben einem Zaun steht, durchaus die Aufmerksamkeit der vorbei radelnden oder laufenden Pasanten erregt hätte. Nicht so in Zeiten des social distancing. Wüsste ich nicht um die Kraft der Einbildung, würde ich sogar behaupten, dass ich absichtlch übersehen wurde, denn los war wahrlich genug auf diesem Geh- und Radweg.

Ich weiß gar nicht, was ich im Nachhinein schlimmer fand: den Schlag gegen den Kopf oder die Demütigung, völlig hilflos und gleichzeitig unbeachtet in der Öffentlichkeit verharren zu müssen. Das kratzt am Stolz, ohja. Diesen habe ich damit befriedigt, dass ich danach nicht difrekt nach Hause gestolpert bin sondern die Zähne fest zusammegebissen und die Einkaufsnummer durchgezogen habe. Aber künftig in das allgemeine „Haleluja, die Welt wird angesichts der Katastrophe sozialer“ einzustimmen, dieser Versuchung werde ich wohl nicht mehr erliegen.

Was mich übrigens nachhaltig verstimmt, ist die Ausweglosigkeit aus dieser Situation, die ich täglich neu abwägen muss. Geh ich selbst mit Risiko, geh ich nicht und bin angewiesen auf Zeitslots, Ladenwahl und Konzentration der hilfsbereiten Einkäufer_innen, darf ich überhaupt Ansprüche stellen an Hilfsbereite…, warum muss ich mich überhaupt mit derlei befassen?

Ein Letztes: Vorhin hörte ich in einem Podcast über Sehbehinderung in der Corona-Krise folgenden, frei wiedergegeben Satz: „Sehbehinderte und Blinde haben selbst in der Corona-Krise den Wunsch nach Autonomie.“ Ach ne! Na, sowas, wie das denn? Ist es so ein Frevel, autonom sein zu wollen? Muss ich mich in diesen schwierigen Zeiten an die Vorgaben und gebotenen Abstände halten? N Scheiß muss ich! Oder doch?

Alle simmer gleich – im Angesicht des Virus – das 1,5m Problem

Natürlich kann ein Blog am 20. März des Jahres 2020, sollte es nicht das letzte sein, das dieser Planet bevölkert erleben wird, nicht ohne die Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage und der Bedrohung durch COVid 19 geschrieben werden.

Ich befinde mich in einem Gewissenskonflikt, den ich an den Anfang stellen möchte: Der Blog als solcher ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Sichtweisen und Alltagshemmnisse eines sehbehinderten Menschen darzustellen und zu reflektieren. Er beinhaltet also hier eine gwisse thematische Einschränkung von vorneherein. Welchen Stellenwert aber haben diese persönlichen Sichtweisen, die auch in Zeiten der gegenwärtigen globalen humanen Krise andauern, noch im Angesicht derselben? Noch bin ich gesund, noch kenne ich niemanden, der an dem Virus erkrankt ist, im Sterben liegt oder gehen musste, noch ist meine soziale und ökonomische Situation nicht im Mindesten bedroht, noch habe ich nicht psychisch allzu sehr unter der sozialen Isolation zu leiden. Wie kann ich es mir anmaßen, mich angesichts einer soviel gravierenderen Katastrophe noch immer noch mit mir und meinen Einschränkungen zu befassen, die doch gegenwärtig so unbedeutend und irrelevant sind? Warum tue ich das? Ganz einfach: weil ich‘s kann. Weil es zur psychischen Hygiene gehört, und weil es vielleicht ein interessantes Zeitdokument werden kann, wie jeder und jede es heute schreiben könnte, der oder die diese Zeit erlebt. Dennoch bin ich mir dessen bewusst, dass das, was nun folgt, aus einer prinzipiell extrem komfortablen Position heraus geschrieben und gedacht wurde. Eine Position, wie sie gegenwörtig wahrlich nicht alle Menschen auf diesem Planeten haben, denen mein Mitgefühl hier gehört.

Schon kurios, was der Kopf mit einem Geist so veranstaltet. Eigentlich bin ich eine Stubenhockerin, die soviel lieber im Kopf spazieren geht als in der Sonne. (Die Stolperfallen im Kopf führen zwar auch bisweilen zum Sturz und zu Verletzungen, sind aber meist mit weniger und eigenem Engagement heilbar.) Seitdem uns eine baldige Ausgangssperre droht, bin ich zur Frischluftfanatikerin geworden, als würde ich nochmal so viel Natur und Sonne einsaugen wollen, wie es irgend geht. Ich lasse mich sogar auf Expeditionen mit dem Navigationsgerät für Fußgänger_innen ein, wage mich auf unbekannte Pfade und empfinde größte Befriedigung an den Herausforderungen fremder Kreuzungen, Kurven und Wege, die auf diverse Privatgelände führen. Meine Abenteuerlust diesbezüglich lässt sich nur schwer zügeln, so machte ich mich auch gestern wieder auf den Weg in ein mir persönlich nur sehr schemenhaft bekanntes Einkaufszentrum ca. 3km von zu Hause entfernt. Das herrlich Sportliche daran, die korrekte Route nicht direkt zu finden, denn so ein Navi ist ja auch schnell zu irritieren und irritiert dann mit falschen Aussagen, ist der Umstand, dass ich immer mind. einen Kilometer mehr laufe als diese Angabe. Nach einer Stunde war ich am Ziel und musste sehr schnell feststellen, dass der Eingang des Supermarkts einer Schleuse für ein Konzert glich, überall Absperrgitter, Sicherheitsleute, immerhin keine Taschekontrolle. Als ich sie um Hilfe bat, eröffnete sich mir das erste Problem. Ich durfte mich ihnen nicht so nähern, als dass ich eine für mich akzeptable Distanz erreichte, um ein Gespräch zu führen. Die 1,5m geforderten Abstandes zwischen zwei Menschen sind genau die Entfernung, in der ich einen Menschen gerade so nicht mehr erkennen kann. Nach der für mich etwas uneindeutigen Kontaktaufnahme mit dem Supermarkt-Security-Guy wurde mir mitgeteilt, dass ein Einkaufswagen unerlässlich sei, denn maximal dürften gleichzeitig 250 Personen in den wirklich großen Supermarkt. Nun bin ich keine Freundin eines solchen, das Rangieren damit zwischen Regalen und Füßen ist für mich reine Konzentration. Aber nach 4km Walking war ich nicht bereit aufzugeben und sagte das dem sehr freundichen Burschen, der sich zwar entschuldigte, als ich ihn auf die erhöhten Schwierigkeiten für seheingeschränkte Menschen hinwies, der aber keine Idee für die Lösung meines Problems hatte. Im Laden war dann alles gleichzeitig einfach und zutiefst demütigend. Keiner wollte niemandem nahkommen, das nahe Halten unbekannter Produkte an die Augen löste in mir Unbehagen aus, da ich ja potenziell dieses Produkt mit meinen Tröpfchen verseuchen könnte, und jemanden zu fragen, ob der von mir ausgewählte Eisbergsalat frisch aussieht, war natürlich undenkbar. Ich stellte mir kurz vor, ich würde ihn einer Person, die gebührenden Abstand zu mir hielte, zuwefen und ihr zuschreien, sie möge doch so nett sein und ihn auf faule Stellen inspizieren. Aber wie bekäme ich ihn zurück, bin ich doch im Fangen schon im Sportunterricht ne Null gewesen. Naja, das auch undenkbar, hatte ich ja keine Handschuhe an. Einziger Höhepunkt das nahezu leergekaufte Regal mit Teigwaren, so schnell habe ich meine Kichererbsen-Spirelli noch nie gefunden, waren sie doch zwischen den Lücken leicht identifizierbar.

Auch den Gang nach Kanossa, zur Kasse, hatte ich mir vorher ebensowenig überlegt wie die Konsequenzen des Abstandes von 1,5m zwischen mir und meinen Mitmenschen. Nachdem ich, natürlich folgsam meinen Abstand haltend, einer Person hinterhergeschlichen war, die offensichtlich zur Kasse wollte, stand mitten im Gang ein kniehoher Aufsteller, der eine Botschaft, offensichtlch Handlungsanweisungen, aufwies. Gewusst habe ich das natürlich nicht, nur aus dem Kontext heraus erschloss sich mir, dass es wohl kein Werbeschild sein könnte. Nachdem ich mich heruntergebeugt und das Schild womöglich mit meiner Nase infiziert hatte, war ich nicht sehr viel schlauer, denn es wurde auf für mich nicht existente Markierungen hingewiesen, die sich am Fußboden befänden und die eingehalten werden sollten. Ja, schön, dachte ich, sagte zu dem hinter mir stehenden Jüngelchen (an seinem Gequengel am Smartphone akkustisch eindeutig identifizierbar), ich könne die Markierungen nicht sehen. Ich weiß nicht, ob ich laut genug gesprochen habe, ich weiß nicht, ob sonst jemand in der Nähe war, denn ab 1,5m ist niemand mehr in meiner Nähe. Auf jeden Fall reagierte niemand auf meine Frage und Bitte, es handelte sich bei meiner Äußerung um nichts mehr als um einen Schwall ins All. Meine Unsicherheit und den angesichts der drohenden Ausgangssperre etwas bizzar klingenden formulierten Wunsch „ich will nach Hause“ niederringend versuchte ich daher, die Frau vor mir nicht aus dem Auge zu verlieren und alles korrekt nachzumachen, was sie tat. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass es keine Trennschilder mehr gibt, welche den einen vom nächsten Einkauf abgrenzen, wartete ich auf eine Aufforderung der Kassiererin, die sonst immer kommt, wenn ich mit Langstock einkaufen gehe, die Waren auf das Band zu legen. Aber auch diese war offenbar von der Situation gänzlich überfordert, versteh ich ja auch alles. Nachdem die Prozedur des Einschichtens der Waren in den ungeliebten Wagen und des Bezahlens abgeschlossen waren, sah ich mich einem weiteren Problem konfrontiert. Die Waren mussten ja nun noch in meinen Rucksack gepackt werden, doch gab es keinen Platz, an dem ich das in Ruhe erledigen konnte: Überall dort, wo ich einen freien Ort erspähte, der nicht den Weg der anderen Einkäufer_innen versperrte, stand ein Mensch, und dann musste ja erst mal wieder Abstand gehalten werden. Bis ich endlich registriert hatte, dass sich andere Menschen eines frei gewordenen Platzes bemächtigten, obwohl ich wartend in der Nähe stand, verging eine ganze Weile. Da ich aber inzwischen wieder quietschfidel am heimischen Küchentisch sitze, dürft Ihr getrost davon ausgehen, dass ich auch diese Herausforderung mit Zeit und Geduld gemeistert habe.

Fazit: Das mache ich nicht mehr. Eine neue vorherige Analyse jeder meiner Ausflüge wird künftig vonnöten sein, ich werde mir Pläne B für jede Situation im Kopf zurechtlegen müssen, die mit Hilfestellungen von Menschen verbunden ist, die ich im Alltag bisher in Anspruch nehmen konnte. Der Verlust meiner Autonomie ist der Preis, den ich während dieser Krise zu zahlen haben werde, und dieser ist nicht ganz so niedrig. Gerade in dieser Minute stelle ich fest, dass mein Lieblingstee nur noch in homöopathischen Dosen in der Teedose vorhanden ist, jetzt nicht einfach rasch selbst in den Supermarkt zu springen, ärgert mich. Der Impuls, es selbst zu versuchen, ist ungemein dominant, doch ich werde ihm jetzt nicht mehr nachgeben. Also entweder darauf verzichten oder jemanden bitten ihn zu besorgen (undenkbar, jemanden nur für Tee zu behelligen). Wie sehr ich die Bitte um Hilfe verabscheue, hab ich vielleicht das eine oder andere Mal hier schon erwähnt. Aber irgendwie ist es jetzt auch ein klein wenig anders: Soviel mehr Menschen brauchen gegenwärtig Hilfe oder bieten diese an. Vielleicht wirkt diese Form der sozialen Verantwortung und des gegenseitigen Aufeinander-Achtgebens angesichts einer Krankheit, die jede_n von uns treffen kann, auf unsere gesamte Gesellschaft ein, warten wir‘s ab.

Ich muss über mich selbst den Kopf schütteln. Denn offenbar ist es eine Sache, in den News von dem physisch einzuhaltenden Abstand zwischen Menschen zu lesen, und eine ganz andere, sich die Konzequenzen daraus für das eigene Leben zu vergegenwärtigen. Schließlich weiß ich doch, ab welchem Abstand ich mich von anderen Menschen optisch abgeschnitten fühle, ich hätte nun wirklich darauf kommen können, dass 1,5m für mich der kommunikative Overkill sind. Aber ganz ehrlich, wie weit weg 1,5m sind, war mir vorher nie so präsent. Nagut, diese Lektion hab ich gelernt.

Stolz und Vorurteil – gegenüber Hilfe

Fernab aller Generalisierungen versuche ich heute einmal ein Thema anzuschneiden, das schmutzig werden könnte. Ich werde mich also um political correctness bemühen und betone hiermit noch einmal in aller Klarheit, dass es sich nur um meine einzelne Meinung handelt, die ich kundtue. Diese beruht auf (Selbst)Beobachtung, Erfahrung und einer Brise Logik sowie einer gehörigen Portion Pragmatismus.

Im Kontrast zu anderen Lebenswelten werden manche Statements plakativer, so sei mir zu Beginn eine Anekdote aus meiner frühen Jugend gestattet. Fern vom wohl behüteten Elternhaus mal Ferien zu machen ist bestimmt ein Traum vieler Kinder. Der meine ging damals in Erfüllung, als ich mit meinem großen Bruder gemeinsam in ein Zeltlager bestehend aus Behinderten und Nicht-Behinderten fahren durfte. Ich muss so zehn, elf Jahre alt gewesen sein, und es war der Himmel, einmal 2 Wochen der elterlichen Kontrolle zu entfliehen. Vorher waren es christliche Blindenchorfreizeiten, die ich mit Muttern zu absolvieren hatte. Nun, in diesem Zeltlager herrschte ein buntes Treiben aus Rollstuhlfahrer_innen, Blinden, Sehbehinderten, Gehörlosen und nicht versehrten Kindern. Wir waren in Teams organisiert, in denen stets nicht behinderte mit mind. 2 unterschiedlich behinderten Kindern zusammen tägliche Aufgaben zu erledigen hatten. Das konnte Spülen, Klos putzen, Müll wegbringen sein, wir waren für einander verantwortlich, mussten einander unterstützen und lernten auf diese Weise jede Menge voneinander. Als einziges, wenn auch nicht gerade heiteres Beispiel ist mir der Toilettengang mit einer Rollstuhlfahrerin aus unserer Gruppe in Erinnerung. Ich sehe heute noch die buschigen hochgezogenen Augebrauen unseres Nichtbehinderten, Christoph, er war vielleicht so 16, als er angestrengt und gleichzeitig peinlich berührt bemüht darum war, der Rollifahrerin ihre Intimität zu lassen und sie gleichzeitig auf der improvisierten Toilette festzuhalten, während ich dieses auf der anderen Seite tat. Also durchaus auch herausfordernd war es auf diesem Zeltlager.

Nach der Freizeit lauschte ich einer Unterhaltung meiner Mutter mit dem obersten Verantwortlichen. Er meinte, die Blinden und Sehbehinderten seien in diesen Konstellationen von Behinderten und Nicht-Behinderten überhaupt kein Problem, zumeist seien sie alle hoch soziale Wesen. Mit den Gehörlosen indess sei der Umgang sehr viel schwieriger, da sie ihre Unsicherheit nicht kommunizieren sondern in Aggression und Misstrauen umwandelten, weil sie nie wüssten, worüber gesprochen werde. Noch während dieser Unterhaltung fuhr an den beiden Unterhaltenden ein Rollstuhlfahrer vorbei und bog auf einen Weg ab, über den ein relativ großer Ast quer lag. Meine Mutter wollte hinzuspringen und den Ast aufheben, der Zeitfreizeitgestalter hielt sie mit den folgenden Worten zurück: „Lassen Sie den liegen, der liegt da genau für diesen Jungen, damit er dieses Hindernis selbständig überwinden kann.“ Damit meinte er nicht die absichtliche Platzierung dieses Hindernisses sondern sein Vorhandensein als Möglichkeit, eine Herausforderung des Lebens anzunehmen und zu meistern.

Während meine Mutter noch heute den ersten Teil dieser Geschichte reproduziert, um mich und wohl eher sich dafür zu trösten, dass sie ein versehrtes Kind hat, erinnere ich mich vor allem an die Geschichte mit dem Stock. Wahrscheinlich hat, das hat die Wissenschaft längst bewiesen, die Geschichte so nie stattgefunden, unverlässlicher als Zeitzeug_innen ist kaum jemand. Spielt aber in diesem Zusammenhang keine Rolle. Denn worauf es mir ankommt, sind die Herausforderungen, die tatsächlichen und die imaginierten, mit denen ein versehrter Mensch, egal, welche Versehrtheit er hat, umgeht und welche Handlungsstrategien er sich bewusst oder unbewusst aneignet, die seinen Charakter beeinträchtigen.

Darf ich als Frau, die oftmals auf Hilfe angewiesen ist, eine unfreudliche, grantige, aggressive Person sein? Wird mir auch dann noch Hilfe zu Teil, wenn ich nicht die wonnige, sonnige, empathische Person bin, als die ich mich in Szene setze? Habe ich gar die Maske von Witz und Freundlichkeit allein deshalb aufgesetzt, damit es den Menschen leicht fällt mir zu helfen? Habe ich sie früh gelernt zu tragen, bis sie zu einem Teil von mir geworden ist? Habe ich aus Angst, dass mir Hilfe verweigert wird, bewusst oder unbewusst beschlossen, ein richtig netter Mensch zu werden, aber so richtig nett? Hat die Tatsache, dass ich immer wieder mal Hilfe werde in Anspruch nehmen müssen, mich zu einem hochsensiblen Menschen für die Bedürfnisse anderer gemacht, damit es wenigstens eine Form von Ausgleich in dieser machtungleichen Beziehung gibt? Du hilfst mir, ich helfe Dir, jede_ r wie er oder sie kann. Du liest mir kleine Schrift vor, ich höre Dir genau zu und befasse mich mit Deinen Angelegenheiten über Gebühr. Dann merkst Du am Ende gar nicht mehr, dass es sich eigentlich um eine ungleiche Beziehung zwischen uns beiden handelt. Ich weiß nicht, wie oft mir Menschen schon bestätigt haben, dass Hilfe selbstverständlich ist. Warum nur kann ich das nicht glauben? Kann ich deshalb nur sehr schwer „nein“ sagen, wenn mich jemand um Hilfe bittet? Habe ich im Hinterkopf stets die Sorge, dass mir zu einem anderen Zeitpunkt wichtige Hilfe verweigert wird, sollte ich einmal ablehnend reagieren?

Ich meine, heutzutage ist das ja alles so einfach geworden im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren. Nur inadäquate und völlig überdimensionierte Hilfsmittel zum Lesen, nur stationäre Telefonzellen, wenn ich mich verlaufen hatte, und dazu natürlich keinerlei Lobby für Menschen mit special needs. Ein Sonderling zu sein war mühsam bis unerträglich und führte oft zu selbstzerstörerischen Gedanken. Denn Hilfe hatte damals noch eine ganz andere Frequenz, strukturierte nicht selten einen Tagesablauf. Das kindliche und jugendliche Ringen um Autonomie, die Phase des täglichen Sich-Ausprobierens, die jeder Mensch in seiner Entwicklung durchläuft, wurde potenziert um die Unsicherheit gegenüber den eigenen Fähigkeiten. Welche Spuren im Erwachsenen haben diese Prozesse hinterlassen?

Natürlich geht es hier um mich, aber ich frage mich doch, inwiefern solche Überlegungen zumindest ein kleines Stückweit generalisierbar sind. Sind Blinde und Sehbehinderte in der Regel hochsozial kompetente Menschen? Und sind Gehörlose hochgradig misstrauisch, glauben nicht an die Verbindlichkeit und den Wahrheitsgehalt des gesprochenen Wortes und fühlen sich umzingelt von unhörbaren und unerhörten Worten? Sind Rollstuhlfahrer_innen gewohnheitsmäßige Kämpfer_innen, die jede Hürde für sich beanspruchen, um sich und ihrer Umwelt ihre Unabhängigkeit zu beweisen?

Ich möchte hier nicht feststellen, dass es die Gesellschaft ist, die etwas und jemanden aus ihren Behinderten macht und dann selbst schuld ist, wenn diese sich nicht so verhalten, wie es in das Raster passt. Schließlich ist ja jeder Mensch immer die Summe seiner Teile, hat genetische Anlagen, eine familiär stimulierende oder hemmende Umgebung, die ihn prägt etc.

Aber an dieser Stelle erlaube ich mir darüber nachzudenken, ob ich ohne Versehrtheit auch ein so zugewandter Mensch wäre, mit dem sich andere gern umgeben, weil ich witzig und einfühlsam sein kann, weil ich ihnen viel Platz einräume. Keine Ahnung, jede_r von uns findet ja letztlich seine und ihre ganz eine Strategie, um sich die Unwelt zu Willen zu machen.

Übrigens ist mir an dieser Stelle ganz klar, dass nicht die Behinderten allein den Anspruch darauf erheben dürfen, dass sie von der Umgebung geformt werden. Ganz klar, jeder Mensch wird das. Ich will hier auch nicht davon sprechen, dass wir behinderten Menschen diesbezüglich Opfer sind, die sich aufgrund ihrer Bedürfigkeit besonders stark an genormte Regeln anpassen müssen, weil uns sonst Hilfe verweigert wird. Ich stelle mir nur Fragen, warum jemand so oder so ist. Ich bin nämlich der Auffassung, dass Einschreibungen in die kindliche Seele, egal ob es sich um Anders-Erfahrungen aufgrund von Krankheit, Scheidung der Eltern, Hautfarbe, Religion oder was auch immer handelt, dauerhaft im Handeln prägen. Und wenn jemand weiß, dass er sein Leben lang auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein wird, hat das Konsequenzen auf seine charakterliche Entwicklung?

Wieviel Hilfe anderer ist nötig, wieviel Autonomie möglich? Wenn ich an all die Menschen in meiner Umgebung denke, wie ungern und selten sie sich helfen lassen, dann komme ich unweigerlich zu dem Schluss, dass Hilfe anzunehmen stark mit dem Bestreben nach Autonomie verknüpft ist. Und mit Stolz.

Es ist dieser Balanceakt, gleichzeitig stolz zu sein, Hilfe dennoch zu benötigen und diese Bedürftigkeit In ein akzeptables Maß an sozialem Kontakt zu transferrieren, die mich wohl zu einem zugewandten Menschen gemacht hat. Aber zum Stolz ein andermal.

Jung oder alt, dünn oder dick, groß oder klein – Kriteriensuche

Vor ein paar Wochen stolperte ich aufgrund der arbeitsbedingten abendlichen Erschöpfung wenig willensgesteuert in eine Dokumentation über ungleiche Paare. Wurden auch treu und brav alle Klischees bedient, die man/frau sich unter einer solchen Überschrift wünschen kann, naja, eine blinde Pianistin mit einer tauben Malerin als Partnerin haben noch gefehlt. (Überhaupt kommen wohl homosexuelle Beziehungen noch immer ungern im Ersten Deutschen Fernsehen vor.) Aber große Frau mit kleinem Mann, junger Mann mit fast 20 Jahre älterer Partnerin, LKW-Fahrer mit Ärztin. Wirklich beeindruckt hat mich die große Frau: sie erzählte von ihrem Kennenlernen, wie sich ihr jetziger Mann bei einer Karnevalsveranstaltung einfach auf einen Stuhl stellte und sich mit ihr zu unterhalten begann und dies so kommentierte, jetzt könnten sie ja wohl auf Augenhöhe miteinander sprechen. Sie berichtete, dass sie sich noch nie so gut mit einem Menschen unterhalten hätte, was sie schließlich trotz der 25cm Größenunterschied und der daraus folgenden Diskriminierung alle Zweifel über Bord werfen ließ.

Da haben wir es doch wieder: der schönste Hintern tröstet eben nicht, wenn du am Boden liegst. Da brauchts schon etwas mehr, Menschlichkeit, Mitgefühl, Engagement für den anderen Menschen. Puh, klingt das moralisch, könnte auch aus einem Diät-Forum stammen, akzeptiere dich, wie du bist, die wichtigen Werte sind die inneren. Aber mach was aus dir, das dir auch äußerlich gefällt.

Jetzt kommen wir zu dem Punkt, der in diesem Blog von Interesse ist. Was gefällt MIR denn äußerlich, was zieht MICH denn an? Schöne Stimme, klar, bewegliche Silhouette, angenehmer Körpergeruch, aber ist das äußerlich? Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht so sehr, sind doch die Kriterien der Mehrheitsgesellschaft viel zu dominant, als dass sie einfach von mir ignoriert werden könnten. Selbst wenn ich sie nicht sehe, plappere ich sie nach, bestätige ihre für mich eigetlich nicht existente Relevanz. Auch ich sage „Du siehst aber heute gut aus, so ausgeschlafen und erholt“, „Holla, was haste dich heute hübsch gemacht“ oder „Na, gesterrn Abend zu lang gefeiert? Bist ein bisschen grün um die Nase“… Ich will nicht bestreiten, dass mir manchmal Details am Aussehen von jemandem auffalen, aber sie sind diffus und tragen eigentlich nicht zur Erkenntnisgewinnung bei. Erst im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, jemand atmet tiefer als sonst, jemand bewegt sich etwas exaltierter als sonst, jemand dünstet noch die Schäpse des vorherigen Abends aus… diese Informationen überführe ich in „sichtbare“ Kriterien, so dass sie für die andere Person verstehbar werden. Wie würde ein Gespräch, das nur zwischen Tür und Angel stattfinden soll, ausufern, wenn ich sagen würde: „So tief wie du heute atmest, hast du gut und erholt geschlafen.“ So sage ich einfach „Siehst Du aber wach und erholt aus“, die andere Person freut sich und fertig.

Das bringt mich unweigerlich zur Frage, welche gemeinhin als mindest zu erfüllende Standards für mich eine reale Existenz haben und welche ich über die Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft angenommen habe und damit natürlich auch reproduziere und bestätige. Ich weiß, in dieser Hinsicht unterscheide ich mich nicht von eben dieser Mehrheitsgesellschaft. Die Diskussion um Magersucht ist nur ein Beispiel für die Zweifel an den aktuell dominanten sozialen Postulaten um Aussehen.

Was aber ist Aussehen? Welche Informationen werden mit dem Aussehen vermittelt und stellen damit Schubladen bereit, in die eine Person eingeordnet werden kann? Nehmen wir beispielsweise das Alter: Ich bin nur sehr bedingt in der Lage, Menschen über ihr Alter zu klassifizieren. Ich bin ja schon froh, wenns mit dem korrekten Gender allein vom Anschauen her klappt, auch da könnte manch schmackhafte wie peinliche Anekdote berichtet werden. Graue Haare, weiße Haare, aha, ein alter Mensch. (Was hat mich die Mode der letzten paar Jahre fertig gemacht, als plötzlich die 20jährigen begannen, sich die Haare grau zu färben.)

Alles, was großflächig am Kopf nicht weiß oder grau ist, ist für meine Sicht entweder Kind, jugendlich oder erwachsen. Falten sehe ich kaum, an anderen gar nicht, an mir nur, wenn ich ein Selfie vergrößere oder den 10fach vergrößerten Spiegel verwende, was ich tunlichst aus diesem Grunde meist vermeide. Aber ich fühle sie, die Falten, hinter den Ohren, auf der Stirn, und in meiner Vorstellung schwellen sie zu Gräben an, zeichnen dunkle Striche auf meine Haut, eine äußerst beunruhigende Phantasie. Aber wenn ich sie nicht sehe, die Falten bei anderen, welche Bedeutung hat Alter dann für mich? Respekt vor der Lebenserfahrung eines anderen Menschen, das ist gewiss. Aber in der täglichen Interaktion, bedeutet sie etwas für mich? Ich denke nicht, denn weder messe ich meinen Alterungsstatus an der Ansicht junger Frauen noch beziffere ich meinen Alterswert im Vergleich zu Älteren. Hätte ja auch wenig Sinn, ist mir dieser Sinn, der mir Informationen gibt, doch nicht sehr geheuer. Ist Alter(n) vielleicht eine optisch wirkmächtige Kategorie? Ich will hier weder den Zuwachs an Lebenserfahrung schmälern noch die verstärkte Auseinandersetzung mit körperlichen Verschleißerscheinungen.

Ich erlaube mir hier vielmehr den Spaß darüber nachzudenken, wir wären alle körperlos und würden als bunte Kugeln durch die Welt schweben und nur miteinander sprechen. Strebt der Mensch nur durch Vergleich mit anderen nach Selbstverbesserung oder -optimierung? Wären Kategorien wie groß/klein, dick/dünn oder alt/jung weniger von Belang in meiner Welt der Kugelwesen? (Die Kugelwesen gehören eigentlich Platon, ich kenne und liebe sie und habe nur den Begriff ausgeliehen, die Metaphotik ist eine gänzlich andere.)

Wie wirkt sich die Ansicht eines alternden Körpers auf den Umgang mit diesem Menschen aus? Wäre es nicht auch eine Befreiung, diesen Körper nicht zu sehen und andere Kriterien den Umgang bestimmen zu lassen? Würden sich dadurch auch andere Schubladen erübrigen? Wahrscheinlich würden wir neue finden, aber erst mal fände ich das interessant.

Manchmal wünsche ich mir Radikalität: Ich träume davon, mit allen Menschen den Kontakt abzubrechen, die so Sätze sagen wie „Die Schauspielerin find ich einfach total hübsch, daher schau ich mir immer ihre Filme an“ oder „Das ist doch so eine schöne Frau, wieso hat die keinen Mann?“ Diese Bewertungskategorien sind mir so unglaublich fremd, dass ich in einer solchen Unterhaltung oft an den Punkt gerate, wo ich denke, dass es zwischen dieser Person und mir keinerlei Übereinstimmungen geben kann und es besser wäre, sich in Freundschaft von einander zu verabschieden, damit ich mir meine Selbstzweifel nicht immer wieder aufs Butterbrot schmieren muss. So viele Gedanken gehen mir dabei im Kopf herum, dass es sich fast anfühlt wie ein Karusell. Was ist hübsch, was ist hässlich? Wählen Menschen ihre Freunde, Partner, Kollegen, Vorgesetzen und so weiter unbewusst gemäß optischer Kriterien aus und welche Kriterien hab ich selbst? „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, was für ne Plattitüde. Gern genommen auch in Kombination mit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Ich bin etwas wirr, ich geb es zu. Aber noch verwirrt mich dieses Thema, dieser Blog sollte vielleicht eher als Work in Progress gelesen werden.

Vielleicht noch ein Gedanke zum Fortführen zu einem anderen Zeitpunkt: Wie kann ein Mensch, für den seine eigene körperliche Versehrtheit offenkundig ist, der durch Barrieren darauf hingwiesen wird und der selbst darauf hinweisen muss, ein positives Kriterium für seinem Körper entwickeln, das er selbst nicht mal wahrnimmt? Scheint mir, zumindest für die Älteren unter uns (hihi), die Quadratur des Kreises.

Ich weiß, ich hab viel ausgelassen, aber der Strapazen der geistigen Flickflacks ist jetzt erst mal ein Ende.

Lass Bilder sprechen – Social Media, digitale Revolution und the dark side of the moon

Keine Sorge, dieser Blogbeitrag wird nicht davon handeln, dass ich nichts mit Bildern anfangen kann. Auch werde ich mich nicht auf die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten von Vernetzung und Empowerment behinderter Menschen durch das WWW fokussieren, obwohl diese sicher auch ein bis zwei Gedanken und Worte wert wäre.

In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich erläutert, dass es einen graduellen Unterschied zwischen Diskriminierung gegenüber Behinderten zu anderen diskriminierten Gruppen gibt. Denn Behinderte fordern aufgrund ihrer Versehrtheit Verständnis und Hilfe ein. Aber dürfen sie diese ebenso erwarten und einfordern wie People of Color, LGBTQ, alter Menschen etc. die Akzeptanz ihrer Existenz erhalten müssen? Wie ich schon einmal schrieb, etwas stimmt hier nicht. Auf der Handlungsebene gibt es unüberhörbare Analogien: im Bus wird eine blinde Frau ebenso übergriffig angesprochen wie die PoC, die neben dem weißen Cis-Mann sitzt. Aber das ist die Ebene des Andrers-Seins, und hier sollte das Konzept der Antidiskriminierung meiner Ansicht nach ansetzen. Anders ist, wer anders gemacht, gedacht, angesprochen wird. Bei allen anderen diskriminierten Gruppen ist also „nur“ ein Umdenken vonnöten. Dieses „nur“ soll beileibe hier nicht bagatellisieren. Aufgrund dieses „nur“ mussten erst diese Woche 9 Menschen in zwei Shishabars in Hanau sterben. Dieses „nur“ soll diese Tat nicht trivialisieren, ich verurteile sie hier auf das schärfste.

Aber zurück zur Ebene, auf der das Umdenken nicht ausreicht, um die Diskriminierung Behinderter zu reduzieren. Dazukommen muss eine gewisse Fähigkeit, das eigene Handeln auf die Bedürfnisse des behinderten Menschen abzustimmen. Warum steht ein Mensch im Bus einfach vor der Tür und bildet mit seinem Körper ein Hindernis für jemanden, der dann nicht weiß, wie er aussteigen soll. Selbst der Rollstuhlfahrer, der unübersehbar in der Mitte im Bus steht, muss warten, dass Menschen ihm Platz machen, kann sich nicht ohne ihre Unterstützung entscheiden, dass er jetzt sofort aussteigen möchte. Natürlich ist es unrealistisch und letztlich auch nicht von mir gewünscht, dass alle Parameter aller Behinderter immer im Blick behalten werden, kein Mensch wäre mehr frei sich zu bewegen, denn die Bedürfnisse unterschiedlicher Behinderungen sind ja so vielfältig wie die Welt. Ich wollte auch eigentlich auf einen anderen Aspekt hinaus, der in den letzten Wochen verstärkt in meinem Kopf herumspukt.

In den sozialen Medien häufen sich die Blogs und Podcasts blinder Menschen mit der Überschrift „Lieschens (nennen wir sie mal so) Welt“, in denen ebensolche Alltagsituationen wie die Busszene von eben sehr detailliert beschrieben werden. Wie kocht, reist, wandert, sportelt ein bilnder Mensch, wie erziehen blinde Eltern ihr sehendes Kind etc. Ihnen gemein ist, dass sie mit ihren Beitrögen zeigen, was sie leisten können, welche kreativen Strategien sie ersonnen haben, sich die Welt zu eigen zu machen, die nicht an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Allesamt sind es lesens- und hörenswerte Beiträge, die den Alltag dieser Menschen für andere nachvollziehbar machen. Wie weit allerdings solche Beiträge in die nicht-versehrte Community der social Media hineinreichen, kann ich nicht beurteilen. Ich kann aber mutmaßen, indem ich von breit wahrgenommenen Themen auf diese schließe. Und dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher nur sehr schemenhaft wahrgenommen habe: Textbeiträge ohne Foto oder Video erhalten nicht die gleiche Resonanz wie eine „digital story“, die auch optisch kreativ designt wird.

Erst über diesen Umweg gelange ich zu einem Gedanken, der wahrscheinlich vielfach gedacht und besprochen wurde, der mich aber dennoch nicht wenig erschreckt. Denn er impliziert die Frage nach der visuellen Darstellbarkeit von Behinderung. Wer wenig oder nicht sieht, interessiert sich nicht für sie. Aber wer, wie die meisten anderen Menschen, immer mehr über Bilder kommuniziert, die ihn direkt ansprechen, ohne dass er lesen oder verstehen muss, für den besteht die Umwelt aus ästhetisch wertvollen Bildern. Verschwindet also Hässlichkeit aus der öffentlichen Wahrnehmung? Wird sie zum Kontrast für Schönheit verwendet? Wie oft sehe ich Dokumentationen über diskriminierte Menschen, die meisten Hauptdarsteller_innen darin sind ziemlich ansehnlich, soweit mir hier überhaupt eine Beurteilung zugestanden wird. Wie selten sehe ich behinderte Menschen in den Medien, und wenn, dann sind sie ebenso schön wie die Nicht-Versehrten. Aber von diesen gibts nicht so wahnsinnig viele, denn schief stehende Augen, merkwürdig anmutende Kopfhaltungen, andere Bewegungen sind für die meisten nicht schön. Welche Frage stellen sich die Macher_innen von Dokumentationen bei der Auswahl ihrer Protagonist_innen? Suchen sie nach Telegenität, ohne das noch zu merken? Oder wollen sie Image Behinderter mit dem schönen blinden Mädchen stärken, dass Behinderung nicht gleichzeitig hässlich sein muss?

In meinem letzten Schuljahr war ich in den ersten beiden Wochen nach Ferienende nicht im Unterricht, so dass eine neue Klassenkameradin meine Freundin Dagmar fragte, wer denn die abwesende Mitschülerin sei. Dagmar fasste zusammen, was ich hier zusammenfassen möchte: „Ach, die ist behindert, und die sieht auch so aus.“ Und ja, Dagmar war wirklich eigentlich eine Freundin von mir.

Wie können die Bedürfnisse, Wünsche, Diskriminierungserfahrungen einer auch noch sehr breiten und unterschiedlichen Gruppe wie der Behinderten in die Öffentlichkeit getragen werden, wenn doch gerade eines der Hauptkriterien, ihre optisch ansprechende Erscheinung, nicht gegeben ist? Welche Macht hat der Sehsinn über die Gefühle der Menschen Behinderten gegenüber, der sie sich vielleicht gar nicht bewusst sind?

Erinnert irgendwie an die Sexualisierung schwarzer Frauen, oder? Wenn auch in die andere Richtung, aber mit ebenso verhehrenden Folgen für diese. Ha, eine neue Analogie, irgendwie muss ich weiter darüber nachdenken.

Wie meine Welt aussähe

Es ist klar und muss hier hoffentlich nicht wiederholt werden, dass sich das Leben als versehrter Mensch in einer Umgebung frei von offenkundlgen Einschränkungen dieser unterwerfen muss. Je höher das Anforderungsprofil dieser Umgebung ist, umso rarer sind die Nischen, in die sich der versehrte Mensch flüchten kann. Ich selbst grabe mir solche Kammern selbst, trete für Rücksicht und Empathie mir gegenüber vor andere Nicht-Versehrte, lade sie in die von mir zurechgenagten Nischen ein, fordere ihnen Eigenschaften ab, die in ihrer und meiner Umgebung ansonsten nur wenig Platz einnehmen dürften. Ich glaube, weiß es aber nicht, dass diese Anlagen und vielleicht auch Wünsche ebenso in den Nicht-Versehrten aktiv sind, dass die Umgebung sie aber nur zu einem gewissen Maß erlaubt. Arbeite ICH langsam, kann ich mich in die Nische „ich lese das nicht so rasch“ begeben und erzeuge Verständnis. Führe ICH jemandem vor Augen, dass meine Möglichkeiten und meine Fähigkeiten nicht miteinander übereinstimmen, indem ich den Nicht-Versehrten begreiflich mache, dass ich nicht einfach im Ausland arbeiten, eine Habilitation schreiben etc. kann, weise ich sie gleichzeitig auf ihr Privileg, nicht versehrt zu sein, hin. Auch ziemlich unangenehm für meine Mitmenschen, glaube ich. Ich selbst denke oft genug darüber nach, wann ich etwas wirklich nicht leisten kann und wann ich eine bequeme Ausrede verwende, um mich der Umgebung ein Stückweit zu entziehen. In meinem sehr beshäftigten Alltag ist leider oft genug keine Zeit, Arbeitsabläufe einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, um meinen Umgang mit ihnen ausreichend zu reflektieren. Die Best-Practice-Beispiele der Kolleginnen und Kollegen passen zumeist nicht zu meinen Fertigkeiten, so dass ich auf meine eigene Kreativität zurückgreife, um Alternativen für einen bestimmten Ablauf zu entwickeln. Ich beschwere mich nicht über diese Tatsache, habe ich mir doch diese Umgebung bewusst oder unbewusst ausgesucht, verlange nach ihren Herausforderungen und ziehe einen großen Teil meines Selbstbewusstseins aus ihr.

Aber manchmal am Tag, auch wenn ich diesem Gefühl absichtlich wenig Raum zubillige, kratzt ein Bedürfnis an meiner Wahrnehmung, wie meine Umgebung meine eingeschränkten Möglichkeiten auffangen würde. Niemals würde ich diese Wünsche formulieren, denn die Erfahrungen damit haben mir gezeigt, dass sie ausgesprochen und gehört eine verschwindend geringe Haltbarkeit im Bewusstsein der anderen haben. Ich verlange hier die Quadratur des Kreises, denn einerseits wünsche ich mir einen sorgfältigen Umgang mit meiner Versehrtheit, andererseits ist genau dieser wiederum ein Greuel für mich. Denn er zwänge andere Menschen, sich mir gegenüber anders zu verhalten als Nicht-Versehrten gegenüber. Das wiederum würde mich noch mehr von anderen abtrennen und verbesondern, und dagegen kämpfe ich ja ständig.

Heute male ich mir und Euch aber einmal eine Welt, die meinen Alltag verschönern würde. Manchmal passiert die Erfüllung solcher Wünsche unaufgefordert und macht meinen Tag hell und luftig, und manchmal spüre ich nur ganz tief drinnen, wie wieder mal eine gegenteilige Reaktion mein Gemüt verfinstert.

In meiner Welt fragt mich niemand danach, ob ich diesen oder jenen Schauspieler_in kenne, für mich sehen sie alle gleich aus. Die Stimmen unterscheiden sind, aber meist handelt es sich um mehrfach tätige Synchronsprecher_innen. In meiner Welt spielen Schauspieler_innen keine Rolle. Wie sie aussehen, ist ebenso unwichtig für mich wie die unterschiedlichen Rollen, die sie einnehmen. Schade, dass ich mich bisher mit niemandem über gute oder schlechte Vorleserinnen und Vorleser von Hörbüchern unterhalten konnte. Hier habe ich viele fein verästelte Kriterien, wie Sprecherinnen und Sprecher lesen müssen, und hier finde ich meine wahren Heldinnen und Helden. Sie sind analog zu den Schauspielerinnen und Schauspielern der allermeisten Menschen für mich. Schade nur, dass fast niemand sich aufs Hörbuch hören einlässt, weil es eben Filme gibt.

In meiner Welt begrüßt mich niemand, der meinen Alltag nicht teilt. Ich gehe durch meine Welt mit einer personellen Landkarte. Das bedeutet, dass ich genau weiß, es mir aber oft ganz bewusst ins Gedächtnis rufen muss, wen ich in welcher Sitzung, bei welcher Tagung, in welchem Stadtteil, auf welcher Straße treffen könnte. Nanche Menschen erkenne ich dennoch, den genauen Parametern habe ich noch nicht ausreichend nachgespürt, weil sie so heterogen sind. Manchmal erkenne ich meine beste Freundin nicht auf dem Flur, wenn sie schweigend bei einer Gruppe steht, ich sie an diesem Tag noch nicht gesehen und ihre Kleidung noch nicht eingespeichert habe. Manchmal erkenne ich einen Menschen, den ich nur alle drei Monate treffe. Die Stimme ist dabei in meiner Wahrnehmung zwar wichtig, hat aber als einziges eindeutiges Identifikationsmerkmal keinen Bestand. Zu groß sind die akustischen Irritationen der Umgebung, um ein Stimmprofil separiert einspeichern zu können.

Mein Büro hat einen kleinen Vorraum, durch den man zwei Schritte in mein eigentliches Zimmer zurücklegen muss. Das bedeutet, ich kann, wenn eine Person meinen Raum betritt, gar nicht sehen, wer reinkommt, niemand könnte das. Diese Woche hat eine Studentin bei mir geklopft und noch bevor sie mein eigentliches Büro betreten hat schon ihren Namen genannt. Unaufgefordert. Innerhalb von zwei Minuten konnten wir ihr Problem klären, ich konnte mich ausschließlich darauf konzentrieren, ohne vorgeben zu müssen zu wissen, wer sie ist. Ein lichter Moment.

In meiner Welt zeigt mir niemand unaufgefordert ein Foto oder eine Präsentation. Und wenn ich darum bitte, dann nie ohne begleitende Erklärung. In meiner Welt wäre es himmlisch, ein Foto gezeigt zu bekommen, auf dem die groben Umrisse schon mal vorbeschrieben wurden. „Das schwarze da links ist die Oma, das weiße da rechts bin ich im Kinderbett“ Und dann kann ich selbst wählen, was ich auf diesem Foto (sind ja zumeist Smartphone-Fotos) vergrößern möchte.

In meiner Welt ruft mir jeder x-beliebige Fahrgast im Bus beim Aussteigen zu: winzige Stufe, hohe Stufe, Riesenschritt. Wohl gemerkt, er oder sie ruft nicht Achtung, Vorsicht oder Obacht. Eine Angst weniger für die Seele, eine Erschütterung weniger für den Körper, den ich nicht auf den Fuß fallen lasse, indem ich mein Gewicht so lang in der Luft halte, bis der Fuß den Boden berührt hat.

In meiner Welt zieht mich niemand über eine rote Ampel, weil er oder sie genau weiß, dass meine Angst vor dem Verkehr so tief sitzt, dass dieses Über-die-Straße-Ziehen für mich Stress bedeutet. Und der ist nicht abbaubar, weil der nächste Stress schon wartet. Das kann ein anderer Fußgänger sein, eine Mülltonne, die drei Zentimeter zu weit auf den Bürgersteig ragt, ein auf dem Boden befindliches Objekt, das nicht als flach, hoch, rund oder nachgiebig identifiziert werden und daher womöglich zum Straucheln führen kann.

In meiner Welt verlangt niemand von mir ein gehaltvolles Gespräch, wenn ich gemeinsam mit anderen abends nach Hause gehe. Dunkelheit bedeutet Stress.

In meiner Welt sagt niemand „Ich weiß, Du siehst das jetzt nicht, aber drüben steht…“ Warum kann dieser Satz nicht einfach mal runtergeschluckt werden? Ganz einfach, weil sich jemand dann konzentrieren müsste, wie er oder sie mit mir in jedem Moment umgehen muss. Ich kann keinen Anspruch erheben auf ein Verhalten anderer mir gegenüber, auch wenn ich selbst zumeist genau das tue. Ich sage nicht: „Das und das seh ich gerade nicht, geh nicht so schnell, beobachte mich nicht, wie ich meinen Nasenring an die richtige Position rücke, eine Unreinheit im Gesicht berühre, an einem Fleck an meinem Pullover herumkratze… Ich sehe nicht, wenn Du das machst, also weiß ich nie, dass man sowas nicht in Anwesenheit anderer macht und vergesse, dass man es eben nicht tut.“

In meiner Welt tut niemand meine zahlreichen Ängste ab. Ich bewege mich vorsichtig, wenn ich Gläser in der Hand halte, denn wenn ich allein bin und eines runterfällt, finde ich nicht alle Scherben und trete in vergessene. Ich habe Angst vor dem Schneiden mit Messern, denn wenn ich mich schneide, weiß ich nicht, ob nur die Oberfläche der Haut eingeritzt oder der halbe Finger ab ist. Ich habe Angst vor spritzendem Fett, denn ich fühle es nur, habe es noch nie auf Kleidung oder Fußboden gesehen, rutsche vielleicht darauf aus, trage es an meinen Schuhen durch die gesamte Wohnung.

In meiner Welt kommentiert niemand meine Erzählungen, wenn ich im Supermarkt etwas nicht gefunden, mich verlaufen habe, etwas nicht lesen konnte, meinen Lippenstift falsch gemalt habe, mit dem Ratschlag: „Dann lass dir doch helfen.“ So oft ich angwiesen auf Hilfe bin, so oft ich mich dadurch gedemütigt und abhängig fühle, so stark ist das Bedürfnis, in einer für mich nicht gemachten Welt so unabhängig wie möglich zu sein. Und warum das? Weil Hilfe keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Diskrepanz zwischen der Welt, wie ich sie mir wünsche, und der, wie sie sich mir jeden Tag präsentiert, klingt trist, ist aber auch steter Ansporn über das scheinbar Normale nachzudenken